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Die Wahrheit · 1899-04-06 · Heft 12 (6.4.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 12 (6.4.1899)
Date
1899-04-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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\ / Nr. 12. Die Wahrheit. Seite 11. wird dem Tempelverein seitens des Besitzers mit Rücksicht auf den pietätvollen Zweck ein civiler Kaufpreis gestellt. Nach Ankauf des Hauses gedenkt der Vorstand, das Haus einem theilweisen Umbau zu unterziehen und im Hintertracte ein kleines aber würdiges Gotteshaus zu errichten. Dies sei unter den gegebenen Verhältnißen die einzige Möglichkeit für die Glaubensgenossen des IV. und V. Bezirkes ein stabiles Gotteshaus zu erreichen. Vicepräsident der Cultusgemeinde Dr. Kohn entwickelte sodann in glänzender Rede die Gesichtspunkte, unter denen die Cultusgemeinde bereit sei, dem Vereine werkthätig zur Seite zu stehen und fand für seine Ausführungen reichen Beifall und den Dank der Anwesenden. Nachdem vom Casseverwalter, Herrn Moritz Hacke r, vorgetragenen Casseberichte wurde dem Ausschüsse das Absolutorium ertheilt und sodann die Herren Vogelhut, Philipp Weiß, und Schleifer als Revisoren für das nächste Jahr gewählt. Nachdem dem Präsidenten, Herrn Adolf Lichtblau, und dem Vorstande seitens der Versammlung der Dank votirt worden war, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Wien. Wie alljährlich, seit Bestand des über ein halbes Jahrhundert alten, höchst verdienstvollen Vereines zur Verbreitung der Handwerke unter den inländischen Israeliten, fand auch in diesem Jahre eine solenne Sederfeier für 500 Zöglinge dieses Vereines im Saale der neuen Fruchtbörse in der Taborstraße statt. Von Honorationen wohnten der Feier bei der Gesammtvorstand des Vereines, Mitglieder des Cultusvorstandes und Gönner der Handwerkszöglinge, welch letztere sich durch ein musterhaftes Betragen auszeichneten. Die Feier machte allseits großen Eindruck. Den Festvortrag hielt Prof. Antscherl, den gesanglichen Theil absolvirte Herr Cantor Pekarnik, und wurde beiden Herren die verdiente Anerkennung zutheil. Wien. Der allgemeine hebräische Sprachverein, dessen Aufruf wir heute unserem Blatte anschließen, hat seine conftituirende General-Versammlung am 28. März im Restaurant Guth abgehalten. Herr Lector Friedmann begrüßte die Anwesenden, unter welchen sich eine große Anzahl von Religivns- und öffentlichen jüdischen Lehrern befanden, und ertheilte sohin Herrn Dr. Leopold Kahn das Wort zum Referate. Dieser führte unter Vorlesung der wichtigsten Bestimmungen der Statuten aus, wie dringend nothwendig und nach vielen Richtungen äußerst nützlich die Pflege der hebräischen Sprache und Literatur sei. Redner exemplificirte aus Anlass des Passahfestes auf die in der Hagada angeführten vier Typen von Leuten, die sich zu einer ihnen neuen Sache je von ihrem Standpunkte aus stellen, und beleuchtete deren Positionen zu dieser Vereinsgründung. Der Chacham wird sofort nach dem tieferen Gehalt blicken und nach den Statuten fragen, welche Zwecke verfolgt und auf welche Weise diese erreicht werden sollen. Der Roscho wird den Standpunkt des gemeinen Interesses einnehmen und sich nach dem materiellen Nutzen fragen. Diesem gefühlsverlaffenen, idealsarmen Menscheutypus wird freilich das Streben des Vereines nicht verständlich sein. Der am gemeinen Boden des niedrigen Interesses sich Bewegende würde auch in Aegypten als Sclave zurückgeblieben sein und an der Erlösung, die Sinn für Höheres voraussetzt, nicht theilgenommen haben. Der dann ticke Fragende, der Tam, muss belehrt werden. Am schwierigsten gestaltet sich jedoch die Sache beim Indifferenten, Scheeno jodea lischol, der nicht einmal zu fragen weiß und nach dieser Schöpfung zu forschen Interesse hat. Hier müsse d.r Hebel angesetzt und gleich den Worten der Hagada darauf hingewiesen werden, dass die Pflege des nationalen Bewusstseins und der heiligen stammeseigenen Sprache Selbstachtung und die Fähigkeit zur Selbstbefreiung verleiht. — In den Vorstand wurden folgende fünf Mitglieder gewählt: Herr Lector Al. Friedmann, Herr Rabbiner Michael Papv, Herr Professor Leo Kellner, Herr Rabbiner Dr. Nt. Ehrenpreis und Herr Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Leopold Kahn. Zum Schlüsse hielt Herr Lector Friedmann eine geistvolle, ebenso witzige wie anfeuernde Ansprache, die tiefen Eindruck machte, nub schloss die Versammlung. — Erfreulich ist die Thatsache, dass schon über das Bekanntwerden des Aufrufes circa 170 Mitglieder mit einem Betrage in der Gesammtsumme von beiläufig 450 Kronen jährlich ihren Beitritt anmeldeten. Allein, wenn der Verein prosperiren und seinen Zweck erfüllen soll, so muss er nach vielen Tausenden von Mitgliedern zählen und von Freunden der Sache kräftig unterstützt werden. Hier ist wieder ein Ziel, welches wahrlich des Schweißes der Edeln werth ist! — Prag. Im hiesigen wissenschaftlichen Verein für Volkskunde und Linguistik, hielt am 23. v. M. ein junger Rabbiner, Dr. Jsak Eisenberg, einen sehr fesselnden und gediegenen Vortrag über die Ibrahim- und Nimrudsage in der Koranexegese. Der Vortragende führte aus, dass schon vor Entstehung des Islams viele Legenden biblischer Propheten in Arabien eingebürgert waren. Muhammed stellte die Propheten als seine Vorgänger dar, beutete ihre Geschichte für seine Zwecke aus und suchte seine Lebebensschicksale mit denen der früheren Propheten in Verbindung zu bringen. Die Prophetenlegenden hat Muhammed in praktisch schöner Form, wie wir sie jetzt im Koran vorfinden, den heidnischen Arabern vorgetragen und diese dadurch begeistert für sich eingenommen. Nach Muhammed haben die Koran-Erklärer und die damaligen Schriftsteller, den im Koran vorkommenden Stoff von den Prophetenlegenden vermehrt. Der Vortragende las dann die Legenden von der Geburt Ibrahims, von seinen Heldenthaten und seinen Kümpfen mit Nimrud vor, welche theilweise in die Midraschschriften übergegangen sind. Dr. Jsak Eisen berg, der sich trotz seiner Jugend Verdienste um die Wissenschaft erworben hat, beschäftigt sich jetzt mit der Herausgabe einer großen arabischen Schrift über die Prophetenlegenden. R. M. T. Das Testament der Äaronm Hirsch. Nach dem Leichenbegängnisse der Frau Baronin Clara Hirsch, das Montag, den 2. April in Paris stattfand, hat im Palais der Verstorbenen in Anwesenheit der Verwandten und Adoptivkinder die Testamentseröffnung stattgefunden. Das Testament enthält folgende Bestimmungen: Zu Universalerben wurden eingesetzt die Verwandten der Verstorbenen, und zwar ihr Bruder Banquier Ferdinand Bischoffsheim in Brüssel und ihre beiden Schwestern Frau Leo von Goldschmidt in Paris und Frau Montefiore in Brüssel. Mit Legaten in bedeutender Höhe wurden bedacht die beiden Adoptivsöhne, die Barone Le Forest, die Tochter Lucie des jung verstorbenen Baron Lucien Hirsch, des einzigen Sohnes der Erblasserin, und die übrigen Verwandten. Außerdem wurden dem älteren der beiden Adoptivsöhne — der jüngere ist seit Monaten an einem Nervenleiden erkrankt — die mährischen Güter der Baronin, Rossitz und Eichhorn, die einen Werth von mehreren Millionen Francs repräsentiren, vermacht. Namhafte Legate erhielten ferner die auf den Besitzungen der Verstorbenen bediensteten Personen Die Wohlthätigkeitsanstalten, die ihren Sitz in Oesterreich- Ungarn haben, wurden mit nahezu sieben Millionen Francs bedacht. Hievon entfallen auf die von Baron Hirsch gegründete, seinen Namen tragende Stiftung für Galizien drei Millionen Francs; die Baron Hirsch - Kaiserjubiläums - Wohlthätigkeits- Stiftung, die ihren Sitz in Wien hat, zwei Millionen Francs; zur Schaffung einer neuen Wohlthätigkeits - Anstalt wurden anderthalb Millionen Francs bestimmt. Der Magistrat von Wien erhält zur sofortigen Verwendung für wohlthätige Zwecke den Betrag von 200.000 Francs. Außerdem hat die Baronin noch zahlreichen auswärtigen Humanitären und philanthropischen Vereinen Legate in bedeutender Höhe vermacht.

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