Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 14 (22.4.1899)
- Date
- 1899-04-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3062987--00230-3066722- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 7 Nr. 14. Die Wahrheit. gemäß versuchen sie die morschgeglaubte Scheidewand mit aller Kraft aufrecht zu rchalten. Nur theilen sie eine gewisse Praxis mit den spanischen Inquisitoren, respective Jesuiten, indem sie das Geld, das aus aschkenasischer Hand kommt, nämlich das der Alliance Israelite Univ., des Baron Hirsch, der Anglo- Jewish-Association, gnädigst entgegennehmen. Gegen diese Summen, die nach Zehntausendcn sich beziffern, erheben sie keinerlei Bedenken und streifen sie wohlgefällig ein — non ölet. — Es dürfte die Zeit lehren, wie lange noch die hiesigen aschkennstschen Juden in ihrer Desorganisation verharren und als die Parias den spaniolischen Granden gegenüber ohnmächtig dastehen werden. Die Rustschuker deutschen Juden haben sich bereits autonom gemacht, und nach diesem Vorbilde sollten auch die deutschen Juden Sofias handeln, um nicht das Ungnadenbrot ihrer sephardischen Brüder genießen zu müssen. Dr. Samuelsohn. Lin gutes Werk. Unter den zahlreichen israelitischen Humanitätsvereinen Wiens ist der „Verein zur Unterstützung armer, kranker Israeliten" einer der segensreichsten, dessen eminent wohlthätiges Wirken jedoch oft verkannt wird. Wer, wie Heine sagt, das dreifache Unglück hat, arm, krank und Jude zu sein*) und demzufolge gezwungen ist, fern von den Seinen Heilung zu suchen, befindet sich in der richtigen Stimmung, sich, wenn er religiös ist, um so fester an seinen Gott zu klammern. Aber viele Juden, die Zeit ihres Lebens wenig oder gar nicht an die Vorschriften und Uebungen der Religion gedacht, fühlen in der Krankheit das Herzensbedürfnis, im Glauben Trost und Ermunterung zu suchen. „Wenn mir ein Leid widerfährt, rufe ich den Ewigen an", sagt der. Psalmist, und so sehen wir viele Glaubensbrüder, die im Kampfe um's Dasein das Religionsgesetz vergessen, sich in der Krankheit desselben nicht nur erinnern, sondern dasselbe auch heimlich beobachten. Vor die Alternative gestellt, trefa zu essen oder durch ungesunde Ernährung ihren Zustand zu verschlimmern, ja ihr Leben zu gefährden, entspinnt sich in vielen Kranken ein Seelenkampf, der Geist und Körper erschüttert und oft zum Untergange führt, so sich der Kranke nicht entschließt, trefa zu essen. — In diesen Fällen ist die Verabreichung der Koscher-Kost viel weniger eine Beobachtung der Speisegesetze, als eine rettende That. Wir können es getrost dahin gestellt sein lassen, ob der Kranke Recht hat oder nicht. Wir haben mit der Thatsache zu rechnen, dass so und so viele Kranke zu Grunde gehen müssen, oder doch zumindest nicht geheilt werden können, wenn ihnen zu der ausgezeichneten Spitalsbehandlung und Pflege nicht auch Koscher-Kost verabreicht wird, die sie von peinlichen Scrupeln befreit. Diesem Factum trägt der oberwähnte Verein seit Jahren Rechnung, indem er mit Genehmigung der löblichen Spitalsverwaltung im k. k. Allgemeinen Krankenhause bedürftigen israelitischen Kranken Koscher-Kost gratis verabreicht. Mit welcher Mühe und Arbeit die Beschaffung eines Budgets von fl. 6000 und die Leitung des Vereines verbunden ist, lässt *) Für uns ist arm und krank sein ein Unglück, Juden zu sein, sind wir stolz. sich kaum schildern. Und dennoch ist die Verwaltung in der traurigen Lage, zahlreiche Gesuche zurückweisen zu müssen, weil die Eingänge nur für täglich dreißig Personen reichen; nur am Pessachfeste übersteigt die Zahl derselben hundert. Wir hoffen, dass es nur dieser Aufklärung bedarf, dass die Koscher-Kost sich als einziges Heilmittel vieler Kranken darstellt, um unsere so mildherzige Glaubensgenossen alle zur Unterstützung dieses Vereines zu veranlassen. Die beste und wärmste Empfehlung bietet nachstehende Erklärung der hervorragendsten Meister der Wiener Kliniken, die vom Geiste der reinsten Humanität eingegeben ist. E r k l ü r u n g. „Die Unterzeichneten Professoren und Abtheilungsvorstünde des k. k. Allgemeinen Krankenhauses in Wien bestätigen, dass der „Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten in Wien" seit einer Reihe von Jahren die in genannter Heilanstalt in Behandlung befindlichen israelitischen Patienten, die nichtrituelle Kost entschieden ablehnen, auf deren Wunsch mit kräftiger, nahrhafter Kost versehen hat. Erwähnter Verein ist ein Wohlthätigkeits-Verein von rein humanitärer Tendenz und verdient als solcher schon darum Unterstützung vor allen anderen Institutionen ähnlicher Art, als viele israelitische Kranke eher die schädlichen Folgen des Hungers ertragen, als dass sie sich dazu entschließen würden, die Spitalskoft oder überhaupt andere nicht nach jüdischem Ritus zubereitete Speise zu genießen." Wien, im Jänner 1887. Gez. Schrötter in. p., Prof. Albert m. p., Prof. Auspitz m. p., Prof. Br. Dittl m. p., Prof. Dr. Adam Politzer in. p., Nothnagel m. p., Stellwag m. p., Prof. Dr. Josef Gruber m. p. Spenden und Beitritts-Erklärungen erbitten wir an den „Verein zur Unterstützung armer kranker Israeliten in Wien", 11., Untere Augartenftraße 17. Zur Geschichte der jüdischen Tradition. Bon Lector I. H. Weiß. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahan. (Fortsetzung.) Eine Grundanschauung des Judenthums, welche nur in der mündlichen Tradition wurzelt, nämlich die Hoffnung auf das Erscheinen eines M e s s i a s, verdankt ihren Ursprung diesem Zeitraum. Viele suchten den Ursprung dieser Hoffnung in der Thora, aber dazu ist gar keine Berechtigung vorhanden. Wenn wir die herrlichen Bilder betrachten, welche die messianische Zeit ausmalen, dann sehen wir, dass die Thora davon nichts enthält und ihrem Wesen nach nichts enthalten kann. — Die Hauptmerkmale der messianischen Zeit sind nach der Schilderung der Propheten: sittliche Vollkommenheit des ganzen Menschengeschlechtes, herbeigeführt durch das jüdische Volk und die wahre Gotteserkenntnis, welche allen Völkern zutheil geworden; das Reich Gottes mit einem König aus dem Stamm Juda an der Spitze; das Emporblühen von Wahrheit, Gerechtigkeit, Frieden, Liebe; allgemeines Glück, Gorteserkenntnis und Gottesfurcht. Wo ist aber in der Thora auch nur eine Spur von all' Diesem? Wie können wir. in der Thora die Hoffnung auf die Herrschaft eines menschlichen Königs suchen, da sich ja Israel von