Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 12 (6.4.1899)
- Date
- 1899-04-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Die Wahrheit. Seite 9. und Lassen, hauptsächlich wenn es r e l i g i ö s e, inderOeffentli chkeit auszuübende Acte betrifft, einen Anstrich von tiefem Ernst tmb hehrer Weihe zu geben, so dass nichtjüdische Zuschauer, auch solche, die von Spottsucht gegen jedes jüdische Gebühren angeregt sind, wenn nicht schon zur Achtung und Werthschätzung gezwungen, jedoch zu dem Geständniße gebracht werden sollen, dass jüdische Sitten und Gebräuche der Anforderung der Zeit entsprechen und der nöthigen Weihe nicht entbehren. Wie oft und wie stark aber wird in manchen Kreisen gesündigt. Alle auf sittlicher Basis gegründeten Religions-Genossenschaften stimmen überein, dass die Eheschließung ein sacraler Act sei und somit in Andacht erweckender und in weihevoller Stimmung zur Ausführung gebracht werden soll. Wie aber, wenn ein solcher heiliger Act anstatt im Gotteshause, wohin er gehört, in einem Gasthausgarten vor sich geht und der hiezu berufene Priester von nicht berufenen Laien assistirt wird? Da fliegen die Tauben über den sehr unansehnlichen und auf wankenden Stützen ruhenden Trauhimmel hin und her, und kleine wie große, nicht zu den Trauungsgästen gehörenden Rangen beiderlei Geschlechtes reißen ihre Possen und machen ungebührende Bemerkungen über den einen oder anderen fungirenden Laien, was in einem Gotteshause gewiss nicht der Fall wäre, da schon die Weihe des Ortes auch einem rohen Gemüthe Achtung einflößt. Durch die Menge drängten sich auch welche Hunde, die man mit verhaltenem Gelächter und nur mit Mühe abhalten konnte, dass sie dem Rabbiner beim Vorlesen der Kethuba nicht accompagniren sollen. Ja, geschieht so etwas in einem galizischen Dorfe, so ist dies vielleicht noch zu entschuldigen; wie aber> wenn das in der nächsten Nähe Wiens vorkommt, in einer neu erstandenen Cultusgemeinde, deren Rabbiner und Vorsteher der Intelligenz angehören? Der Bräutigam ein öffentlicher Functionär, die Braut die Tochter eines öffentlichen Functionärs, der Rabbiner und der Cultusvorsteher, die zugegen waren, Förderer jedes culturellen Fortschrittes, und sollten doch kein Auge für solche Unzukömmlichkeiten haben? Die christliche Bevölkerung in dem gedachten Orte, ist nichts weniger als judensreundlich gesinnt, und war die Trauung, von der hier die Rede ist, durchaus nicht geeignet, ihr einen besseren Begriff vom Judenthum zu influiren. J. Baden. Beim Eintreffen der betrübenden Nachricht des Hinscheidens der Baronin Clara Hirsch widmete unser Rabbiner, Se. Ehrwürden Herr Wilhelm Reich, derselben am letzten Pessachfeste in Verbindung mit der in unserem Tempel abgehaltenen Maskir-Predigt einen der Hingeschiedenen würdigen Nachruf. Die warmempfundenen Worte unseres verehrten Seelsorgers haben die allgemein bekannten Wohlthätigkeitsacte dieser edlen Menschenfreundin noch klarer in's Licht gestellt und auf die große Menge der Andächtigen einen tief erschütternden Eindruck gemacht. Lundenburg. (Zum Wechsel in der Person des Bürgermeisters.) Die letzhin vorgenommene Wahl des Bürgermeisters hat einen Wechsel in der Person unseres Stadtoberhauptes gebracht; indem an Stelle des hochverdienten, langjährigen Bürgermeisters Herrn H. Kuffner, welcher mit Rücksicht auf seine Jahre, zum allgemeinen Bedauern der Bevölkerung, eine Wiederwahl dankend ablehnte, Herr Johann Striegl zum Bürgermeister gewählt wurde. Wer Lundenburg seit 25 Jahren nicht gesehen hat, wird die Stadt heute nicht wieder erkennen. Die Entwicklung des Ortes an sich selbst ist eine Metamorphose, wie sie vielleicht bei keinem anderen Provinzstädtchen Mährens geschehen ist. Vor allem die Planirung und Plasterung des inneren Stadttheiles, nachher die der Seitengassen, welche früher bei andauernd regnerischem Wetter unpassirbar waren. Uferschutzbauten und Dämme gegen den fast jährlich austretenden Thayafluss, welcher sehr oft über Nacht mit verheerender Gewalt in die niedrig gelegenen Wohnungen eindrang und Jammer und Schaden den Bewohnern dieser Gebäude verursachte. Was in sanitärer Beziehung, was ferner für den Ausbau der Stadt geschehen, kann nur der ansässige Bewohner richtig benrtheilen und würdigen. Die wichtigsten Schöpfungen jedoch bleiben dauernd die Schulen, die Gründung der städtischen Sparcasfa, die Armenversorgung, Errichtung eines Spitales und viele andere humanitäre Einrichtungen. Diesen ungemein großen Aufschwung der Stadt hat der seit 26 Jahren ununterbrochen wirkende Bürgermeister Herr Kuffner geschaffen. In richtiger Erkenntnis des ihm stets entgegengebrachten Vertrauens seiner Wühler, sieht Jeder, dem das Wohl der Heimatstadt nicht gleichgiltig ist, diesen Mann ungern von seinem Posten scheiden. Möge die Last der Jahre, welche diesen Apostel des Friedens dieser Stadt zu drücken beginnen, kein Hindernis sein, dass sich derselbe noch ungezählte Jahre seiner Schöpfungen freue und in dem Weiterblühen seiner Werke den Genuss seiner unermüdlichen Thütigkeit finden möge. Budapest. (Die letzte großartige Stiftung der Baronin Hirsch.) Frau Baronin Klara Hirsch, über deren Ableben an anderer Stelle gemeldet wird, hat die Reihe der Wohlthütigkeitsacte, welche sich an ihren und an ihres verewigten Gatten Namen knüpfen, um eine neuere großartige Stiftung vermehrt. Wie „Egyenlöseg" berichtet, hat die Baronin eine Stiftung von einer Million Gulden für ungarländische Arme ohne Unterschied der Abstammung und der Confefsion gemacht. Der Zweck dieser Stiftung ist, dass die Zinsen derselben darlehensweise an arme Bittsteller zinsenfrei verabfolgt werden, welche das Darlehen in beliebigen kleinen Raten zurückerstatten. Das Darlehen kann nicht kleiner als fl. 50 und nicht größer als fl. 300 sein. Viele unterstützungsbedürftige und verschämte Arme haben sich bisher aus dem Grunde nicht an das Budapester Wohlthätigkeitsbureau der Baronin Hirsch wenden wollen, weil dieses nur Spenden und keine Darlehen gab. Dem wollte die großherzige Stifterin durch ihre neuerliche Stiftung abhelfen. Die Stiftuugssumme wurde zu Händen des königlich ungarischen Cultus- und Uuterrichtsministers erlegt; dieser wird das Stiftungscuratorium ernennen. Um das Zustandekommen dieser Stiftung hat sich die Leitung des Pester israelitischen Frauenvereines, im Besonderen die Präsidentin Frau Marie Herzl und der Secretär Herr F o r r a i in hohem Maße verdient gemacht. Budapest. (Tranergottesdienst.) Ein Jahr ist nun dahingegangen, seit Frau Johanna Bischitz de Heves aus dem Leben geschieden ist. Am Sterbetage dieser hochedlen Frau veranstaltete der erste Pester israelitische Frauenverein zum Seelenheile seinerhochverdienten, nun bei Gott ruhenden Präsidentin im großen Saale des israelitischen Mädchen-Waisenhauses einen solennen Trauer-Gottesdienst. Aus diesem Anlasse trug der Saal reiche Trauerdecoration. Die Kandelaber und die Kronleuchter waren in Trauerflor gehüllt, die Wände und die Säulen schwarz drapirt, endlich war auch das an der Stirnseite des Saales angebrachte, sprechend ähnliche Porträt der unvergesslichen Frau mit schwarzen Draperien umgeben. Den Saal füllte ein zahlreiches, aus Vertretern fast sämmtlicher wohlthätigen Frauenvereine der Hauptstadt bestehendes Damenpublicum. Der Vorstand und die Damen des Ausschusses des Pester israelitischen Frauenvereines waren mit der Viceprüsidentin Frau Herzl vollzählig erschienen. Anwesend waren: die Familie der Verblichenen, ihre Söhne, die Herren Louis v. Bisicz sammt Gemahlin, geb. Baronesse Schosberger und Arthur B i s ch i tz, Frau Emma v. Brüll, Frau Cornelie Heidelberg, Abgeordneter Hofrath Dr. Armin Neumann und Gemahlin, Frau Charlotte Schwarz, Frau Amelie Pfeiffer, Frau Friedrich v. Neumann, Frau Witwe Carl H e r i ch, der Vicepräsident der Pester israelitischen Religionsgemeinde Herr Samuel Deutsch, Gemeindevorsteher Ludwig Adler, Secretär Professor Dr. Ignaz Goldziher, der Präsident der Chewia - Kadischa Moses Ehrlich, königlicher Rath Dr. Sigmund Adler, Paul Teurer, Director Abraham Lederer, der Präsident des israelitischen Knaben-Waisenhauses Jacob Deutsch, Dr. Franz Meze y, Moriz Ma n d l, Director David K em any, Berthold v. G o ld be r g e r, ferner die Vertreter des Ofner israelitischen Frauenvereins Frau Moriz Steiner und Frau Sigmund B l e y e r, die Abordnungen des Vereins vom Rothen Kreuz, des wohlthätigen Frauenvereins u. v. A. Die Gedächtnisfeier eröffnete ein Trauerchoral, welcher von den