Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-04-14 · Heft 13 (14.4.1899) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 13 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062986--00216-3066707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 10. Die Wahrheit. Nr. 13. Wien. Der Verein zur Hebung der Gewerbe inscenirte am Samstag, den 9. April 1899, eine feierliche Trauerversammlung anlässlich des Ablebens der Frau Baronin Clara von Hirsch- Gereuth. Der Präsident Herr S. Brod feierte die Verdienste der verewigten Wohlthäterin des jüdischen Gewerbestandes in einem tiefempfundenen, warmem Nachruf, worauf der Vorstand den einmüthigcn Beschluss fasste, von nun ab in jedem Jahresberichte des Vereines der Verstorbenen in Ehren zn gedenken, hievon auch gleichzeitig die Wiener Curatorien in Kenntnis zu setzen und denselben das wärmste Beileid des jüdischen Gewerbestandcs auszusprechen. Sonntag, den 23. April 1899, Abends halb 8 Uhr, findet in Hernfeld's Nestauration, I., Marc-Aurelstraße 6, eine General- Versammlung mit nachfolgender Tages-Ordnung statt: 1. Jahresbericht. 2. Cassabericht. 3. Wahl des Vorstandes, mit zweijähriger Functionsdauer. 4. Wahl der Cassarevisoren, mit zweijähriger Funclionsdauer. 5. Wahl des ständigen Schiedsgerichtes, mit zweijähriger Functionsdauer. 6. Vorführung eines Dampfmaschincn-Modells mit Cylinder- und Schiebcrsteuerung im Betriebe, von unserem Mitgliede, Herrn Ludwig Löwy, Schlossermeister. 7. Demonstration unseres Mitgliedes, des Herrn Jacob Kahn, Bau-, Portal- und Kunstglaser, „über Vleiverglasung". 8. Demonstration unseres Mitgliedes, des Herrn Alois Kolben, Spängler und Installateur, „über ein Patent-Ventil". 9. Demonstration unseres Mitgliedes, des Herrn Emanuel Löwy, Uhrmacher, „über eine elektrisch regulirbare Uhr", wie solche bei der Wiener Stadtbahn eingeführt ist. 10. Anträge und Interpellationen. Damen und Gäste willkommen. Wie«. Donnerstag, den 13. April, 1Lß Uhr Abends, veranstaltete der „Politische Volksverein" im Festsaale des Hotel „Continental", II., Praterstraße 7, einen Vortragsabend, bei welchem Herr Professor vr. Hirsch Hildesheimer aus Berlin über das Thema „Jüdische Colonisation in Palästina" sprach. Bericht in nächster Nummer. Prag. Der Verein zur Errichtung und Erhaltung eines israelitischen allgemeinen Knaben-Waisenhauses für Böhmen hielt vorigen Montag Nachmittag unter dem Vorsitze des Obmannes Herrn M. Joss seine erste General-Versammlung ab. Nach herzlicher Begrüßung der zahlreich erschienen Mitglieder des Vereines widmete der Vorsitzende der verstorbenen Stifterin Frau Baronin Clara Hirsch einen warm empfundenen Nachruf und constatirte, dass dem Vereine nach einjährigem Bestände 2 Stifter, 16 Gründer, 214 Gönner und 2450 beitragende Mitglieder angehören. Der finanzielle Stand ermöglichte den Ankauf und die Adaptirung eines vollkommen geeigneten Waisenheims in der Stadt Weinberge (Komenskygafse Nr. 16), in welchem mit 15. September v. I. 16 arme Waisenknaben unter der Leitung und Oberaufsicht eines erfahrenen Pädagogen auf Kosten des Vereines Aufnahme gefunden haben. In Gemeinschaft mit dem Kreuzervereine zur Unterstützung armer israelitischer Waisenmädchen wurden von dem Vereine Sammelkörbchen ausgegeben, deren namhaftes Ergebnis von 3633 fl. zur Hälfte den beiden humanitären Instituten zugewiesen wurde. Nach Worten herzlichen Dankes an alle Freunde und Gönner des Vereines erfolgte die Wahl von zehn neuen Directionsmitgliedern für das laufende Jahr. Die Direction beabsichUgt zu Beginn des nächsten Schuljahres weitere neun Waisenknaben in vollständige Obhut des Vereines zu nehmen, und da dadurch die Mittel des jungen Vereines eine nicht unerhebliche Belastung erfahren, erscheint die Bitte des Präsidenten um recht zahlreiche Anmeldungen von neuen Mitgliedern zur Förderung des sehr nothwendigen und Humanitären Unternehmens in jeder Weise gerechtfertigt. Prag. Der Tempel-Gesangverein in Weinberge veranstaltete am 10. April im neuen Weinberger Tempel eine Aufführung des Oratoriums „Elias" von Mendelssohn. Die Solopartien sangen die Mitglieder der deutschen Landesbühne Fräulein Marie Ruzek, Fräulein Elsa Reich und Herr Laub ne r. Den Elias sang Herr D o b s ch, auch Fräulein Bertha Nagel wirkte mit. Die gelungenen Leistungen der Solisten, wie auch des Chores, der unter der bewährten Leitung des Herrn Richard Taussig steht, befriedigten das zahlreiche kunstsinnige Publicum außerordentlich. Die vorzügliche Akustik des prachtvollen Gebäudes fiel sehr angenehm auf. Das Neinerträguis der Aufführung fließt dem Orgelfonde des Tempels zu. Prag. Der hiesige Unterstützungsverein für verschämte Hausarme, „Nächstenliebe", veranstaltete am 9. d. M. seine achtundfünfzigste General-Versammlung. Der Jahresbericht verzeichnet 17.258 fl. an Spenden. Das Vereinsvermögen beträgt 166.486 fl. Director dieses eminent wohlthätig wirkenden Vereines ist Herr vr. Ludwig Bendiener. Berlin. In der Stadt Cottbus, deren Magistrat in früheren Jahren bei Festsetzung der Frühjahrs- und Herbstjahrmärkte die jüdischen Feiertage berücksichtigt und deshalb mannigfache Angriffe judenfeindlicher Blätter erfahren hatte, wurde im November vorigen Jahres der Herbstmarkt 1899 auf einen Termin festgesetzt, der mit Nosch Haschonoh zusammenfällt. Trotz der von den Interessenten, der jüdischen Synagogengemeinde und deren Prediger beim Magistrat und bei der königlichem Negierung in Frankfurt a. O. unternommenen Schritte gelang es nicht, eine Verlegung zu erwirken. Infolge dessen wandte sich Herr Prediger Kamerase unter dem 27. Februar d. I. an den Ausschuss des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Der geschäftsführende Vorsitzende des Deutsch - Israelitischen Gemeindebundes, Herr Professor Dr. Philippson, maß dieser Angelegenheit eine erhebliche Bedeutung bei und bat den Landtags-Abgeordneten Herrn vr. Max Hirsch um dessen persönliche Verwendung bei dem zuständigen Minister des Innern. Der genannte Herr erklärte sich hierzu gern bereit, wünschte jedoch zuvor eine Enquöte darüber veranstaltet zu sehen, wie es in den preußischen Städten bei Festsetzung der Märkte mit der Berücksichtigung der jüdischen Feiertage gehalten werde. Im Interesse der Beschleunigung beschränkte sich der Deutsch-Israelitische Gemeindebund auf ein Rundschreiben an die jüdischen Gemeinden der Provinz Brandenburg, denen folgende Fragen vorgelegt wurden: 1. Ist dort jemals ein Jahr-, Vieh-, Saat- oder ähnlicher Markt auf Rosch- Haschonoh oder Jom-Hakippurim festgesetzt mordend 2. Ist im Bejahungsfälle gegen solche Veranlagung Einspruch erhoben worden und mit welchem Erfolge d Die einlaufenden Bescheide verneinten fast ausnahmslos die erste Frage und damit entfiel die zweite. Die Gemeinde Prenzlau war in der Lage, eine durch Vermittelung der Landwirthschaftskammer für die Provinz Pommern in Stettin erlassene Verfügung der königlichen Regierung zn Stralsund einzusenden, die sich zu Gunsten der Berücksichtigung des Sabbaths bei Festsetzung des Wollmarktes verwandte. Das so gesammelte Material wurde von Herrn vr. Hirsch seinem Kollegen Herrn Rickert, dem bewährten Vertreter jüdischer Gleichberechtigung, mitgetheilt, und auf des Letzteren, als Vorsitzenden des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, Veranlassung bei Abfassung einer von einer größeren Zahl jüdischer Interessenten in Cottbus aufgesetzten Petition verwendet. Herr Landtags-Abgeordneter vr. Max Hirsch hat diese Petition am 28. März d. I. Seiner Excellenz dem Herrn Minister des Innern mit einer mündlichen Erläuterung überreicht. Der Herr Minister nahm die Petition wohlwollend mit der Zusage sorgfältiger Prüfung entgegen; sollte es nach Lage der Sache zu spät sein, so werde Herr Minister gewiss für die Zukunft, die stete Berücksichtigung der hohen jüdischen Festtage anempfehlen. Es wird fortan nach Ansicht deS Herrn vr. Max Hirsch nur nöthig sein, dass die Vertreter der jüdischen Gemeinden dieser Frage die nöthige Aufmerksamkeit schenken und erforderlichenfalls und an der richtigen Stelle und rechtzeitig Einspruch erheben. Der Ausschuss des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes schließt sich der Ansicht des verehrten Herrn Abgeordneten, der durch sein warmes Eintreten in dieser Angelegenheit sich ein Verdienst um die Religionsfreiheit der deutschen Juden erworben hat, an.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.