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Die Wahrheit · 1899-04-22 · Heft 14 (22.4.1899) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 14 (22.4.1899)
Date
1899-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaclion n. Administration: Wien, 11/(, Novaragasse 27. Himbhängige Heiischrist für Mische Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig.fl. 3.— K. 1. öftcrr. Postsparcassa Interessen. — Chcck-Conto Nr. 846.351. Für Lultusbeamte: UkJ II Ganzjährig.fl. 5.— Inserate i» Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Erscheint jeben achten Tag. Für Ausland: Abonnements- und Jnsertions- Ganzjährig.12 Mark betrage sind in Wien zahlbar. t> Rubel oder 16 Frcs. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" 14. Wien^ 22. April 1899. Inhalt: Das Blutmärchen von Polna. — Nachm onus oder Gemilus Chesed? — Wahl des Grandrabbin und das Organisations-Statut in Bulgarien. — Ein gutes Werk. — Zur Geschichte der jüdischen Tradition. (Fortsetzung.) — Napoleon I. und die Juden. (Fortsetzung.) — Gemeinde- und Vereinsbote. — Feuilleton: Heimweh. — Lazarus' Ethik des Judenthums. (Fortsetzung.) — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. (Fortsetzung). Das Llutinärchtu von siolm. Die Nationalitätenhetze in Böhmen hat noch nicht genug Verheerungen in Oesterreich allgerichtet, die antiseniitischen Volksverhetzer sllchen immer nach neuen Anlässen, um das sociale und politische Leben zu vergiften. Und sonderbarer Weise, trotzdem ihre Anschläge von langer Hand vorbereitet sind und dem wachsamen Auge des Gesetzes nicht entgehen sollten, haben sie zumeist den gewünschten Erfolg und die behördlichen Organe kommen nach gethaner Arbeit. Nachod und Polna sind die zwei letzten Etappen der antisemitischen Agitation. In einem böhmischen Dorfe ist ein Mädchen ermordet worden, der Mörder unbekannt, der Verdächtige ausnahmsweise einmal ein Jude, und das genügt der antisemitischen Lügenbande, das Märchen vom jüdischen Ritualmord aufzuwärmen und zur Agitation gegen die Inden ausznbeuten. Der Umstand, dass die liberale Tagespresse mit Ausnahme des „Wiener Tagblatt" dem Falle wenig Beachtung schenkt und den niederträchtigen Verdächtigungen schweigend gegenübersteht, gibt den Antisemiten Anlass zu der infamen Behauptung, dass der des Mordes verdächtige Jude von seinen Glaubensgenossen geschützt wird und die „Judenpresse" die Sache vertuschen will. Fast scheint dies als eine gerechte Strafe für die liberale Presse, die so empsindsam und zartfühlend ist und die Oeffentlichkeit nicht gerne mit jüdischen Angelegenheiten belästigt. Aber die antisemitische Presse ruht und rastet nicht, der Mord in Polna bietet ihr eine willkommene Gelegenheit zur blutdürstigen Agitation. Das Verbrechen erscheint mysteriös und die Erhebungen führen zu keinem positiven Ergebnis, man erzielt kein Resultat, welches apodiktisch für oder gegen die Anklage sprechen würde, die Bevölkerung wird immer unruhiger, man kann also im Trüben fischen. Das ist die günstigste Gelegenheit für die antisemitischen Agitatoren, tendenziöse Gerüchte zu verbreiten, ihre angeblichen Vermuthungen über die Art des Verbrechens mit immer größerer Bestimmtheit auszusprechen und sie schließlich als wahr hinzustellen. Und wenn in diesem kritischen Momente die Behörden nichts unternehmen, um dieser gefährlichen Agitation Einhalt zu thun, dann, aber auch nur dann, ist es möglich, dass diese Agitation nicht einmal davor zurückschreckt, im Stadium der Untersuchung nicht nur auf den Richter, sondern auch auf Personen in ihrem Sinne einzuwirken, welche dazu berufen sein könnten, durch ihre Zeugenaussage der Untersuchung oder der Anklage eine entscheidende Richtung zu geben. Welche Tendenz wird wohl dadurch verfolgt, wenn ein Blatt, das von der bäuerlichen Bevölkerung in Polna gelesen wird, die in Prag erscheinende „Narodni Polityka", anlässlich dieses Mädchenmordes schreibt: „Eine der wichtigsten Zeugenaussagen in diesem mysteriösen Falle sind die Angaben der Frau Womela, der Gattin des Gemeinde-Vorstandes von Ober-Weznitz. In geheimnisvoller Angst sucht sich diese Frau jetzt an ihre Begegnung mit dem Strolch zu erinnern, der zweifellos mit der Person des Mörders identisch ist. Das ist über jeden Zweifel bewiesen, denn der frisch abgeschnittene und am Ende zugefpitzte Prügel, welchen dieser Unbekannte bei sich trug, wurde späterhin blutbespritzt in der Nähe der Leiche gefunden und von Frau W o m e l a mit Bestimmtheit erkannt. Frau Womela erzählt, dass der Strolch, der ihr im Walde entgegengetreten ist, sie prüfend fixirt habe, um sie ganz genau betrachten zu können; er habe ihr scharf in die Augen geblickt, sie umkreist und sei hierauf im Walde verschwunden. Diese Zeugin wurde, wie berichtet, mit H ü l s n e r confrontirt, erklärte jedoch, dass sie nicht mit Bestimmtheit aussagen könne, ob er mit jenem Strolche identisch ist, dem sie im Walde in der Nähe des Ortes, an welchem am 29. v. M. der Mord geschah, begegnet ist."

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