Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 14 (22.4.1899)
- Date
- 1899-04-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12. Die Wahrheit. Nr. 14. synagoge unter überaus zahlreicher Theilnahme der Gemeinde und hervorragender andersgläubiger Persönlichkeiten ein feierliches Requiem veranstaltet. Obercantor D. Grün stein erwarb durch seinen weihevollen Vortrag und die exacten Leistungen seines gutgeschulten Chores wohlverdiente Anerkennung. Heimweh. Erzählung von Eduard Kulke. Vater! lebt es denn? Wer? Das Christkindel! Frag' die Mutter. Wie sieht es denn aus? ist es schön? Frag' die Mutter! Wird es heute selber zu uns herein kommen? Frag' die Mutter. Nicht wahr Vater, es thut mir nichts, wenn es kommt? Frag' die Mutter, liebes Kind, die Mutter mußt Du fragen! Die Mutter? weißt Du es denn nicht? Ach! das Kind bricht mir das Herz mit seinen unschuldigen Fragen! — seufzte der traurig dasitzende Mann, an welchen diese Fragen über das Christkindlein von seinem noch nicht vierjährigen Töchterchen gerichtet werden. Die Mutter aber, welche im Nebenzimmer mit der Herrichtung des Christbanmes beschäftigt, das sonderbare Frag- und Antwortspiel zwischen Vater und Töchterchen, ohne dass sie es beabsichtigte, durch die nicht ganz geschlossene Thüre erlauscht hatte, brach fast zusammen mit dem Ausruf: Nun ist es gewiss! Meine Ahnung hat mich nicht betrogen! Josef, Josef, Du bist unglücklich und ich kenne jetzt den Grund Deines Kummers; Du kannst es mir nicht länger mehr verbergen, und wer Dich in's Unglück gestürzt ha», das bin ich! Der Mann, erschrocken über den wilden Ausruf seines sanften Weibes, stürzte rasch in's Nebenzimmer, versuchte die zu Boden Gesunkene aufzurichten, stammelte einige unzusammenhängende Worte von Hoffnung auf die Zukunft, von unabänderlichem Beschluss des Himmels und zitterte dabei noch mehr, als das zitternde Weib, das er in seinen Armen hielt. Plötzlich aber richtete sich das Weib, wie mit Riesenkraft empor, die Gewalt schien größer geworden und in den Himmel zu wachsen, und mit einer Festigkeit der Stimme, der man nichts mehr von dem vorausgegangenen Schmerzensrufe anmerken konnte, rief sie dem Manne zu: Es ist gut Josef! es ist gut! es ist vorbei! Du hast mir ein Opfer gebracht Josef! Das Opfer war zu groß für Dich! Du sollst erfahren, wem Du es gebracht hast, Du sollst mich kennen lernen Josef! Um Gottes Willen — rief der Mann — was hast Du vor? Sei ruhig Josef — erwiderte das Weib — Du wirst es erfahren; nur heute nicht, nur jetzt nicht. Jetzt thue mir den Gefallen und störe heut' Abend nicht das Weihnachtsfest. Du n'cißt, ich habe meinen Vater zum Christabend eingeladen. Stör' ihm nicht die Freude, die er hier zu finden erwartet. Richte Dich auf, Josef! sei stark und zeig' ein freundliches heiteres Gesicht. Mit diesen Worten umarmte sie den geliebten Mann und drückte einen langen Kuss auf seine Lippen. Versprichst Du mir also? — fragte sie dann, indem sie ihm zärtlich mit der Hand über die Wange fuhr. Marie! — sagte Josef — ich verdiene nicht Dich zu besitzen. Sei kein Narr — sagte Marie freundlich lächelnd — wenn Du mich nicht verdient hättest, so hält' ich Dich ja nicht genommen. Jetzt aber mach' ein heiteres Gesicht. Das bitt' ich mir aus für heut' Abend, hörst Du? Ich will thun, was ich kann, Marie! — erwiderte Josef, und nochmals umarmten und küssten sich innig die beiden Gatten. Hannerl, so hieß das Töchterchen, hatte der ganzen ihr unverständlichen Scene beigewohnt; aber so viel Verständnis für den Vorgang hatte das Kind doch, dass die Thränen, die es bei der vorausgegangenen Aufregung der Mutier vergossen hatte, sich rasch trockneten, und das betrübte Gesichtchen sich in das fröhlichste Kinderantlitz verwandelte, so wie die versöhnenden Worte von den Lippen der guten Mutter mild und erquickend niederfloßen. Nicht den Sinn dieser Worte verstand das kleine Mädchen, aber den ganz veränderten Ton der Stimme vermochte es zu unterscheiden; freudig traf dieser das kleine Kinderherzchen. Und nun drängte die Mutier das Kind wieder aus der Stube, um die Lichtlein an dem Christbaum aufzustecken und die verschiedenen Bescheerungen des Christkindleins an den Zweigen des grünen Tannenbaumes in so glänzender Weise, als es ihr Ordnungssinn ihr eingab, anzubringen. Während die Mutter sich drinnen in der zweiten Stube mit den Zurüstungen für den Christabend beschäftigte, saß draußen in der ersten Stube in dämmernder Abendstunde der Vater, nahm das Kind liebreich in seinen Schoß, streichelte ihm sanft das kleine herzige Blondköpfchen, und hatte dabei gar eigene Gedanken. Er versetzte sich in eine frühere Zeit zurück, in eine Zeit, da ihn der heranrückende Christabend nicht so fremdartig angemuthet, als es heute der Fall war, in eine Zeit, da er diesem Abend vielmehr mit freudigem Herzklopfen entgegenharrte und da er sich auf die Bescheerung des Christkindleins freute, mehr freute, als jetzt sein kleines Töchterlein, denn was ihm damals bescheert wurde, das war ja kein Geschenk gewöhnlicher Art, kein Bretzelmann, keine vergoldete Nuss, kein Bilderbuch, überhaupt kein Geschenk, wie man es in den am Marktplatze aufgestellten Buden zu kaufen bekommt; was ihm bescheert wurde, das war ja ein wahrhaft himmlisches, ein wahrhaft göttliches Geschenk, das war ja ein einzig auf dieser Welt und nur allein da für ihn, für den geliebten Bräutigam — es war ja sein theneres Weib, seine Marie, mit der er vor fünf Jahren an diesem Abende verlobt worden war. Ach, es war eine schöne Zeit, es war damals ein ganz anderer Christabend, als der, dem er heute entgegenging. Was gab es damals nicht für Lust und Scherz und Fröhlichkeit, und wie kam's, dass sich das Alles so sehr, so gar sehr verändert! Im Hause Reb Wolwens ist es heute ziemlich stille. Nicht des Sabbaths halber, denn der Sabbath ist wohl der Tag der Ruhe, doch nicht der Lautlosigkeit; aber Vater und Sohn waren nicht daheim, sie waren auf den Gödinger Ochsenmarkt gegangen und blieben über den Sabbath aus. Daheim waren blos die Mutter und die Tochter. Das Mädchen pflegte zwar manchmal mit ihrer Hellen Kehle ein hübsches Liedchen zu singen, wenn aber Jittesch am Sabbath-Nachmittag ein kurzes Schläfchen machte, oder wenn sie, nachdem sie dies gethan, sich die große Brille auf die Nase setzte und sich ihren „Menorath-Hamor" — dieses Buch voll wunderbarer Sagen und Legenden auf den Schooß legte, um darin zu lesen, dann setzte sich Finkele ruhig in einen Winkel der Stube und schaute die fromme Mutter mit Ehrfurcht an und hielt den Ton in der Kehle zurück und sang nicht, um die fromme Mutter nicht zu stören, nicht im Schlafe und nicht im Menorath-Hamor. So saßen sie denn beide ruhig und still in der sabbathlichen Stube, die Mutter las und erquickte ihr Gemüth und die Tochter machte sich allerlei Gedanken über die schönen, weißen, reinlichen Fenftervorhünge, über den Gödinger Ochsenmarkt, über den Bruder Jossef und über Jakob Löb, der nicht ihr Bruder war und über noch Vieles, woran so ein junges Geschöpf, wie Finkele, cOen zu denken hat. Als die beiden so in ungestörter Sabbathruhe da saßen, öffnete sich geräuschlos die Thüre und eine lange hagere Figur steckte leise und vorsichtig den Kopf herein. Es war Reb Choneh mit dem langen blauen Sabbath-Rock, dessen Schöße ihm um die dürren Beine herum baumelten, und mit denr schwarzen Sammtkäppchen auf dem Kopfe. (Fortsetzung jolgt.)