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Die Wahrheit · 1899-04-14 · Heft 13 (14.4.1899) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 13 (14.4.1899)
Date
1899-04-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Nr. 13. Die Wahrheit. bei jeder größeren Gemeinschaft, neben manchen unnützen Elementen eine ganze Anzahl rechtschaffener, verständiger und gebildeter Leute gäbe, die auf den verschiedensten Gebieten Nützliches leisteten. Speciell die Listen des Kriegsbureaus, die zu diesem Zwecke nachgesehen wurden, ergaben die Thatsache, dass in den letzten Kriegen sehr viele Juden, manche ^sogar als Officiere, sich besonders ausgezeichnet und einige von ihnen das Kreuz der Ehrenlegion erhalten hätten. Der Kaiser entschied sich daher dafür, nicht die Juden seines Reiches über einen Kamm zu scheeren, sondern auf diejenigen jüdischen Kreise, die ihre Stellung als Bürger eines civilisirten Staates noch nicht zu würdigen gelernt hätten, mit Hilfe ihrer besseren, moralisch vorgeschritteneren Brüder eine Einwirkung zu versuchen. Eine solche Absicht sollte durch das kaiserliche Decret vom 30. Mai 1806 verwirklicht werden. Dieses Decret enthält außer vorübergehenden Bestimmungen zur Erleichterung der bäuerlichen Schulden im Elsaß und in den angrenzenden Landescheilen die Verordnung über den Zusammentritt einer jüdischen Deputirten-Versammlung. Die Präfecten werden angewiesen, unter den Rabbinen, den Grundeigenthümern und sonstigen durch Rechtlichkeit und Einsicht hervorragenden Juden ihres Bezirkes geeignete Persönlichkeiten als Deputirte auszusuchen und sie nach Paris zu schicken. Als sich Alle eingefunden hatten, erfuhren sie durch ein Circular des Ministers des Innern Näheres über das, was man von ihnen verlangte. Sie sollten bestimmte, ihnen von kaiserlichen Commissarien vorzulegende Fragen beantworten und durch ihre Beschlüsse dazu beitragen, ihre Brüder von schlechten Gewohnheiten abzubringen und sie zu nützlichen Bürgern zu machen. Es war eine schwere, aber dankenswerthe Aufgabe, die den Vertretern der französischen Judcnheit hierdurch zutheil wurde. Denn was konnte — und kann noch heute — den einsichtigen: Juden wichtiger erscheinen, als gegen die in ihrer eigenen Mitte hervortretenden Fehler, die dem Judenhass immer neue Nahrung geben, selbst Abhilfe zu suchen? Die Einwirkung aber, die man von den damaligen Notabeln auf ihre weniger civilisirten Glaubensgenossen erwartete, durfte umso sicherer auf Erfolg rechnen, als die Versammlung ihre Autorität aus kaiserlicher Berufung herleitete. So waren denn die Augen der französischen Juden und die vieler Glaubensgenossen in anderen Staaten erwartungsvoll nach Paris gerichtet, wo das erste jüdische Parlament am 26. Juli 1806 eröffnet wurde. Auch die christliche Welt, sowohl in Frankreich als im Auslande, zeigte für diese Juden-Versammlung, die so einzig in ihrer Art war, lebhaftes Interesse. Die Pariser wurden schon durch die ausführlichen Publicationen, die damals über die früheren Schicksale der Inden, sowie über ihre Satzungen und Gebräuche im officiellen „Moniteur" erschienen, hinreichend daran gewöhnt, die Angelegenheit der Juden als eine wichtige Tagesfrage zu betrachten. Später brachten dann die Pariser Blätter, namentlich der „Moniteur", genaue Berichte über die Verhandlungen der jüdischen Deputirten. Für die Theilnahme, die die öffentliche Meinung in Deutschland der Versammlung zuwandte, brauche ich nur die Tagespresse von Hamburg anzuführen. In den damals erschienenen großen Zeitungen, dem „Hamburgischen unparteiischen Correspondent" und der „Hamburgischen Neuen Zeitung", finden wir in jener Zeit fast alle paar Tage unter den Berichten aus Paris Mittheilungen über die jüdischen Notabeln. Außerdem wurde in Hamburg gleich nach dem Bekanntwerden des ersten kaiserlichen Decrets mit der Veröffentlichung einer Sammlung von Actenstücken begonnen, die über Alles, was damals in Frankreich zur Besserung der Lage der Juden und speciell über das, was in der jüdischen Versammlung geschah, Aufklärung gaben. Die Publication erschien in zwanglosen Heften, die immer gleich nach dem Eintreffen der neuesten Nachrichten aus Paris gedruckt wurden; wir sehen also, dass man auf Leser rechnete, die möglichst schnell authentische Nachrichten über die jüdische Angelegenheit zu erhalten wünschten. Und doch bot damals gerade die hohe Politik eine solche Fülle wichtiger Neuigkeiten, dass auch ohne die jüdische Versammlung das Publicum sich nicht zu langweilen brauchte. Fortwährend hörte man neue Veränderungen der Karte Europas, von der Gründung und dem Umsturz von Monarchien; in jenen Sommermonaten von 1806 war es, wo Holland eine neue Bonaparte'sche Dynastie erhielt, wo der Rheinbund gestiftet wurde und das tausendjährige Deutsche Reich in Trümmer sank. In dieser Zeit, als in Paris alle Fäden der europäischen Politik zusammenliefen, versammelten sich daselbst die Vertreter der Judenheit, die aus den verschiedensten Theilen des französischen Kaiserreichs und des damals auch Napoleon'schen Königreichs Italien herbeigeeilt waren. Die französischen Departements mit vorwiegend deutscher Bevölkerung, zu denen bei der damaligen Ausdehnung des Reiches auch die heutige Rheinpfalz und der linksseitige Theil der Rheinprovinz gehörten, waren in der jüdischen Versammlung am stärksten vertreten, wie dies der Verbreitung des jüdischen Elements in diesen Landestheilen durchaus entsprach. Von den wenig mehr als achtzig Deputirten der französischen Judenheit kamen gegen sechzig allein aus den deutschredenden Gebieten des Nordens und Ostens, während die meist dem portugiesischen Ritus angehörenden Juden Südfrankreichs ihrer geringen Zahl entsprechend nur ein kleines Contingent stellten. Aber gerade diese südfranzösischen Juden, die sich schon länger als die anderen im Besitz der bürgerlichen Rechte befanden*) und infolge des häufigeren Verkehres mit Andersgläubigen schon mehr mit der modernen französischen Bildung vertraut gewesen waren, erlangten naturgemäß den größten Einfluß in einer Versammlung, die die ganze französische Judenheit möglichst würdig nach Außen hin repräsentiren sollte. (Fortsetzung folgt.) Mt Geschichte der jüdischen Tradition. Von Lector I. H. Weiß. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahan. (Fortsetzung.) Bei der Einweihung des Tempels hat Salomo eines der heiligsten Gesetze verletzt, was wir nicht verstehen würden, wenn wir nicht annehmen möchten, dass er den Wortlaut der Thora ihrem Geiste geopfert Hai. Er feierte nämlich die Einweihung im Anschluss an das Sukkotfest vierzehn Tage lang und entließ das Volk erst am dreiundzwanzigsten Tischri. Das Fest hat also mit dem neunten Tischri begonnen, und der Versöhnungstag *) Vergl. Halphen, Keveil des lois . . . concernant les Israelites depuis 1789 (Paris 1851) p. 1: Ein königliches Patent vom 9. Februar 1790, das die den portugiesischen, spanischen und Avignoneser Juden schon früher verliehenen Rechte bestätigt und ihnen das Vollbürgerrecht ertheilt.

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