Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 14 (22.4.1899)
- Date
- 1899-04-22
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14. Die Wahrheit. des „Hotels zmn weißen Kreuz". Dass es hier an unzähligen gelungenen Toasten nicht mangelte, bedarf keiner besonderen Erwähnung und wurden an diesem bis lange nach Mitternacht währenden Banquett auch die von Nah und Fern eingelaufenen Begrüßungs-Telegramme, Adressen und Briefe verlesen. Boskowitz. Nach kurzem Krankenlager verschied vor einigen Tagen Herr Max Maier in Skalitz im sechzigsten Lebensjahre. Das Leichenbegängnis fand hier unter großer Betheiligung statt. Die Armen verlieren an dem Verblichenen einen großen Wohlthäter. lieber den Militärdienst der jüdischen Lehrer hat das Bezirkscommando I in Kassel auf die Anfrage eines Zöglings des jüdischen Lehrerseminars in Kassel folgende Anskunft erheilt, durch welche die in dieser Angelegenheit bestehende Ungewissheit beseitigt werden dürste: „Dem Einsender zur Mittheilung, dass das jüdische Lehrerseminar mit den übrigen Seminaren die gleiche Berechtigung besitzt. Es käme also für Sie die Dienstzeit der Bolksschullehrer (zehn Wochen, und von 1900 ab ein Jahr) in Betracht. Jedoch ist es den Seminar-Abiturienten (nicht den im Amte befindlichen Volksschullehrern) freigestellt, jetzt schon ein Jahr mit der Waffe zu dienen". Das Seminar in Kassel ist das einzige jüdische Lehrer-Seminar in Preußen und auch Deutschland, das mit staatlichem Charakter auch die Berechtigung verbindet, eine staatliche Lehrprüsung abzuhalten. Es fragt sich nun, ob die anderen jüdischen Seminarien nicht wenigstens in einem so wichtigen Pnnste die Gleichberechtigung mit den staatlichen Seminarien für ihre Zöglinge erlangen können. Das möchten wir den Anstaltsleitern an's Herz legen. „Wiener Jllustrirte Frauen-Zeitung", Fanlilien- und Mode- Journal, Verlag M. Breitenstein, Wien, IX., Währingerstraße 5. Preis vierteljährig 90 kr. Einzelne Hefte 15 kr. — Probenummer gratis; vorräthig in allen Buchhandlungen. Aus dem reichen Inhalte des vierzehnten Heftes, II. Jahrgang, dieser vornehm ausgestatteten und illustrirten Zeitschrift heben wir hervvr: Gerhard's Frau. Erzählung von Martin Bauer. — Polterabendgedicht. Von A. — Modebericht. — Unser Garten. Bon O. Allmann. — Hygienischer Milchkocher. — Modetheil enthaltend 65 Illustrationen. — Hochzeitsgedicht. Von P. Br. — Nützliche Winke. — Allerhand Hutneuheiten. Bon Marietta. — Schneiderei. — Eine Frühlingsbetrachtung in absteigender Linie. Von H. Ouad. — Aus der Frauenwelt. — Kartoffelgerichte. Von Pauline Berens. — Schwiegervater! Von F. Fließ. — Menu. — Spielecke. — Inserate. Der Nihilist. Ein Zeitroman a u § dem russisch-jüdischen Lebe n. Bon Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (11. Fortsetzung.) Felix Wcmdelowicz hatte noch keine Kenntnis von diesem leidigen Verhältnisse, ihm war Hulda immer noch die liebe Nichte, denn er war der Tochter seines Bruders vom Herzen zugethan. Als er sich zu Tische setzte, lag eine Wolke auf seiner Stirne. „Polizei-Jnspector Rutowsky", sprach er, „hat mir eben eine höchst unliebsame Mittheilung gemacht." „Wie, Rntowski, der sich schon seit Jahren bei uns nicht gezeigt hat, war hier?" fragte Frau Wandelowicz. „Ja wohl, er selbst. Stelle Dir vor, Hulda, er ließ sich dahin aus, dass Euer Alexander unter die Nihilisten gegangen und deswegen verfolgt werde." „Unser Alexander?" fuhr die Genannte erschreckt auf — „das ist nicht möglich." „Euer Alexander! — der Jnspector behauptet es wenigstens. Ja noch mehr, er sagte, er habe den Auftrag, ihn, wo er ihn treffe, zu verhaften und sich einen Einblick in die Verhältnisse seiner Familie zu verschaffen. Er wollte zu diesem Behufe nach Mitau reisen, wovon ich ihn indes abzubringen mich bemühte, weil ein derartiger Besuch nicht bloS Deine Angehörigen erschrecken, sondern auch sonst Aufsehen erregen würde. Ich glaube deshalb richtig gehandelt zu haben, wenn ich ihn durch gewisse Mittel bestimmte, von der Reise abzusehen." „Wer weiß, ob etwas Wahres an der ganzen S-ache ist" — meinte Erich. „Sprich nicht so, der Mann wird sich doch Dergleichen nicht aus dem Finger saugen, wenn er es auch sonst versteht, wo es sein Vortheil erheischt, aus einer Mücke einen Elephanten zu machen." Seite 15. Hulda saß ganz verstimmt da. „Wirst Du Deinem Vater darüber schreiben?" meinte der Onkel. „Gewiss, sofort werde ich es thun." „Ich bin neugierig, ob er nicht schon selbst etwas von dieser misslichen Sache weiß. Wann hattest Du den letzten Brief von Hause?" „Es mögen wohl vierzehn Tage her sein; allein es wurde darin Alexanders gar nicht erwähnt." „Hat denn Alexander nicht geschrieben, dass er von Dorpat fortgegangen sei?" „Ich weiß nichts davon. Er hat mir seit seiner Anwesenheit in Dorpat überhaupt nicht geschrieben." „Ihr stimmt wohl nicht gut miteinander?" fragte Frieda. „O ja, aber Alexander ist kein Freund von vielem Schreiben." „Wenn ich so etwas von unserem Gustav hörte, würde ich schon keine Nacht deshalb schlafen können." „Und glaubst Du etwa, dass mir das Schicksal Alexanders gleichgiltig ist?" meinte Hulda etwas piquirt. „Nur nicht die Sache zu ernst genommen und zu schwarz geschaut" — sagte Erich und versuchte im Laufe des weiteren Gespräches, die Falten von der Stirne Hulda's hinwegzuscherzen; allein es gelang ihm wenig. Man erhob sich ziemlich verstimmt von der Tafel. Als Felix Wandelowicz nachmittags die eingegangenen Briefe durchsah, fand er darunter einen von seinem Bruder aus Mitau; auch für Hulda war ein Schreiben beigefügt. Gerhard Wandelowicz machte seinem Bruder bereits Mittheilung von dem Gerüchte über Alexander und fragte ihn um seinen Rath. Hulda erhielt die Aufforderung, schleunigst nach Hause zu kommen, da die Mutter leidend sei und sich ganz verlassen fühle. Am anderen Morgen reiste dieselbe nach ihrer Heimat ab. 5. Dev Hlebevfcrü'. Ein russischer Winter. Jedes Leben ist bedroht, das sich in's Freie hinauswagt ohne wärmenden Schutz in diese Eis¬ und Frostwelt, der nur die harte Natur der Polarbewohner Stand halten kann. Auf der freien Flüche weithin die glitzernde Weiße des Schnees, wie ein Leichentuch über die erstorbene Natur sich hinbreitend. Oben und unten weite, unübersehbare Nacktheit und Leere im Reiche des Winters. In der sonst freudeverkündenden, jauchzenden Schöpfung traurig öde Stille, nur Todesschweigen. Da tauchen aus einer Versenkung zwei menschliche Wesen auf, die in ihrem Aeltßeren wie Gegensätze erscheinen. Zwei Männer. Der eine jung, schlank und kräftig, aber jetzt von Ermüdung geschwächt, nur durch große Anstrengung noch Herr seiner Bewegung. Er ist mit einem stattlichen Ueberzieher und der russischen, spitzen Pelzmütze bekleidet. Die Wirkungen der Kälte zeigen sich in dem fast bläulich gefärbten Gesicht und dem gefrorenen Hauch, der sich um seinen kleinen Schnurrbart gelegt. Der andere ist ein alter russischer Bauer, aber trotz der grauen Haare eine kräftige Gestalt. In den kurzen russischen Pelz gehüllt, die Pelzmütze tief in die Stirn gedrückt, schreitet er, auf den dicken, festen Knotenstock gestützt, rüstig durch den mitunter fußhohen Schnee weiter, während sein jugendlicher Gefährte von Zeit zu Zeit anhalten muß, um Athem zu schöpfen. Der russische Bauer ist eben gegen derartige Strapazen, gegen Wind und Frost, ganz anders abgehärtet. Der junge Mann ist kein Anderer, als der flüchtige Student Alexander Wandelowicz. Von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf gehetzt, weil er eben die gewöhnlichen Wege und Straßen meiden muß, befindet er sich bereits seit zwei Monaten, seit er das Haus seiner Verwandten in Gomel verlassen, in der gefährlichen Lage des verfolgten politischen Flüchtlings. Er konnte ebensowenig nach Dorpat zurück, wie in das elterliche Haus nach Mitau. Zum Glück war er noch genugsam mit Geldmittel versehen, womit man in Russland Alles zu erreichen vermochte. (Fortsetzung folgt.)