Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 13 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 13. meister leicht am Kopfe; die Geplünderten konnten sich mit heiler Haut retten. Das Militär streift durch die Stadt. Bei mehreren Hausdurchsuchungen wurden große Mengen geraubter Maaren gefunden und zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Dass der Schaden ein bedeutender ist, liegt auf der Hand; er soll 70.000 fl. betragen. Ein Blntmärchen. Die Zeit des Pessachfestes konnte natürlich auch heuer nicht ohneeinen „rituellen Mord" vorübergehen. Ueber einen derartigen, von den Judenfeinden rasch auSgebeuteten Fall wird aus Deutschbrod in Böhmen berichtet: In einem Walde bei Polna war am Charsamstag die arg verstümmelte Leiche der seit dem 27. März vermissten 19jährigen Näherin Agnes Jruza aufgefunden worden. Alle Nachforschungen nach dem Thäter sind bisher ohne Erfolg geblieben. Dagegen verbreitete sich in Polna und Umgebung ein Gerücht, welches Juden mit dieser Mordthat in Verbindung brachte. In Folge dessen machte sich in Polna eine bedenkliche Gährung geltend, so dass der Bezirkshauptmann von Deutschbrod zehn Mann Gendarmerie dahin absandte und umfassende Vorkehrungen traf, um etwaigen Ausschreitungen vorzubeugen. Auch die Gemeinde wurde auf ihre Verpflichtung hinsichtlich der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung aufmerksam gemacht. Als muthmaßlicher Mörder wurde der Schuhmacher Hülsner verhaftet. Ei« jüdisches Leichenbegängnis am Samstag. Der Willkür eines Bezirkshauptmannes wäre es bald gelungen, die Mitglieder einer Cultusgemeinde zu einer argen Verletzung der religiösen Vorschriften zu verleiten. Aus Flöhau in Böhmen wird uns darüber Folgendes berichtet: Dem Titel Ihrer geschätzten Zeitschrift entsprechend, will ich Ihnen, geehrter Herr Redacteur, im Nachstehenden die volle Wahrheit mittheilen. In Oberklee, das zur hiesigen Cultusgemeinde gehört, starb Donnerstag, den 23. v. M., ein 15jähriges israelitisches Mädchen an Typhus und sollte laut Todtenbeschauzettel Freitag, den 24. beerdigt werden. Ich rüstete mich zum Leichenbegängnisse, als ein Bote mit der Nachricht kam, dass, ungeachtet er bei der Bezirkshauptmannschaft in Podersam Vorstellungen machte und er dabei betonte, dass den Israeliten strenge untersagt ist, eine Leiche am Sabbath zu beerdigen, dennoch der Herr Bezirkshauptmann und der Bezirksarzt den Auftrag ertheilt haben, die Beerdigung unbedingt am Samstag vorzunehmen. Unsere Glaubensgenoffen hier wollten natürlich, ohne ein Ohr zu bewegen, dem Aufträge des Herrn Bezirkshauptmannes Nachkommen und einige Herren waren sogar unwillig, dass ich mich als Functionär nicht am Leichenbegängnis betheiligen wollte. Wenn mein College, Herr Rabbiner Willing er in Michelob, nicht mit der Anzeige gedroht hätte, sicherlich würden die hiesigen Juden am heiligen Sabbath die Beerdigung vorgenommen haben. Dem energischen Auftreten des erwähnten Rabbiners gelang es, dies zu verhindern, und die Leiche wurde erst in der Nacht bestattet. Das elassische Weimar. Während die übrigen deutschen Kleinstaaten von der anti- ' semitischen Seuche so ziemlich verschont blieben, ist das classische Weimar nicht ganz frei von antisemitischen Anwandlungen. Erst jüngst bot sich, wie die „Allg. Ztg. des Jud." berichtet, wieder Gelegenheit dies zu erkennen. Das Karl-Friedrich-Hospital in Blankenhain hatte nämlich in der „Berliner Klinischen Wochenschrift" einen „Assistenzarzt christlicher Confession" gesucht. Der socialdemokratische Landtags-Abgeordnete Bau der t richtete nunmehr an die Staatsregierung die Anfrage, welche Erwägungen maßgebend gewesen seien, dass die nichtchristlichen Aerzte von der Bewerbung ausgeschlossen waren. Nun hat in der letzten Sitzung des weimarischen Landtags der Staatsminister v. G r o ß die Interpellation dahin beantwortet, dass bei Nerven- und Geisteskrauken alles vermieden werden müsse, was das Vertrauen zwischen Arzt und Kranken stören könne, und dass deshalb auf die Religion Rücksicht genommen werden müsse. Fürwahr eine merkwürdige Motivirung! Deutsch-israelitischer Gemeindevund. Nach jahrelangen Bemühungen hat endlich der Deutsch-israelitische Gemeindebund, die Vereinigung der israelitischen Gemeinden Deutschlands, laut allerhöchsten Erlasses die Rechte einer juristi- .schen Person erhalten. Die Wirksamkeit dieses Bundes erhält dadurch eine erhöhte Bedeutung. Aus der Wiener Cultnsgemeinde. Plenar-Sitzung des Vorstandes der israelitischenCnltusgemeinde unter Vorsitz des Präsidenten kaiserl. Rath Kling er, Sonntag, den 9. April 1899. Beginn der Sitzung 10 Uhr Vormittags. Im Einlause befindet sich: Eine Zuschrift des Statthalters von Niederösterreich, des Inhaltes, Seine k. u. k. Apostolische Majestät habe Allergnädigst zu gestatten geruht, dass das von der israelitischen Cultusgemeinde in Wien zu errichtende Institut zur Heranbildung israelitischer Krankenpflegerinnen nach weiland Ihrer Majestät, der Kaiserin und Königin Elisabeth: „Kaiserin Elisabeth-Institut für israelitische Krankenpflegerinnen" benannt werden dürfe; weiters eine Zuschrift des Herrn Statthalters, betreffend die von demselben vollzogene Ernennung des Herrn jur. st pliil. Dr. Markus Spitzer zum Mitgliede des Wiener Bezirksschulrathes; eine Mittheilung des Frankfurter Vereines zur Erziehung jüdischer Waisen in Palästina, betreffend die durch den österreichisch-ungarischen Generalconsul coustatirten günstigen Resultate der Edler von Lämmel'schen Stiftungsschule in Jerusalem; eine Zuschrift des Bezirksschulrathes der Stadt Wien, betreffend die Flüssigmachung der Remunerationen aus dem Bezirksschulfonde für die Ertheilung des israelitischen Religions-Unterrichtes im Schuljahre 1897/98. — Zur Kenntnis. Zu Beginn der Sitzung gedenkt der Präsident des tief beklagenswerthen Hinscheidens der Frau Baronin Clara Hirsch de Gereuth und theilt mit, dass er in einem Telegramme an die Familie der Verblichenen der Theilnahme und dem Beileide der Wiener israelitischen Cultusgemeinde Ausdruck gegeben habe; weiters, dass die Herren Oberrabbiner Dr. Güdemann und Rabbiner Dr. Schmi edl in ihren an dem letzten Peffachtage gehaltenen Ansprachen auf das schmerzliche Ereignis Bezug nahmen. Er beantragt Namens des Vertreter-Collegiums die Abhaltung einer solennen Trauerfeier für die Verblichene, Mittwoch, den 12. April 1899, 6 Uhr Abends. Die Verfügungen des Präsidenten und der Antrag des Vertreter-Collegiums werden genehmigt. Im Präsidialberichte theilt der Präsident weiters mit, dass aus dem Dr. S. H. Goldschmidt'schen Legate noch ein weiterer Betrag seitens der Testaments-Executoren flüssig gemacht wurde. Nunmehr wird der Vorstand bald Gelegenheit haben, auf Grund der Vorschläge der Sectionen und des Vertreter-Collegiums sich mit der Zuweisung der ersten zur Verfügung stehenden Zinsen des für wohlthätige und namentlich Unterrichts-Zwecke bestimmten Legates zu befassen. Nach Verlesung einer Zuschrift des Vorstandes der „Allianz", welche das Elend und die wahrhaft ergreifende Nothlage der jüdischen Arbeiter von Boryslaw schildert, wird über Antrag des Herrn Vorstehers Oberingenieur Arthur Edlen von Mises als Beitrag zu der von der „Allianz" eingeleiteten Sammlung ein Betrag von ö. W. fl. 500 gewidmet.