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Die Wahrheit · 1899-04-14 · Heft 13 (14.4.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 13 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13. Die Wahrheit. Seite 9. ist als solcher nicht gefeiert worden! Das hat schon der Talmud bemerkt (Moed Katan 9 a). Gewiss war also Salomo der Meinung, dass der Versöhnungstag vor der wichtigen Einweihungsfeier weichen müsse, namentlich da der erbaute Tempel mit dem Altar die gleiche Bestimmung hatten, Israel mit Gott zu versöhnen. Vielleicht kam in Anschluss und Erinnerung an diesen festlich begangenen Versöhnungstag die Sitte auf, den Versöhnungstag überhaupt zu einem Volksfest mit öffentlichen Tänzen zu machen, wie Rabban Schimon ben Gamliel im Talmud uns überliefert hat: Israel hatte keine solche Feste, wie den fünfzehnten Ab und den Versöhnungstag. Da zogen die Mädchen Jerusalems in die Weinberge — alle in geliehenen Kleidern, um die Armen nicht zu beschämen— und führten dort heitere Tänze unter Gesang von Liedern auf (Taanit 26 b). Jedenfalls sehen wir daraus, dass man die Gründe der Gesetze erforschte und im Auge behielt, der Geist der Thora war maßgebend, wenn auch der Wortlaut dagegen zu sprechen schien. Dasselbe ersehen wir auch aus allen anderen gesetzlichen Spuren aus der Zeit Salomos und seiner Nachfolger, so dass wir diese Schriftsteller als die besten Erklärungen zu manchen Gesetzen betrachten können. Wir wollen nun sehen, wie man damals über den Gottesdienst im Tempel dachte. Wie wir schon bei Samuel gesehen haben, dass er den Opfern keinen Werth beilegte, wenn mit ihnen nicht der Gehorsam gegen Gott verbunden war, wenn sie nicht als Mittel zur Versittlichung angesehen wurden; ebenso und noch mit größerem Nachdruck ersehen wir es aus den Schriften und Worten, welche dem Salomo zugeschrieben werden. — Welchen Zweck verfolgte er mit dem Bau des Tempels? was sollte seine Bestimmung sein? Etwa nur ein Opferhaus und nichts mehr? Aus dem herrlichen Gebete, welches Salomo bei der Einweihung des Tempels zu Gott richtete, spricht ein anderer Geist. Der Tempel sollte eine Quelle des lebendigen Gottesgeistes für ganz Israel werden. Er sollte die Gegenwart und die Vorsehung Gottes, die Einheit des Volkes und seine Verbindung mit Gott darstellen. Der Gottesdienst sollte dazu dienen, die wahre Gotteserkenntnis im Volke zu verbreiten und aller Herzen mit einander zu vereinigen. Die Opfer- Haben wohl David und Salomo als eine Verordnung der Thora beibehalten. Aber der äußerliche Dienst ohne Lauterkeit des Herzens fand ebensowenig ihren Beifall wie bei den Propheten. Keiner hat mehr gegen den geistlosen Opferdienst geeifert, wie David in seinen Psalmen und Salomo in seinen Sprüchen. Mit klaren Worten singt David: Mahlopfer und Speiseopfer begehrst Du nicht — Ganzopfer und Speiseopfer verlangst Du nicht (Ps. 40, 7). Ein anderer Psalmist (50) erklärt die Opfer für werthlos, wenn dabei nicht ein Bund mit Gott geschloffen würde. Ganzopfer und Mahlopfer will Gott nicht, wohl aber ein Dan ko pf er, wodurch erst Gott geehrt werde. Derselbe Geist spricht aus Salomo's Sprüchen. Das Opfer des Frevlers sei geradezu ein Greuel! (Sprüche 21, 27) und Recht und Gerechtigkeit üben ist Gott lieber, als ein Opfer (21, 3). Ja, im Psalm, welcher bei der Einweihung gesungen wurde, ist die Antwort auf die Frage: Wer darf den Gottesberg besteigen, wer stehen an der heiligen Stätte? nicht etwa: wer möglichst viel Opfer darbringt, sondern „wer reiner Hände und lautern Herzens ist" (Ps. 24). Ebenso sehen wir aus den Psalmen, welche bei den Wallfahrten gesungen wurden (Ps. 120—184), dass der Hauptzweck dieser Wallfahrten kein anderer war, als die nationale Einheit zu wecken und zu befestigen. Die Opfer waren Nebensache. Wie groß muß uns dieser Gedanke erscheinen gegenüber dem kleinlichen Standpunkt zur Zeit des zweiten Tempels, wo sie die Nebensache zur Hauptsache machten und auf die Opfer das Hauptgewicht legten! Die Psalmen David's und die Sprüche Salomo's geben uns aber die sichersten Erklärungen der Opfervorschriften der Thora. (Fortsetzung folgt.) Gemeindenud Vereinsbote. Wien. Mittwoch, den 12. d. M., Abends 6 Uhr, wurde auf Veranlassung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde im großen Tempel in der Leopoldstadt eine Trauerfeier für die verstorbene Baronin Clara Hirsch de Gereuth abgehalten. Das schwarz drapirte Gotteshaus war dicht gefüllt. Unter den Anwesenden waren zu bemerken: Der Präses der israelitischen Cultusgemeinde kaiserlicher Rath Heinrich Klinger, die Vice- Präsidenten Gemeinderath l)r. Stern und Landesschulrath Dr. Kohn, die CultusVorsteher Baurath Stiaßny, Ritter v. Goldschmidt, kais. Rath Hirsch, Bezirksschulrath Di\ Spitzer, Dr. Sieger, v. Mises, Taußig, Emil Horner, der Obmann des Bethaus-Vorstandes Jacques Brandeis mit den Vorstehern Adolf Stiaßny, Wasservogel, Baronin Charlotte Königswarter, die Präsidentin des „Ferienheim" Frau Sofie Grünfeld, Hofrath Professor Gomperz, Oberbaurath Taußig, Major Kadisch, in Vertretung des Curatoriums der Baron Hirsch-Stiftung die Herren David Ritter v. Gutmann, Sigmund Ritter v. Bauer und Oberinspector Felix Reifer, ferner Regierungsrath Frankl, Oberstabsarzt Dr. Treulich, Docent Dr. Königstein in Vertretung der Heilanstalt „Alland", Obercommissür Presser, kaiserlicher Rath Dr. Lieben, Gemeinderath Tagleicht, Bezirksausschuss Waldstein, Vorsteher Zolles, der Obmann des Vereines „Nächstenliebe", Weiner, Director Heller, Director Di-. Dömeny, Rector Dr. Schwarz, Lector Friedmann, die Rabbiner Dr. Bach, Brunner, Dr. Brüll, Dr. Gelbhaus, Löwy, Papo, Religionsschulinspector Dr. Kanitz, Obercantor Bauer, Obercantor Jurberger, Militärseelsorger Dr. Langfelder, Director Brunner, Vorsteher der Armenanstalt Josef Jelinek, Ortsschulrath Heit, eine Deputation des Veteranen-Vereines „Tegetthoff" rc. Nach dem Vortrage des Minchagebetes durch Obercantor Goldstein wurde vom verstärkten Tempelchore unter Leitung des Chormeisters Sulzer der Trauerpsalm „Schomreni El" (Ps. 16) gesungen. Hierauf widmete Rabbiner Dr. Schmiedl dem Andenken der hochherzigen Wohlthäterin einen überaus warmen Nachruf. Mit dem Gebete für das Seelenheil der Verblichenen und der Aufführung des Psalm 49 schloß die erhebende Trauerfeier. Bezüglich der Choraufführungen können wir die Bemerkung nicht unterdrücken, dass die Gruppirung des Chorpersonales um das Harmonium vor dem Oraun Hakaudesch auf die Andacht störend wirkt, indem die Technik der Chorleitung vor allen Augen enthüllt wird, was in Zukunft bei ähnlichen Anlässen vermieden werden könnte, wenn der Cantor auf seinen Platz, zum Omed, und der Chor auf die Orgelgalerie postirt würde. Wien. Dienstag, den 11. April, 6 Uhr Abends, veranstaltete der israelitische Bethaus-Verein gemeinsam mit dem Verein „Frauenhort" im Tempel in der Müllnergasse eine Trauerfeier für Baronin Clara Hirsch-Gereuth. Es hatten sich hiezu unter Anderen eingefunden: Der Präses des Tempel-Vereines Herr Bettel- Heim mit sämmtlichen Vorstandsmitgliedern, die Präsidentin des „Frauenhort" Frau Donath Zifferer mit den Vorstandsdnmen, der Obmann des Armenrathes vom 9. Bezirke, Schuldirector Waas, Frau Regierungsrath Gintl, die Präsidentin des „Ferienheim", Frau Sophie Grüufeld, Gemeinderath Zifferer, die Bezirks- Ausschüsse Max Hitler und Dr. Schnepp rc. Nach dem Vortrag des Minchagebetes durch Obercantor Kläger stimmte der Tempel- Chor unter Orgelbegleitung einen Trauerchoral an, und hierauf hielt Rabbiner Dr. Gelbhaus dem Andenken der verblichenen Wohlthäterin einen tiefempfundenen Nachruf.

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