Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-04-22 · Heft 14 (22.4.1899) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 14 (22.4.1899)
Date
1899-04-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062987--00231-3066723
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 14. Gott selbst und nicht von einem Menschen beherrscht wissen will? Die Thora erlaubt wohl die Einsetzung eines Königs, aber ein König als die letzte Hoffnung des Volkes ist durchaus gegen ihren Geist. Außerdem gilt Israel nach der Thora als auserwähltes Volk, welches sich von allen anderen Völkern durch Charakter, Gesetze und Bräuche unterscheiden soll — was zur Wahrung seiner Eigenheit dem jungen Volke durchaus nöthig war. Wie können wir also annehmen, dass zu dieser Zeit der Gedanke aufkommen konnte, dass Israel mit den Völkern zu einem Reiche vereinigt werden sollte? — Aber wir wollen uns die vermeintlichen Spuren der messianischen Hoffnung in der Thora näher ansehen. Allgemeine Verheißungen sind enthüllen theils an die Patriarchen (1 M. 17, 4—7; 22,18; 26,4; 28,14; 35,11), theils an das Volk (3 M. 26,44 und 5 M. öfters). Aber all' die Verheißungen sind weiter nichts als allgemeine Versicherungen, dass Gott seinen Bund mit den Vätern und dem Volke halten wird, und haben nichts gemein mit der messianischen Hoffnung. Selbst die Verheißung, dass alle Völker der Erde sehen werden, dass der Name des Ewigen über Israel genannt wird, und werden sich vor ihm fürchten (5 M. 28,10), ist keineswegs als messianisch' zu bezeichnen. — Nicht anders steht es um die Verheißungen, welche von einer einzelnen Person sprechen. In den Worten Jacobs: Nicht weichen wird das Scepter von Juda, noch der Herrscherstab von seinen Füßen rtew ko.' *>5 nr, und ihm wird der Gehorsam der Völker (1 M. 49,10), wollten Viele eine Andeutung auf den Messias erblicken. Der Eine übersetzt diese Worte: bis kommen wird, wem die Herrschaft gehört (sodaß eine Abkürzung wäre für •bv msb&rnp 1), der Andere: der, welchem man Geschenke darbringt (b'vb'v 1), noch Einer wiederum hält Schilo für den Eigennamen des Messias und übersetzt also: bis Schilo kommen wird, und Manche erklären sogar diesen Namen als charakteristisch für den Messias, weil rtfrv soviel wie ai^rv „Der Friedensfürst" heiße! Me schwach wäre aber ein Gedanken, der sich auf solche Tüfteleien stützen müßte! Es ist aber klar, dass die Alten unter Schilo nicht den Messias verstanden, denn sonst würden sie ja den Messias immer Schilo nennen, wie ihn die Thora genannt hat. Der schlichte Sinn der Thora läßt auch solche Deuteleien nicht zu, da sie offenbar nur die künftige Stellung des Stammes Juda zeichnen will. Denn ehe die Israeliten nach der Stadt Schilo kamen, stand der Stamm Juda au der Spitze der übrigen Stämme bei der Eroberung des Landes. Seine Vorherrschaft hörte aber in der Richterzeit auf, bis David die Herrschaft über alle Stämme erlangte. Wer also in diesen Worten der Thora einen Hinweis auf den Messias zu finden behauptet, täuscht sich selbst, oder will Andere täuschen. — Auch eine Prophezeiung Bileams, hat man auf den Messias gedeutet, und zwar folgende Worte: Ich sehe ihn, doch nicht jetzt; ich schaue ihn, doch nicht nahe; es tritt hervor ein Stern aus Jacob und entsteht ein Stab ans Israel und durchbohrt die Seiten Moabs und zerschmettert alle Söhne Schels. Und Edom wird Eroberung, ja Eroberung wird Seir seiner Feinde. Doch Israel voüführt Mächtiges (4 M. 24, 17 —18). Aber wer Augen hat, sieht wohl, dass diese Worte auf David zielen: er hat Moab zerschmettert sammt seinen Bundesgenossen; er eroberte Edom und machte Alle zu Knechten (2 Sam. 8,14). Und wie könnte man auch denken, dass die Hoffnung Israels für die messianische Zeit sich auf die Eroberung von Moab und Edom beschränkte? Zu verschiedenen Zeiten ist das Gebiet der israelitischen Herrschaft viel weiter ausgedehnt gewesen, wie zur Zeit Salomos und Johann H y rkans — und doch hofften sie noch auf den Messias? — Die Veranlassung zu diesem Jrrthum gab R. Akiba, der auf Bar- Koch b a die Worte 2212 -pi bezog. Aber das war nur Wortspiel, ohne dass R. Akiba den wirklichen Sinn dieser Worte damit verbinden wollte. Denn die Talmudlehrer haben es nie unternommen, die messianische Hoffnung durch die Thora zu begründen, wie sie es etwa mit der Auferstehung gethan haben. Die wahre Grundlage der messianischen Hoffnung ist vielmehr in der Dynastie Davids gegeben. (Fortsetzung folgt.) Uapoteoll s. und die Inden. Von!>r. A. Aeilchenfeld, Hamburg. (Fortsetzung.) Freilich gab es auch unter den Depulirten deutscher Abstammung gar manche, die dem Judenthum und ihren französischen Mitbürgern zur Zierde gereichten.*) Sie verhielten sich sich aber wohl deshalb Anfangs etwas zurückhaltend, weil sie meist aus solchen Bezirken kamen, in denen das Benehmen einzelner Juden Anlass zu Klagen gegeben hatte. Die Vertreter dieser Bezirke hatten naturgemäß erst die Vorurtheile zu überwinden, die ihre eigenen Glaubensgenossen und noch mehr die Christen gegen sie hegten. Besonders die deutschen Rabbinen, deren es übrigens nur wenige in der Versammlung gab, hatten unter solchen Vorurtheilen viel zu leiden. Von ihnen hatte man bis dahin in Frankreich eine ganz seltsame Vorstellung; man hielt sie nicht blos für Feinde der modernen Bildung, sondern glaubte auch, dass sie mit den einfachsten Regeln der allgemeinen Sitte unbekannt wären. So hebt ein christlicher Berichterstatter, der uns von der Eröffnungssitzung der jüdischen Deputüten-Versammlung Kunde gibt, ganz besonders hervor, dass es bei den Verhandlungen durchgängig mit Anstand hergegangen sei, und dass auch die Rabbinen, denen man solches am wenigsten zugetraut, sich mit rühmlicher Feinheit und Ordnung betragen hätten.**) Einer unter den Rabbinen bildete übrigens selbst in der Meinung des christlichen Publicums eine Ausnahme. Das war der fromme und gelehrte Rabbiner David Sinzheim ans Straßbnrg. Wie dieser bei seinen Glaubensgenossen den Ruf eines der gründlichsten Kenner der jüdischen Satzungen genoss, so rühmen ihm christliche Beurtheiler nach, dass er volle Würdigung für die Forderungen der Zeit besessen habe. Gerade der früher erwähnte Grsgoire, der mit den deutschen Rabbinen im Allgemeinen so unzufrieden ist, lobt Sinzheim wegen des Eifers, mit dem er seine Gemeindemitglieder zur Erfüllung ihrer Bürgerpflichten und zur Ausübung allgemeiner Menschenliebe angehalten habe. Sinzheim hatte auch schon zu einer Zeit, als den Juden noch keine Gleichberechtigung eingeräumt war, die Behörden seines Bezirkes angeregt, die Juden znm Landbau, sowie zum Betrieb der Handwerke und Künste zuzulassen. Solche Männer wie Sinzheim waren so recht geeignet, dem Rabbinerstand in Frankreich zu der ihm gebührenden Achtung zu verhelfet». Dass der rabbinische Einfluss damals noch gering war, wird durch einen Vorgang bei der Eiöffnungssitzung in cigen- *) Vgl. Gr netz, Gesch. d Id. XI. p. 276 u. 278. **) Vgl. B va 11, Gesammelte Ärtenst. I., p. 80.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.