Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 12 (6.4.1899)
- Date
- 1899-04-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit. Nr. 12. Seite 12. Versöhmmg. Bon Bernhard Loewenthal. (8. Fortsetzung.) Nach einem kleinen Umwege machte er vor der Villa der Gräfin Halt. Das ganze Haus war erleuchtet. „Eine schöne Tasse Thee", dachte Josua,dann trat er ein. Als der Diener ihm den Mantel abnahm, eilte Lieutenant Minden auf ihn zu. „Ah l Bertel, reizend, dass Sie da find, werden schon colossal erwartet, feudale Gesellschaft heute, schneidigste Weiber." Damit reichte er Josua die Hand. Seitdem letzterer ein großer Sänger geworden war, gab es der Lieutenant auf, öffentlich von ihm zu sagen: „Er ist ein Jude", im Innern aber dachte er es nur zu oft. Gleich am Eingang des Saales wurde Josua von der Gräfin empfangen. „Ah, Bertel, das ist nett, dass Sie gekommen sind, ich will Sie auch gleich einigen Damen vorstellen, welche schon längst Ihre persönliche Bekanntschaft wünschen." Josua hatte sich bald von der Gräfin loSgemacht und eilte, nachdem er auch mit den ihm vorgestellten Damen einige Phrasen getauscht hatte, hinüber zu seiner Freundin, die am Clavier saß. Ja, Meta von Elstern war seine Freundin im wahrsten Sinne des Wortes. Trotz der Verschiedenheit des Religionsbekenntnißes harmonirterr ihre Seelen. Mit dem zartesten Empfinden folgte Meta den edlen Regungen des jungen Künstlers, mit der selbstlosesten Liebe verehrte sie ihn. Sie wusste, dass nie ein Bündnis zwischen ihnen möglich war, und dennoch hegte sie in ihrem Herzen das Gefühl der seligsten Seligkeit, den Quell der liebenden Freundschaft. Josua hatte ihr von Lea erzählt, und kein Groll fand in ihrer Seele Platz gegen die schöne Jüdin. Bei Meta hatte der Freund schon oft, wenn die Zweifel in ihm aufgestiegen waren, Trost und Beruhigung gefunden. „Guten Abend, meine Gnädige!" Ohne von den Notenblättern aufzublicken, reichte Meta dem Freunde die Hand. „Guten Abend, Herr Bertel." Josua bückte sich etwas vor, um den Titel des auf dem Notenpult liegenden Musikstückes besser sehen zu können. Er erschrack fast, als er die Noten sah. „Kol nidrei" flüsterte er. „Ja, ich habe die Begleitung geübt." „Ich danke Ihnen, Fräulein von Elstern, ich werde es singen, heute noch." Sein Auge strahlte, als er in das ihre blickte, und doch sah er in seinem Geiste nur ein Gesicht, nur eine Gestalt, Leas Antlitz, ihren Blick. Bald, bald würde er bei chr sein, versöhnt mit sich selbst, mit den Eltern, daheim — zu Hause. — „Kol nidrei!" Eine Klage, eine Bitte um Vergebung unserer Sünden, ein Wehruf aus gepresstem Herzen und bedrückter Seele rst dieses Gebet. In den tiefsten Tiefen unserer Brust wühlt es die verschiedenartigsten Empfindungen auf, — Töne der Trauer sind es, Töne der Zerknirschung, und wiederum Töne der Hoffnung. „Kol niedrei!" Welcher Mensch, ob Jude oder Christ, fühlt nicht bei dieser erhabenen Melodie, die so ganz dem Gebete angepasst ist, eine höhere Weihe, eine edlere Regung in seinem Herzen. Und nun erst Josua. So ganz spiegelte dieses Gebet die Stimmung seiner Seele wieder, so ganz die Empfindungen seines Herzens. Als es ruhiger wurde im Saale, als aller Augen sich mit Spannung auf ihn richteten, da lehnte er bleich, groß und schön, die schwarzen Locken wirr in die Stirn hängend, neben Meta von Elstern am Clavier. Die Augen hatte er wie träumend halb geschloffen, den Mund umspielte ein müdes, todesmattes Lächeln. Einige Sekunden nur dauerte das Vorspiel, dann tönte es erst ganz leise, kaum hörbar und bei der tiefen Stille doch so eindringlich und mahnend an das Ohr der Lauschenden. Ein fremdes Lied, eine fremde Sprache, ein fremder Ton. Alle fühlten die Macht eines höheren Schicksals aus diesen Tönen verkünden. Josua aber gab sich ganz und gar dem Zauber des erlösenden Gebetes hin. Als er geendet, konnte man fühlen, wie die Töne noch nachzitterten in jedem Herzen, dann aber brach ein Beifall los, wie ihn Josua Beer vorher noch nicht gehabt hatte. Innig und wahr hatte er gesungen, groß und aufrichtig war der Dank der Zuhörer. Lieutenant von Minden neigte sich zum Ohr der Gräfin und, seinen fahlblonden Schnurbart zwirbelnd, flüsterte er: „Ich glaube, es war eine spanische Melodie." Die Gräfin lächelte: „So mag es Ihnen vorgekommen sein", und zu dem eben herantretenden Musikreferenten Kohle gewandt, fragte sie ganz laut: „Sind Sie befriedigt, Doctor?" Dieser lächelte wie beseligt: „Ich danke, meine Gnädige, ich habe die Macht des Gesanges selten so schön empfunden, wie heute. Ich begreife vollkommen diejenigen Juden, für die der heiligste Augenblick das Kol-nidrei-Gebet ist." Mit diesem Kol-nidrei begann für Josua eine andere Zeit. Kaum ein Jahr war vergangen, da hatte er der Bühne entsagt, um sich seinem Glauben ganz zu widmen. In den Zeitungen las man das Bedauern, dass ein so talentirter und hoffnungsvoller Künstler dem Bühnenleben Valet sagen würde. Josua aber fühlte kein Bedauern, im Gegentheil, er war glücklich in seinem Entschlüsse, und nie hatte er den Schritt bereut, mit dem er sich selbst den Frieden gab. In der Villa der Thiergartenstraße saßen eines Tages um die vierte Nachmittagsstunde die Hausfrau und ihre Freundin, die kleine Elstern, in traulichem Gespräche. Ein Brief war eben zu Boden geglitten. „Und Nichts hält ihn zurück?" seufzte die Gräfin. „Gar Nichts! Ich habe Alles versucht", sagte Meta leise; indem sie sich erhob, der Gräfin zum Abschied noch die Hand reichend, fügte sie hinzu: „Trösten wir uns, Gräfin, ich glaube, er hat recht, lassen wir ihn ziehen!" * -i- Wer in der kleinen Stadt aufgewachsen ist und Gelegenheit hatte, das Gemeindewesen so recht zu beobachten, der wird gefunden haben, dass in sechs Jahren in einer K'hille von fünfzig Familien sich eigentlich wenig ändert. Hie und da ist Einer „der Kinder wegen" nach einer größeren Stadt verzogen, Der ist gestorben, begraben und vergessen worden, Jener hat einen Beleidigungs-Proceß gegen seinen früheren Freund und Nachbar angestrengt, und so wickelt sich weiter das Rad der angenehmen Abwechselungen in einem solch' kleinen Nest ab, wie es das Städtchen ist, in dem Schlaume Beer noch immer sein Geschäft betreibt. Im „Mokim" hat sich nur wenig verändert. Der altmodische Brunnen mit der angefaulten hölzernen Kuppel und den dicken Eisenschwengeln steht noch - immer auf der alten Stelle, inmitten des Marktplatzes, und nach wie vor sitzen die Spatzen auf den niedrigen Häusern oder hüpfen scharenweise herum auf den schlechtgepflasterten Straßen. (Schluss folgt.)