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Die Wahrheit · 1899-04-22 · Heft 14 (22.4.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 14 (22.4.1899)
Date
1899-04-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 14. Die Mahrheit. Seite 9. thümlicher Weise illustrirt. Der Tag, der vom Minister als Eröffnungstag für die Versammlung festgesetzt war, der 26. Juli, fiel auf einen Sabbath, und es wurde von den Mitgliedern gefordert, dass sie in dieser ersten Sitzung die Wahl des Präsidiums durch geschriebene Stimmzettel vornehmen sollten. Doch scheint der Regierung die Absicht ferne gelegen zu haben, irgend einen Gewissenszwang zu üben. Wenigstens ging auf vertrauliche Anfragen einiger Deputirter aus der Umgebung des Ministers die Antwort ein, dass es der Versammlung freistehe/ wenn sich der Erledigung des Wahlgeschäftes an dem angesetzten Tage ein Hindernis entgegen stelle, die Constituirung zu vertagen.*) In einer von den Rabbinen angeregten Vorbesprechung wurde auch unter Berufung auf diese Mittheilung eine Verschiebung beantragt. Aber einige überängstliche Gemüther trieben ihre Loyalität so weit, dass sie erklärten, man dürfe an der officiellen Anordnung auf Grund von Privatmittheilungen nichts ändern.**) Die gesetzestreuen Mitglieder mussten sich daher zu dem Auskunftsmittel entschließen, ihre Wahlzettel am Tage vorher zu beschreiben. In der Sitzung selbst, die in einem Saale des Hotel äe ville stattfand, und zunächst von einem Alterspräsidenten, dem Rabbiner Salomon Lipmann aus Colmar geleitet wurde, vollzogen sich dann die erforderlichen Wahlen. Die Abstimmung bei den Wahlen ergab das keineswegs unerwartete Resultat, dass die Aemter des Präsidenten und der beiden Schriftführer portugiesischen Juden zufielen. Für den Präsidentenstuhl hätte man in der That keine würdigere Persönlichkeit finden können, als den hochgebildeten, in parlamentarischen Formen bewanderten Abr. Furtado aus Bordeaux. Aus einer alten portugiesischen Marannenfamilie stammend, die nach dem Erdbeben von Lissabon ausgewandert und zum Judenthum zurückgekehrt war, hatte Furtado sich gleich nach Beginn der Revolution politisch hervorgethan und sich der Partei der Girondisten angeschlossen. Infolge seiner Parteistellung war er während der Schreckensherrschaft seines Vermögens beraubt worden und selbst in Lebensgefahr gerathen, hatte aber später Vermögen und Ansehen wieder erlangt. Er besaß feinen Tuet und diplomatische Gewandtheit, auch eine einschmeichelnde Beredtsamkeit — Eigenschaften, die ihn zur Leitung einer parlamentarischen Versammlung besonders geeignet machten. Von den Secretären nenne ich den gelehrten Sprachen- und Geschichtskenner Aoigdor aus Nizza. Die äußeren Formen, unter denen die Thätigkeit der Deputirten-Versammlung sich vollzog, haben wir uns recht würdevoll und imposant zu denken. Die Deputirten erschienen in hofmäßiger Tracht: Frack, Kniehosen und seidene Strümpfe, mit dem Dreispitz in der Hand. Vor dem Sitzungssaale im Hotel äo ville war eine militärische Wache unter dem Commando eines Officiers aufgestellt. Sobald die Versammlung sich constituirt, trat der Officier zu dem Präses Furtado heran, um dessen Befehle entgegenzunehmen. Nach dem Schluss der Versammlung wurden die Trommeln gerührt, die Wache trat in's Gewehr und bildete Spalier beim Herausschreiten der Deputirten. Als zu der zweiten Sitzung am 29. Juli (im Gebäude der Seine-Präfectur) das Erscheinen kaiserlicher Commissarien angekündigt war, wgrde ein besonderer Ausschuss von fünfzehn Mitgliedern erwählt, die die Gesandten abholten und sie feierlich in den Saal geleiteten.*) Dass sehr häufig, namentlich bei Beginn und Schluss der Sitzungen, die Gefühle höchster Bewunderung und Verehrung für den Kaiser zum Ausdruck gebracht wurden, ist bei dem vielen Weihrauch, der damals Napoleon bei allen öffentlichen Kundgebungen gestreut wurde, und bei der Dankbarkeit, die speciell die Juden für ihren Wohlthäter hegten, durchaus erklärlich. Gleich in der ersten Sitzung wurde der Antrag angenommen, die Stellen des kaiserlichen Tecrets, die sich auf die Einberufung der Versammlung bezogen, in Stein aushauen und diese Tafel nebst einer kaiserlichen Büste im Sitzungssaale nufstellen zu lassen. Die Hauptsache aber war die ernste Arbeit, die für die Deputirten auszuführen war. Von drei kaiserlichen Staatsräthen (Mol6, Portalis und Pasquier) wurden der Versammlung im Namen des Kaisers zwölf Fragen vorgelegt, die es galt, mit Eifer zu studiren und mit Sorgfalt und Vorsicht zu beantworten. Die Fragen bezogen sich alle auf solche Punkte, in denen Satzungen und Gebräuche des Judenthums das bürgerliche Leben berührten und mit den Sitten oder Gesetzen des Landes in Widerspruch zu st e h e n schienen. Die Regierung wollte solche Widersprüche beseitigt sehen und legte den Deputirten nahe, durch bessere Auslegung die Religionsgesetze mehr mit den Pflichten der Staatsbürger in Einklang zu bringen. Natürlich wurden solche Winke verstanden. Ter Präsident Furtado freute sich der Gelegenheit, die der Versammlung zutheil geworden, eingewurzelte Jrrthümer über die Juden und ihr Gesetz aufzudecken und dadurch viele Vorurtheile zu zerstören. Um den Intentionen der Regierung besser entsprechen zu können, wurde gleich nach Bekanntgebung der Fragen eine Commission von zwölf Männern ernannt, die die Antworten vorberathen und redigiren sollten. In dieser Commission soll neben einigen andern Rabbinen besonders Sinzheim eine eifrige Thütigkeit entfaltet haben. In wenigen Tagen waren die Texte der Antworten redigirt, und erst, nachdem man sich durch vertrauliche Anfragen überzeugt hatte, dass die Regierung mit dem Geist und Inhalt derselben zufrieden war, legte man sie dem Plenum der Versammlung zur Durchberathung vor. Werfen wir einen kurzen Blick auf die Fragen und Antworten und die Verhandlungen, die über sie geführt wurden. Die Fragen lassen sich leicht in vier Abtheilungen zu je drei Fragen gliedern. Von diesen behandelte die erste Abiheilung die jüdischen Vorschriften in Bezug auf Heirat und Ehescheidung, die zweite die Auffassung der Juden von ihren Pflichten gegen ihre nichtjüdischen Mitbürger und gegen das Vaterland, die dritte die Stellung und die Rechte der Rabbinen, die vierte die gewerbliche Thätigkeit der Juden und die Bestimmungen über den Wucher gegenüber Juden und Nichtjuden. Die erste Frage, ob es den Juden erlaubt sei, mehrere Frauen zu heiraten, durfte mit Recht von der Versammlung verneint werden, indem man sich auf den Beschluss einer Synode von Rabbinen berief, die im 11. Jahrhundert unter dem Vorsitz des Rabbi Gerschon ben Jehuda zu Worms getagt und die Polygamie für die Juden des ganzen Orridents verboten halte.**- *) Bran, I., 332, ff. Kohut, Geschichte der deutschen Juden. 1., S. 2t. 25ran, I., p. 387. **) Bran, I., p. 77-80.

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