Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 13 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 13. Die Wahrheit. Seite 5. Es ist heilige Pflicht eines jeden Juden, mag er wo immer seine Heimat haben, die „Israelitische Allianz" in Wien, welche eine derartige Action plant, mit allen Kräften zu unterstützen, und darum fordern wir unsere Glaubensgenossen auf, durch Einsendung von Spenden an die Allianz zur Linderung der Noth unserer unglücklichen, hungernden Brüder in Borystaw beizutragen. Wir appelliren an alle Juden, ohne Unterschied des Standes, an alle Juden, ob reich oder arm; denn der Aermste der Armen ist reicher als ein Boryslawer Grubenarbeiter und hat Ueberfluss im Vergleich zu diesen. Wir sind auch gerne bereit, an unser Blatt einlangende Spenden der „Allianz" zu übermitteln. Nachoder Gebräuche. Die Antisemiten im Wiener Rathhause können es noch immer nicht verwinden, dass der Verwaltungs-Gerichtshof auf Veranlassung eines jüdischen Gemeinderathes, dem übrigens jedes confessionelle Motiv fernlag, ihrer Protectionellen Finanzwirthschaft ein Ende bereitet hat, und sie möchten wohl gerne ihren Grimm den Wiener Juden entgelten lassen. Diese freundschaftliche Gesinnung verrieth der Gemeinderath Leopold Steiner, der in einer der letzten Gemeinderaths-Sitzungen den jüdischen Gemeinderäthen die folgende Drohung zurief: „Ich rathe den Gemeinderäthen jüdischer Confession, nicht so viel über die katholischen Kirchen zu sprechen, wir Christen reden auch nicht über die Tempel der Juden. Es kann Ihnen sonst passiren, dass die Nachoder Gebräuche auch nach Wien kommen!" Dass diese unverhüllte Aufforderung zu Gewaltthätigkeiten von Seite des Vorsitzenden, Vicebürgermeister Strobach, eine Rüge erfuhr, war wohl nicht zu erwarten, aber Sache der Regierung, resp. Sr. Excellenz des Herrn Statthalters von Niederösterreich wäre es, den Vorgängen im Wiener Gemeinderathe etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken, sonst könnte es wirklich einmal passiren, dass die Nachoder Gebräuche auch bei uns Nachahmung finden. Die Verhetzung der Bevölkerung hat ohnehin schon die äußersten Grenzen erreicht. Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan. Die Juden in Mährisch-Weißkirchen sind vielleicht doch die Geprellten. Mit ihrer Hilfe ist es der deutschliberalen Partei gelungen, das Landtagsmandat für den Weißkirchner-Bezirk zu behaupten, und zum Danke für die treue politische Gefolgschaft sollen sie einen deutschnationalen Antisemiten zum Reichsraths- Abgeordneten erhalten. Da werden vielleicht doch die czechischen Blätter Recht behalten, welche von Anfang an behaupteten, dass das Reichsrathsmandat einem Deutschnationalen zugedacht sei, eine Behauptung, die natürlich zu einer Zeit, als man die Stimmen der Juden brauchte, von den Liberalen mit aller Entrüstung zurückgewiesen wurde. Nunmehr constatirt sogar „Der Tagesbote für Mähren" diese Thatsache durch folgende Meldung: Wie der „Ostdeutschen Rundschau" aus Brünn gemeldet wird, hat Professor Held, welcher für das Reichsrathsmandat Mährisch-Weißkirchen als Kandidat in Aussicht genommen war, auf diese Candidatur endgiltig verzichtet. Es wird nunmehr von den Deutschnationalen sämmtlicher Parteischattirungen Herr Di'. Karl Fo ch ler, Rechtsanwalt in Wien, candidirt. Wir sind neugierig, ob sich die Liberalen besonders anstrengen werden, ihrem Candidaten Dr. Plachky zum Siege zu verhelfen. Die Plünderungen in Nachod. Dass die Excesse gegen die Juden in Nachod nicht so harmlos verliefen, wie das „officiöse Prager Abendblatt" es gerne darstellen möchte, beweist nachfolgende private Meldung aus Nachod vom 6. April: Eine grauenvolle schreckliche Nacht liegt hinter uns, deren Erinnerung Keinem schwinden wird, so lang er lebt. — Im Monate Februar brach bekanntlich ein Weberausstand aus, der gegen Ende März durch die gewährte bedeutende Lohnerhöhung überall — nur nicht in der Fabrik von Jakob Pick — beigelegt worden war. Da auch die gestern geführten Verhandlungen keine Einigung erzielten, holten die strikenden Pi ck'schen Weber die um sechs Uhr Abends aus den Fabriken ziehenden Arbeiter ab und zogen mit diesen zum Hause und sodann zur Fabrik von P i ck. Sie johlten zuerst, stießen dann Drohungen aus, bombardirten endlich Fabrik und Wohnhaus mit Steinen und zertrümmerten alle Scheiben. Vergebens bemühten sich vier Gendarmen, die Menge zurückzuhalten, es gelang ihnen nur, sie von dem Betreten der Fabrik abzuhalten. Nun wälzte sich der Haufe, der zu Tausenden anschwoll, auf den Ringplatz, wo fast alle von Juden bewohnten Häuser mit Steinen beworfen und alle Fenster dieser Häuser zertrümmert wurden. Ebenso erging es allen Gebäuden in der Judengasse und in der Schlesischen Gasse, wobei auch Fensterrahmen herausgerissen wurden. Da sich dem wüthenden Volke weder Sicherheitswache noch Bürger entgegenstellten, fühlte es sich zu weiteren Schandthaten aufgemnntert. Die Wütheriche erbrachen die Mehlniederlage und Bäckerei deS Wilhelm Heller, trugen alle Speifevorrüthe weg oder verschütteten dieselben. Mit Hacken und Brechwerkzeugen bearbeiteten sie die im nebenliegenden Wohnzimmer stehende feuerfeste Casfa; nach etwa zwei Stunden erbrachen sie dieselbe und raubten 4000 fl. bar nebst vielen Werthsachen; alle Einrichtungsstücke wurden vernichtet. Dann ging es über den Brantmeinladen des Jakob Munk her, woselbst der Inhalt der Fässer ansgetrunken oder verschüttet wurde; auch hier fielen viele Federbetten und Einrichtungsstücke in die Hände der Plündernden. Nachdem auch die Wohnung des Fleischers Josef Lederer demolirt war, stürzten sich die Raubenden volltrunken auf das Kleider- und Tuchgeschäft des Josef Sandes. Dieses Local wurde wahrhaft vandalisch zugerichtet; nicht ein Tuchrest, nicht ein Kleidungsstück ist da zurückgeblieben. Die nebenanliegende Werkstätte und Wohnung ist vollständig ausgeraubt, die Einrichtung zerschlagen, der Ofen demolirt — der Mann ist in einer Stunde an den Bettelstab gebracht worden. Die Lagerräume der Fabriksfirma Lederer & Stransky wurden ebenfalls erbrochen und tausende Stück fertiger Weiß- und Buntware wurden gestohlen, zerrissen und über die ganze Gasse verstreut. Dann fiel die Colonialwaarenhandlung des Karl Kirschner den Wüthenden zum Opfer; die Maaren wurden theils fortgeschleppt, theils vernichtet; auch dieser Mann ist um alles gekommen. Während diese Geschästslocalitäten in der Schlesischen Gasse geplündert wurden, hauste ein zweiter Haufen in der Skalitzer Gasse im Brantweinladen des Samuel Horpatzky, dem es ähnlich erging wie der Munk'schen Handlung. Sodann stürmte die Menge das am Ringplatz befindliche Großhandlungshaus des Josef Krau s, wo aber fünf Gendarmen sich anfgestellt hatten. Trotzdem war es den Plündernden gelungen, zwei Rollthüren zu erbrechen und die Auslagefenster zu zertrümmern; da aber die Gendarmerie ernst zum Schießen machte, flüchtete die johlende Menge und zog zum Colonialgeschäfte des Richard Müller. Auch hier wurden die Eisenthüren erbrochen und große Mengen von Maaren verschleppt und vernichtet; der Laden und die Schreibstube sind ausgeplündert. Hier und bei Munk brach während des Vernichtungswcrkes Feuer aus, das aber rasch gedämpft wurde, es war unterdessen drei Uhr Morgens geworden, die Menge hatte sich in den umliegenden Dörfern verlaufen, um den Raub in Sicherheit zu bringen. Die Plündernden gehören allen Arbeitergruppen, von den Radicalen bis zu den Christlichsocialen, an. Die Sicherheitswache und die wenigen Mann Gendarmerie waren gänzlich unzureichend, der größte Theil der während des Strikes hier weilenden Gendarmen hatte Nachod bereits verlassen. Die städtische Behörde war ganz unthätig. Trotzdem schon gegen acht Uhr von der Bezirkshauptmannschaft Militär verlangt und einigemal urgirt worden war, langte selbes in der Anzahl von 310 Mann mittels Sonderzuges erst um sechs Uhr Morgens hier an, zu einer Zeit, da das Vernichtungswerk bereits beendet war. Verwundet wurde der Gendarmeriewacht-