Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 13 (14.4.1899)
- Date
- 1899-04-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration: Wien, Uj\, Novaragasse 27. K. k. österr. Postsparcassa Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. «abhängige Keilschrift für Mische Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig.fl. 3.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig.fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frcs. Nr. 13. Wien» 14. April 1899. Inhalt: DaS Elend von BorySlaw. — Wochenschau. - Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Napoleon I. und die Juden. (Fortsetzung.) — Zur Geschichte der jüdischen Tradition. (Fortsetzung.) — Gemeinde- und Vereinsbote.' — Lazarus' Ethik des Jndenthums. (Fortsetzung.) — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Die Versöhnung. (Schluss.) I«r Einsendung des Äbonnementsbetrages mögen die geehrten Herren Abonnenten den in voriger Nummer beigelegten Post-Check freundlichst benützen. In der nächsten Nummer beginnen wir mit der Veröffentlichung eines neuen Feuilletons: KeinrrveH. Aus dem Nachlasse des Schriftstellers Eduard Kulte. Eine höchst spannende Erzählung aus dem jüdischen Leben, welche uns der Ordner des Nachlasses, Herr vr. Friedrich S. Krauss in Wien, freundlichst überlassen hat. Die Wedcrction. Das Elend von Soryslaw. Der galizische Ort Boryslaw, in der Nähe von Drohobycz, hat eine traurige Berühmtheit erlangt und die Geschichte wird erzählen, dass dort am Ende des 19. Jahrhunderts Tausende von arbeitskräftigen und arbeitswilligen Menschen erbarmungslos in den Hungertod getrieben wurden. Erstaunt stellt man die Frage: Wie ist das im civilisirten Europa, in einem Rechtsstaate wie Oesterreich möglich geworden? Und die kurze Antwort lautet: Alles ist möglich, denn die Unglücklichen, deren Elend zum Himmel schreit, sind ja nur Juden, jüdische Arbeiter. Vor ungefähr 4 Jahrzehnten wurden in dem Orte Boryslaw reiche Lager von Bergöl und Erdwachs entdeckt, und es entstand ein starker Zuzug jüdischer Arbeiter und Arbeiterinnen, die in den immer zahlreicher werdenden Gruben und Fabriken Arbeit und Erwerb fanden. Die Production stieg rasch in die Höhe und mit ihr auch die Bevölkerung von Boryslaw, das heute ungefähr 11.000 Einwohner, darunter gegen 800 Nichtjuden zählt. Die Leute lvohnen in elenden Holzbaracken, da der rutschige Boden den Aufbau festerer Gebäude nicht gestattet. Die schrecklichen Ausdünstungen der Petroleumlager, die selbst dem Ungeziefer die Möglichkeit der Existenz benehmen, und die schweren Lebensbedingungen ließen schwächliche Constitutionen nicht aufkommen. Das rauhe Klima und die harte Arbeit züchteten im Laufe der Jahre einen starken, kräftigen Menschenschlag, der mit größter Genügsamkeit, im Schweiße seines Angesichtes ehrlich und redlich sein Brod zu verdienen suchte. Die Unternehmer, zumeist Besitzer kleiner Gruben, und die Arbeiter waren säst durchwegs Juden, die in bester Eintracht mit einander lebten. Welch' geringe Ansprüche die letzteren an das Leben stellten, geht am besten aus der Thatsache hervor, dass die gesummte Arbeiterschaft per Tag ungefähr 3000 Gulden verdiente, und davon mussten 11.000 Menschen leben. Aber selbst dieses kärgliche Dasein wurde ihnen missgönnt, und die Lage der armen jüdischen Arbeiter und auch der kleinen Unternehmer erfuhr eine arge Verschlimmerung, als vor etwa zwei Jahren zwei große Bankinstitute, von denen das eine seinen Sitz in Wien, das andere in Lemberg hat, sich der Production des Erdwachses in Boryslaw zu bemächtigen und möglichst viel Land an sich zu reißen suchten. Ganz harmlos liest sich der Bericht, den der Verwaltungsrath des erstgenannten Institutes in der am 24. März d. I. abgehaltenen General- Versammlung den Actionären erstattete. „Betreffs des Erdwachs-Unternehmens in Galizien", heißt es im Berichte der österr. Länderbank, „berichten wir Ihnen, dass sich die Verkaufsverhältniffe für Erdwachs wesentlich gebessert haben, und die im nächsten Jahre in Kraft tretenden, verschärften bergpolizeilichen Vorschriften, welche größere Investitionen bedingen, die bestehende Concurrenz in diesem Artikel einengen werden."