Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 12 (6.4.1899)
- Date
- 1899-04-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3062985--00202-3066692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Hesterr.-ung<ar. Acrntor'en-Ieitung. Nr. \2. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19- Iahrg. Adolf GriiNWeig. Samstag, den 8. April'begeht Professor Adolf Grünzweig, Chor-Dirigent am israelitischen Cultustempel in Arad, in vollster geistiger und körperlicher Frische seinen siebzigsten Geburtstag, der mit dem fünfzigsten Jahrestage seines Berufes als Chormeister zusammenfällt. Fünfzig Jahre im Dienste einer Amtsausübung, das ist ein erhabenes und erhebendes Bewusstsein, welches dem Träger desselben Genugthuung bietet für all' die Mühen und Sorgen, die seine praktische Thätigkeit ihm auferlegt. Die Kunde von dem seltenen Doppelfeste Meister Grünzweig's genügt, um die Herzen sämmtlicher jüdischer Cantoren und Chor-Dirigenten mit ungetheilter Sympathie für den Jubilar zu erfüllen. Was Grünzweig auf dem Gebiete des Synagogengesanges gewirkt hat, das ist in diesen Blättern schon zu wiederholten Malen gewürdigt worden, was er aber heute noch, als in rühmlicher Arbeit ergrauter Mann schafft und wirkt, davon soll sein letztes, unter der Presse befindliches Jubiläumswerk ein beredtes Zeugnis ablegen. Der bedeutungsvolle Lebensinhalt Grünzweig's war zumeist dem jüdischen Synagogengesange, also unmittelbar den jüdischen Cantoren gewidmet. Darum ist es Pflicht dieser Blätter, den doppelten Jubeltag des Meisters in dankbarer Würdigung seiner ausgezeichneten componistischen Thätigkeit als einen Ehrentag zn kennzeichnen und dem Gefühle der Verehrung und Werthschätzung für den Jubilar öffentlichen Ausdruck zu leihen. S. Mittlers „Ein Luch für unsere Linder" nnd „Ueberblick über die biblische nnd nachbiblische jüdische Geschichte". Der biblische Geschichtsunterricht wird seine hohe Bedeutung erst dadurch voll und ganz erhalten, dass man den für die gesammte Entwicklungs-Pädagogik als grundlegend zu betrachtenden Satz Pestalozzi's: „Erziehung und nichts Anderes ist das Ziel der Schule" auch für diese Disciplin maßgebend sein lässt. Wenn also der biblische Geschichtsunterricht, der durch die Materie selbst wie kein anderer zur Heranbildung religiöser und sittliche Charaktere geeignet ist, sein höheres Ziel nicht verfehlen will, so darf er nicht ausschließlich als Selbstzweck betrachtet werden; er wird vielmehr die rechte Fruchtbarkeit erst dadurch gewinnen, dass er als Mittel für einen höheren Zweck behandelt wird. Von dieser Erkenntnis wird jeder Religionslehrer durchdrungen sein, der sich seiner erzieherischen Aufgabe bewusst ist. In erhöhtem Maße aber muß die volle Erkenntnis des pestalozzianischen Fundamentalsatzes dem zu eigen sein, der dem Lehrer und dem Schüler ein Hilfsmittel für den biblischen Geschichtsunterricht bieten will. Ihm muß nicht nur die heilige Schrift ein offenes Buch sein, er muß auch in seiner Darbietung des Bibelwortes für die Kinder den Beweis dafür liefern, dass er mit der Ethik und den Gesetzen der Psychologie, als den Hilfswissenschaften der Pädagogik, wohl vertraut ist. In den bisher vorhandenen Kinderbibeln für die jüdische Jugend finden wir diese Anforderungen an den Autor nicht immer erfüllt. Es ist daher eine wahrhaft zeitgemäße, sehr verdienstvolle Arbeit, die Müller in einem „Ein Buch für unsere Kinder" und in seinem „Ueberblick über die biblische und nachbiblische jiiibtfdje Geschichte" der jüdischen Jngend und den jüdischen Reiigionslehrern geschenkt hat. Insbesondere theile ich vollkommen die in den trefflich geschriebenen „Vorbemerkungen" niedergelegten Gesichtspunkte, die den Verfasser bei seiner Arbeit geleitet haben, und erkenne freudig an, dass der Autor seine Grundsätze meisterlich durchgeführt hat. Es ist keine geringe Kunst, ein biblisches Geschichtsbuch so abzufasien, dass es ebensowohl dem Lehrer zum Vorerzählen als dem Schüler zur Aneignung des Unterrichtsstoffes dienen kann, und es ist wahrlich keine kleine Schwierigkeit, unter Wahrung des Charakters der Bibelsprache kindlich anschaulich, lebensvoll, klar, dem jeweiligen Alter des Kindes angemessen und doch gut deutsch zu erzählen. Das Alles findet sich in dem Müller'schen Buche glücklich vereinigt. Der Stoff ist qualitativ und quantitativ mit seinem pädagogischen Gefühl ausgewählt und hierbei, sowie bei der Art der Darbietung dem obersten Ziele des Unterrichtes stets volle Beachtung geschenkt. Der religiös-sittliche Inhalt der einzelnen biblischen Geschichten tritt durch die Erzählung selbst und durch die am Schluffe jeder Geschichte angefügten, geschickt ausgewählten Bibelsprüche ungesucht hervor. Ein glücklicher Griff ist es, dass der Verfasser die Beweggründe der handelnden Personen hervorhebt und so die Interessebildung fördert. In richtiger Würdigung der Thatsache, dass eine Erziehung der Kinder zu religiös-sittlichen Menschen am besten durch ein Emporführen an der Hand edler religiös-geschichtlicher Charakterbilder erreicht wird, hat Müller die Königsgeschichte um der Propheten willen ausführlich behandelt und in jene die erhebendsten Reden der letzteren mit eingeflochten, ein Vorzug, den man in den meisten der bisherigen Lehrbücher der biblischen Geschichte vergebens sucht. Vielen Geschmack verräth auch die Auswahl und Wiedergabe der Psalmen, und die methodische Darstellung der Lehren und Gebote deS Pentateuchs und der Sprüche Salomos und Sirachs zeugt von dem reichen pädagogischen Können des Verfassers. Lobend zu erwähnen ist noch, dass das Buch auch darin einen neuen Weg geht, dass es die Geschichte bis zur Zerstörung des zweiten Tempels, also bis zum thatsächlichen Ende des Volkes Israel fortführt. Sehr zweckmäßig ist auch der Anhang mit einer schönen Karte und einer interessanten Beschreibung von Palästina, sowie einer Abhandlung über Bibelkunde. In seinem „Ueberblick über die biblische und nachbiblische jüdische Geschichte" hat der Verfasser die ganze biblische und nachbiblische Geschichte in ihrem historischen Zusammenhang klar und bündig und mit warmem wohlthuenden Gefühle dargestellt. Dass dabei auch der Entstehung verschiedener religiöser Einrichtungen des jüdischen Hauses und der Synagoge gedacht ist, kann nicht verfehlen, unsere Heranwachsende Jugend ■ |