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Die Wahrheit · 1899-04-22 · Heft 14 (22.4.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 14 (22.4.1899)
Date
1899-04-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 14. Nachdem nun, wie aus dem Voranstehenden zu sehen ist, das Blatt einerseits constatirt hat, wie unmittelbar die Begegnung zwischen der Zeugin und dem unbekannten Strolche, die am helllichten Tage stattgefunden hat, war, so dass ihn die Frau genau betrachten und seine Züge im Gedächtnis behalten konnte, nachdem es andererseits constatirt, dass Frau Womela bei der Confrontation den H ü l s n e r nicht agnosciren konnte, fährt es in seinem Berichte fort: „Es verlautet, dass die Confrontation der Frau Womela mit Hülsner zweifellos wiederholt wird. Es kam wiederholt vor, dass ein Zeuge im ersten Augenblick die Gesichtszüge einer Person, die ihm vorgeführt wurde, nicht mit Bestimmtheit erkennen konnte. Später aber kam ihm diese Ähnlichkeit zum Bewusstsein, so dass er ihre Identität apodiktisch bestätigen konnte. Wenn dann Frau Womela mit aller Bestimmtheit erklären könnte, dass Hülsner jener geheimnisvolle Unbekannte ist, den sie im Walde erblickt habe, dann würde dies vollkommen genügen, dass der Staatsanwalt gegen Leopold Hülsner die Anklage wegen vollbrachten, vorgefassten Mordes erheben müsste..." Was die Berichte anderer antisemitischer Blätter anbelangt, so ist es unschwer, ihre lügnerischen Behauptungen, insoferne sie sich auf angebliche Thatsachen beziehen, zu widerlegen. Zahlreiche antisemitische Blätter, an ihrer Spitze die „Deutsche Zeitung", machten es dem Polnaer Bezirksrichter Landesgerichtsrath Reichenbach zum Vorwurfe, dass er Hülsner, nachdem er verhaftet worden war, nach seinem ersten Verhöre wieder freigelassen und erst später, nachdem die Bevölkerung gegen dessen Freilassung protestirt hat, neuerdings festnehmen ließ. Die „Narodni Polityka", ein Blatt, dem man nach dem Borausgehenden gewiss keine judenfreundliche Gesinnung supponiren kann, erklärt, dass diese Behauptung nach seiner Information, die es an competentester Stelle eiugeholt hat, absolut falsch sei. Eine zweite Nachricht, welche ebensowenig auf Wahrheit beruht, wie die erstere, besagte, dass man am 13. d. in der Wohnung H ü l s n e r's eine Hausdurchsuchung vorgenommen und Kleider, welche von der im Vorjahre Ermordeten herrühren, gefunden habe. Thatsache ist Folgendes: Die israelitische Cnltusgemeinde stellte das Ansuchen, dass die Wohnung des Hülsner behördlich gesperrt werde. Diesem Ansuchen wurde nicht willfahrt. Am 13. d., also 10 Tage nach der Verhaftung Hülsiier's, wurde über Auftrag des Kreisgerichtes Kuttenberg eine neuerliche Hausdurchsuchung vorgenommen und mehrere Effecten saisirt. Darunter befanden sich jedoch weder, wie die Antisemiten behaupten, die Kleiderreste der Klima, noch überhaupt etwas, was auch nur im Geringsten auf eine Schuld Hülsner's Hinweisen könnte. Was die Classification des Mordes anbelangt, so ist folgende Bemerkung des „Prager Tagblatt" nicht ohne Interesse: „Zum Morde in Polna äußert sich ein erfahrener Kriminalist dahin, dass alle Umstände nahezu zweifellos auf einen Fall von Nekrophilie schließen lassen. Besonders der Umstand, dass der Leichnam fast blutlos war, deute darauf hin, dass der Mörder ein Nekrophile ist. Man hätte der gerichtlichen Commission einen guten Bluthund mitgeben sollen, der sicher in kurzer Zeit den Ort, wo das Opfer verblutete, aufgefunden hätte. Wenn der verhaftete Schuhmacher Hülsner dieses Mordes verdächtig ist, wäre es räthlich, dass er einer längeren gerichtlichen und ärztlichen Untersuchung unterworfen werde, welche vielleicht bei ihm Anzeichen von Nekrophilie sicherstellen würde." Wie immer die Wahrheit in dieser Sache auch beschaffen sein mag — in jedem Falle darf man wohl verlangen, dass Zeugen und Richter vor wüsten Agitationen geschützt werden, damit sie diese Wahrheit eben zu finden im Stande sind. Es lväre auch endlich einmal an der Zeit, jenen berufsmäßigen Hetzern welche der Bevölkerung die blödesten Lügen einimpfen, energisch auf die Finger zu klopfen und ihnen zu zeigen, dass der Jude in Oesterreich noch nicht außerhalb des Gesetzes steht. Uachmomrs oder Gemitns Lhefed? (Mitleid oder Humanität?) Das Wörtchen „nebbich", das dem jüdischen Sprachschätze angehört, ist seiner etymologischen Bedeutung nach bis heute noch nicht mit Sicherheit erklärt, gleichwohl aber ist der Sinn dieses Wörtchens jedem einzelnen Juden bekannt. Der Ausdruck des Mitleids, des Bedauerns ist in diesem Worte verkörpert und seine weiteste und allgemeinste Verbreitung unter allen Juden ist ein Beweis, dass das „Mitleid" ein hervorstechender Charakterzng des jüdischen Stammes ist. Wie könnt' es auch anders sein? „Dulden ist das Erbtheil unseres Stammes." So lässt der größte Dramatiker aller Zeiten einen Juden in einem bekannten Drama sprechen; und Israel hat seit seinem mehrtausendjührigen Bestände geduldet und gelitten, wie kein zweites Volk auf Erden; kein Wunder daher, dass das Mitleid ein hervorstechender Charakterzug des jüdischen Stammes wurde, ganz abgesehen davon, dass die Thora bereits durch Zahlreiche Vorschriften und Ermahnungen dieses Gefühl in Israel zu wecken suchte. Ich erinnere nur an den Satz: II. B. Mos. Cp. 23 V. 9: „Den Fremden sollst Du nicht bedrücken, ihr wisset ja, wie den Fremdlingen zu Muthe ist, seid Ihr ja selbst Fremdlinge in Aegypten gewesen." So hoch aber auch dies Gefühl zu schätzen ist, so muß doch zwischen „Mitleid" und „Mitleid" unterschieden werden. Gar viele haben Mitleid, weil sie nicht mitleiden wollen, und darum geben sie dem Armen und Hungerigen, den sie selbst mit eigenen Augen vor sich sehen, nicht etwa aus Pflichtgefühl, d. h., weil es Pflicht ist. mit dem Armen und Darbenden das Leid zu theilen, sondern um das unangenehme Gefühl, das sich ihrer hiebei unwillkürlich bemächtigt, los Zu werden. Wieso kommt es, dass beispielsweise die „Israelitische Allianz in Wien", die erst vor wenigen Wochen über 10.000 Gulden in B o r Y s l a w vertheilte, u m t a n s e n d e jüdischer Arbeiter von dem Hungertode zu retten, verhältnismäßig wenig Mitglieder zählt? Wie uns scheint, widerstrebt es der „Allianz", die Reclametrommel zu rühren und auszuposaunen, was sie leistet; sie steht eben auf dem Standpunkte, der anerkannt werden muß, dass man nicht aus Mitleid, um nicht mitzuleiden, geben soll, sondern aus Humanität. Werke der Humanität sollen aber nicht erst an die große Glocke gehängt werden. So denkt mit Recht die „Israelitische Allianz in Wien". Allein sie ist damit auf dem Holzwege, weil leider auch unter den Juden das instinctive Mitleid — das ist Furcht (bewusst oder unbewusst) vor eigenem Leid — viel mehr wirkt und zum Geben leichter veranlasst, als das Pflichtgefühl der Humanität.

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