Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 13 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. 1 Nr. 13. Das Streben der großen Unternehmungen war darauf gerichtet, die kleinen Grubenbesitzer zur Auflassung ihrer Betriebe zuzwingen, und durch diesen aus reiner Gewinnsucht herbeigeführten Concurrenzkampf, der sich der verwerflichsten Mittel bediente, wurde namenloses Elend über die Juden in Boryslaw gebracht. In Folge einer Verfügung der galizischen Statthalterei mussten alle Gruben den Betrieb einstellen, die nicht mindestens einen Umfang von 60 Quadratmetern hatten und über gewisse vorgeschriebene maschinelle Einrichtungen verfügten, zu deren Anschaffung den kleinen Unternehmern das nöthige Capital fehlte. Damit sich nun kleinere Gruben nicht vergesellschaften, wurden von den Großunternehmern die Zwischenstücke angekauft und die Vereinigung zu einer größeren Grube unmöglich gemacht. Außerdem gebrauchten sie noch den Kniff, dort wo mehrere Personen Besitzer einer Grube waren, einige Antheile käuflich an sich zu bringen und dieselben dann der Gesellschaft zu kündigen. Auf diese Weise wurden die jüdischen Unternehmer gezwungen, ihre Betriebe einzustellen, ihre jüdischen Arbeiter zu entlassen, und Hunderte von Familien um Erwerb und Arbeit gebracht. Außerdem gingen die Beamten der großen Gesellschaften mit der größten Rücksichtslosigkeit und Härte gegen die in diesen Großbetrieben angestellten jüdischen Arbeiter vor und zeigten sich unerschöpflich in der Erfindung von Vorwänden, die jüdischen Grubenarbeiter zu entlassen, die auch hier zu vielen Hunderten um das kärgliche Brod gebracht wurden. Und nicht nur den Arbeitern in den Gruben und Fabriken, sondern auch den übrigen gewerblichen Handwerkern in Boryslaw, den jüdischen Schmieden, Tischlern rc. entzogen die Gesellschaften die bisherige Arbeit und ließen dieselben von herbeigeholten christlichen Arbeitern um den doppelten Preis verrichten. Seit einer Reihe von Monaten stehen an tausend Arbeiter ohne jeden Erwerb da, ihre Familien nagen am Hungertuche, und die Roth und das Elend spotten jeder Beschreibung. Wer ein Stück schimmeliges Brod und eine halbverfaulte Gurke einmal des Tages essen kann, der wird von Hunderten minder Glücklichen beneidet. Ungefähr 50 jüdische Familien gibt es in Boryslaw, die in mäßigem Wohlstände leben, und zu ihrer Ehre sei es gesagt, dass sie brüderlich mit ihren unglücklichen Glaubensgenossen theilen. Aber was sind 50 Helfer für Tausende Nothbedürftige. In einzelnen Schächten werden noch immer Juden beschäftigt, und es ist geradezu herzzerreißend anzuschauen, wie die Leute sich um die Arbeit balgen, damit sie sich, wie der Localausdruck besagt, die Schichten „derchappen". So kommen einzelne Familienväter in die glückliche Lage, ein bis zweimal in der Woche einen Gulden zu verdienen. Durch das riesige Arbeitsangebot sind natürlich auch die Arbeitslöhne schrecklich gesunken, und dies kommt wieder der Gewinnsucht der großen Unternehmer zu statten. Der Jammer in Boryslaw trifft aber nicht nur die brodlosen und entlassenen Grubenarbeiter, sondern auch sämmtliche Handwerker, Krämer und Wirthe im Orte werden von dem Unglück in Mitleidenschaft gezogen. Als die „Israelitische Allianz" zu Wien von dem unendlichen Elend unter den Boryslawer Juden Nachricht erhielt, sandte sie ihren Secretär, Herrn. Dr. Friedrich S. Kr aufs, dessen Liebenswürdigkeit wir auch diesen Bericht verdanken, zweimal an die Unglücksstätte, um durch die Vertheilung von Geldbeträgen die momentane größte Noth zu lindern. Das erstemal langte Dr. Kr aufs am 21. März, einige Tage vor Pessach, in Boryslaw an, wo er sofort aus den „Honoratioren" des Ortes ein locales Hilfscomite constituirte. Seine Schilderungen sind wahrhaft entsetzenerregend, und man findet es fast unglaublich, dass unter den Augen des Gesetzes solch' Ungeheuerliches stattfinden kann. 10.000 Menschen werden, blos weil sie Juden sind, der grausamen Willkür einzelner Bösewichte ausgeliefert und in den Hungertod getrieben. Und zu dem Allen schweigt unsere sonst wohlunterrichtete Tagespresse, und die große socialdemokratische Partei und ihre phrasendreschenden Führer rühren keinen Finger. Wozu denn auch, es sind ja nur Juden. Fünfzig Menschen sind bereits vor Hunger gestorben, und vielfach wurde versichert, ohne die Hilfe der „Allianz" hätte man an dem Pessachfeste in Boryslaw ein noch nie dagewesenes Massenleichenbegängnis erlebt. Die Antisemitenführer sollten Vergnügungszüge nach Boryslaw arrangiren, ihr Herz würde aufjauchzen angesichts dieses Elendes unter den Juden. Wie ein Wundermann wurde Dr. K r a u s s angestaunt, wie ein Meschiach begrüßt. Um das Amtslocal des Bürgermeisters Kornhaber, wo die erste Vertheilung vorgenommen wurde, standen in dichtgedrängten Massen die Unglücklichen, die Meisten nur nothdürftig gekleidet, bis zu den Knöcheln in dem eiskalten Koth und flehten mit hungerverzerrten Gesichtern und fieberglühenden Augen um Geld auf Mazzes. Eine solche Mazzoh muß man gesehen haben. 80 lachmo anjo, das ist das wahre Brod des Elends, es ist werth, für ewige Zeiten in einem jüdischen Museum aufbewahrt zu werden. Manche sanken auf dem Wege zum Amtsgebäude aus Schwäche zusammen, Manche konnten überhaupt ihre elenden Hütten nicht mehr verlassen, und Viele wollten trotz der großen Nothlage die angebotene Unterstützung gar nicht annehmen, sie verlangten Arbeit, aber keine milde Gabe. Ein Arbeiter sank bei Ueberreichung seines Ansuchens tobt zusammen. Er hinterlässt eine Witwe und drei Waisen. Am achten Pessachtage wohnte Dr. Krauss einem Gottesdienste in Boryslaw bei, den die Arbeiter im dortigen Bikur-Cholim-Vereine veranstalteten. Alles weinte bitterlich, wie am Jomkippur. Der Anblick war so herzzerbrechend, dass Dr. Krauss beim Aufrufen zur Thora vor Erregung die Brochoh nicht sagen konnte. Bei der ersten Betheilung wurden 478 Familien (2629 Seelen) mit 3500 Gulden zur Anschaffung von Mazzos bedacht. Bei der zweiten Betheilung, die vom 2. bis 4. April währte, wurden an 943 Familien (4600 Seelen) 6800 Gulden ausgegeben. Damit wurde natürlich kein dauernder Erfolg erzielt. Durch die anerkennenswerthe Action der „Allianz" ist nur die größte Noth gelindert worden, und die Leute in Boryslaw haben ungefähr 10 bis 14 Tage nothdürftig zn leben. Um die endgiltige Lösung der Boryslawer Frage herbeizuführen, bedarf es großer Capitalien. Zwei Drittel des Bodens in Boryslaw ist noch immer in jüdischen Händen, und wenn man dem kleinen jüdischen Unternehmern das nöthige Geld zur Verfügung stellt, um die den bergpolizeilichen Vorschriften entsprechenden maschinellen Einrichtungen anzuschaffen, und den kleineren Gruben weitere Möglichkeiten zu Wiederaufnahme des Betriebes bietet, dann könnte ein großer Theil der brodlosen Arbeiter wieder zu Erwerb gelangen. Der Ueberschuss an Menschenmaterial müsste natürlich auf dem Wege der Emigration versorgt werden.