Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 14 (22.4.1899)
- Date
- 1899-04-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Hesterr.-ungcer. Kerntoren-Ieitung. Nr. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19: )ahrg. LkMrns' Ethik des Indenthmns. In gedrängter Kürze dargestellt von M. Abraham, Religionslehrer und Prediger in Leobschiitz. (Fortsetzung.) Zur genaueren Erkenntnis muß man folgende drei Arten auseinanderhalten: Das Heilige, das Unheilige und das weder heilige noch unheilige Gemeine — und entsprechend: das Geweihte, das Weihelose und das Entweihte oder Entweihende. So stehen iu der rabbinischen Sprache trrrp und bibn gegen einander und zwischen ihnen das einfache neutrale °?in. Die Natur, das Werk Gottes, erscheint nirgends als das Unheilige (246). Nicht einmal der Leichnam gilt vom Hause aus als unrein; er wurde es durch die gesetzliche Bestimmung. (S. Pesikta rabb. 14, Bamidbor 19, Tanchuma Chukath); ebenso alles Andere als unrein Erklärte. Der Talmud selbst hat die Gründe für die Reinheitsrichtiger Unreinheits-Gesetze als unerfindlich erklärt, und darauf die Worte Koheleths angewendet: Ich wollte es mit Weisheit ergründen, aber es ist mir unerreichbar (247). Wenn die von uns beliebte sanitäre Begründung für die Rabbiner maßgebend gewesen wäre, so hätten die Reinheitsvorschriften auch — wie alle ethischen Gesetze — außer Landes ihre Geltung behalten müssen (248). Indessen wurden zwar die Vorschriften über Menstruation weiter ausgebildet, dagegen die den Männern gegebenen fallen gelassen. Also nicht unheilig ist die Natur, sondern nur noch nicht heilig; sie kann es ganz oder theilweise werden, durch Verbindung mit sittlichen Ideen; demgemäß auch unheilig durch Unsittlichkeit. Auch die Schönheit, die oft als Verführerin verpönte, gilt dem Judenthum als gottgewollte Schöpfung (249). R. Simeon b. Gamliel, ergriffen von der außerordentlichen Schönheit eines heidnischen Weibes, das er aus den Stufen des Tempelberges sah, sprach die Worte des Psalmisten: „Wie groß sind Deine Werke, Ewiger, sie alle hast Du mit Weisheit gebildet". Die Natur muß dem Menschen dienstbar werden (250). Die Technik, die dieser dabei anwenden muß, ist ein Mittel, um die Aufgabe seines ethischen Daseins zu erfüllen. Erst durch das sittliche Schaffen und Walten des Einzelnen wie der Gesammtheit wird der Weltzweck erfüllt. Mannigfache Aussprüche belegen diese Ansicht. (Abodah sarah 3a, 2b, Nedarim 32a, Aboth VI., 1, Berach 17a Ab. d. R. Nathan Cap. 31.) (256/257). Beachtensmerth bleibt die psychologische Thatsache, dass zwischen dem lebhaft bewegten Gemüthe des Menschen und der Natur eine innige Beziehung hergestellt wird (258). Gefühle und Stimmungen werden übertragen. August Wünsche sagt: Es gehört dieses Einswerden des Menschen mit der Natur in seinen lebhaftesten Gefühlen mit zu der Eigenthümlichkeit der biblischen Betrachtungsweise der Natur (259). Auch die Unannehmlichkeiten im Naturlaufe werden als Gelegenheit angesehen, ethische Gesinnung zu bewähren: Krankheit, Mißwachs, Feuer- und Wassernoth, Erdbeben, Heuschreckenplage, sie fordern zur Bethätigung der Liebe auf. Hoch wird der ethische Werth und Erfolg des Leides veranschlagt (260). Und gerade dieser Umstand ließ selbst in deu trübsten Zeiten keinen Pessimismus auskommen. Mitleid ist ein starkes Band der Vereinigung (262). Auch die menschliche Natur ist vom Hause aus nicht unheilig. Das mp» in man zb -13p der Bibel ist keine Anschuldigung, sondern eine Entschuldigung. Im nie' liegt die Ursache des Bösen, aber der Trieb ist nicht nur in; ihm zur Seite steht der 212 ->2'. Dieser bedeuteten rabbinischem Geiste die Energie der lebenerhaltenden und lebenerzeugenden Kraft. Als Gegenmittel zum bösen Trieb hat Gott die Thora geschaffen (264). Also auf die alle Natur überschreitende Schöpfung des Sittlichen kommt es an. Einen der größten Fehler aller Systeme erblickt Lazarus (265) darin, dass der Gegensatz gegen die Sittlichkeit, gegen die Güte, überhaupt gegen die Idee — iii der Sinnlichkeit des Menschen gesucht und gefunden wird. Wohl fällt das Sinnliche zuerst und am meisten auf; aber nicht dieses allein bedarf der Läuterung. Die schlimmeren Feinde sind die natürlichen, nicht die sinnlichen Triebe: Neid, Mißgunst, Ehrgeiz, Hochmuth, Uebermuth, Herrschsucht, Rachsucht, Selbstsucht iu jeder Form. Lazarus sucht den Ursprung obigen Fehlers (266) in der auf den Pythagoräer Alkmaion zurückzuführenden parallelen Reihen von Begriffen, die man zur schärferen Unterscheidung ausgestellt. Licht und Finsternis, Weisheit und Thorheit, Wahres und Falsches, Gutes und Böses, Recht und Unrecht. Hier konnte man alle Glieder der einen Seite mit ziemlichem Rechte einander gleichstellen, ebenso die der anderen Seite. Aber die Fortsetzung der Reihe konnte zu großem verhäugisvollen Jrrthum führen, wenn man Begriffe wie folgende hinzufügte: Rechts und Links, Männlich und Weiblich. Licht und Finsternis, Gut und Böse. Männlich und Weiblich — sagt Lazarus (267) — das ist nicht blos ungalant, das ist entsetzlich. Zu den Gegensätzen, die bald ausfallen mußten, gehören: Seele und Leib, Geist und Körper, oder geistig und sinnlich. So standen denn bald Licht, Weisheit, das Gute und der Geist aus der einen, die Materie mit allen Negativen auf der anderen Seite — und so wurde der Leib und die Siunlichkeit des Menschen zum Nichtigen, Verwerflichen, Argen. Das Judenthum ist von diesem psychologischen Jrrthum verschont geblieben. Es rechnet mit der Wirklichkeit des Daseins und will die Verwirklichung der Idee (268). Bei Beiden aber werden Seele und Leib in Verbindung und gemeinsamer Thütigkeit gesunden. Der Gegensatz von Gut und Böse wird viel erörtert, aber nicht von Seele und Sinnlichkeit. Allerdings wird die geistige Beschäftigung vor den ausschließlichen leiblichen Genüssen — aber ihres idalen Gehaltes wegen — hochgeschätzt. Im Vergleiche mit der Hinfälligkeit sinnlicher Güter ist das Geistige ja das Dauernde (268); ebenso ist es,das die Menschen Einende, während das Leibliche die Menschen trennt und in bittere Kämpfe stürzt. Das Geistige ist auch das specifisch Menschliche, die Sinne sind nur ein geringeres Organ. Innerhalb des geistigen Lebens ist wieder die Sittlichkeit das Höchste. Zu ihrer Bethätigung sind aber leibliche Handlungen nothwendig. In Summa: Nicht Bekämpfung, sondern Beschränkung, nicht Vernichtung, sondern Läuterung, nicht llnterdrückung sondern Veredlung der natür'icheu