Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 12 (6.4.1899)
- Date
- 1899-04-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 12. Die Empörung, welche die gelammte europäische Presse erfasste, als die greulichen und barbarischen Vorfälle in Bukarest bekannt wurden, wie auch die Rechtsunsicherheit der Person und des Eigenthums, welche sich damals dem verblüfften Europa offenbarte und dem rumänischen Credit zu schaden drohte, veranlassten die jetzige liberale Negierung, die Judenhetze zu vertagen. Nun schien der Negierung der Bauernaufstand ein genügender Vorwand, um das begonnene Werk fortzusetzen. Die Bauern erheben sich, die socialistischen Agitatoren Hetzen, die Juden müssen bluten. Zu diesem Zwecke wurde das Fremdengesetz ausgegraben und nach alter erprobter Manier interpretirt. Im Lande geborene junge Leute, deren Eltern und Ureltern nachweislich auch im Lande geboren sind, wurden einfach zu Fremdlingen gestempelt, auf die Polizei gerufen, in Haft genommen und innerhalb 24 Stunden über die Grenze gewiesen. Thatsächlich befinden sich unter den Ausgewiesenen einige jüdische Arbeiter, welche der socialistischen Partei angehörten; aber außer diesen Arbeitern sind Männer ausgewiesen worden, welche, wenn sie auch einstens Politik getrieben, doch seit Jahren ihrer bürgerlichen Beschäftigung in Ruhe nachgingen. Da spielte bei den Ausweisungen persönliche Feindschaft und die Erpressungssucht der Bukarester Polizei auch eine bedeutende Rolle mit. Selbst die Regierung scheute sich nicht, die Ausweisungen als politische Waffe zu gebrauchen, indem sie dachte, durch Ausweisung einiger jüdischer Redacteure und des jüdischen Administrators des oppositionellen Blattes „Adeverul" dieses Blatt mundtodt zu machen. Diese willkürliche Anwendung des Fremdengesetzes, das ausdrücklich dazu geschaffen wurde, um gefährliche, gegen den Staat conspirirende, nicht in Rumänien geborene Elemente des Landes verweisen zu können, hat selbst einen rumänischen Deputirten veranlasst, die Regierung zu interpelliren. Der Minister des Innern, Herr Pherikide, dessen rumänische Abstammung, nebenbei gesagt, eine sehr zweifelhafte ist, gestand, dass die Regierung auch Nichtsocialisten ausgewiesen habe, verweigerte aber jede Begründung, da das Gesetz eine solche nicht erfordere. Dabei blieb es. Lalmaim's AmeriKafahrt. Humoreske aus Kurland. Bon Hermann Rosenthal. (Schluss.) Und der Name ist ihm geblieben. Im Uebrigen war er wirklich ein wahrer Riese von Kraft und furchtlos und kampfeslustig wie ein Büffelochs, so dass die Jnspectoren und Wächter des Zollamts, die überall nach Conirebande herumschnüffelten, ihm gewöhnlich aus dem Wege gingen. Seine jüdischen Concurrenten behaupteten, er sei vom Schweinefleischessen so fett und stark geworden, aber das war nur bloße Rancüne, denn während der Feiertage war er einer der eifrigsten Beter in der Synagoge und war sehr freigebig mit seinen Spenden für dieselbe. Wenn die „Aufrufe" zur Thora verauctionirt wurden, so ließ er sich von Niemandem überbieten. Er erstand immer die Ehre, die er haben wollte, koste es, was es wolle. Beim Beten schrie er gewöhnlich so laut, dass Kalmann schon oft darüber Witze gerissen hatte, dass er den lieben Herrgott auszanken wolle u. s. w. Wenn er am Versöhnungsabende bei den Bußgebeten seine mächtige Stimme zum Himmel erhob, so fielen die eingeschlafenen Kinder von ihren Bänken herab itnd einige Frauen auf der Galerie wurden dabei ohnmächtig. An einem solchen Versöhnungslage, während eines ernsten, rührenden Gebetes, als er wieder einmal laut zu seinem Gotte aufschrie, erscholl in seiner Nähe plötzlich die weinerlich-komische Stimme Kalmann's: „Gott, mein Gott, der Du für alle Deine Geschöpfe sorgst, ' erbarme Dich doch des Büffelochsen, gib ihm ein Fuder Heu, dass er zu brüllen aufhöre". Rafael ließ sich während des Gebetes nicht stören, schwor aber am Abend nach dem Versöhnungsfeste, er würde dem närrischen Lümmel alle Knochen im Leibe zerschlagen, sobald er ihn packen würde. Kalmann hatte sich wohlweislich aus dem Staub gemacht. Er blieb bis zur Abreise des Büffelochsen bei seinem Freunde, dem reichen Bauern von Wallhof. Aber nach den Feiertagen wurde der Gemeinderath einberufen und nach langer Debatte der Beschluss gefasst, Kalmann zu veranlassen, nach Amerika auszuwandern. Vor der Abreise erhielt er von seinen Freunden das nöthige Reisegeld bis Hamburg: „Für das Weitere sollen Gott und die wohlthätigen Juden in Hamburg sorgen." — Aber Kalmann war zu stolz, um zu betteln, und verschaffte sich von dem gutherzigen Kaufmann Moritz einen Brief an seinen Schwiegersohn in Hamburg, der in einem dortigen Passage-Geschäfte angestellt war. Auf der Grenzstation Eidtkuhnen traf er mit einer großen Schaar deutsch-russischer Menoniten zusammen, die, infolge der Bedrückungen von Seiten der russischen Regierung, von Süd- Rußland nach Amerika übersiedelten. Er hatte sich mit dem Führer der Gesellschaft bald so befreundet, dass dieser ihn bat, ihm beim Einkäufen der Billette behilflich zu sein, da, wie sein Vetter aus Dakota ihm geschrieben habe, man von den Agenten oft übervortheilt werde. Kalmann zeigte ihm seinen Brief an den „zuverlässigsten" Agenten und darauf ersuchte ihn Schultz, auch für ein passendes Gasthaus zu sorgen. Man telegraphirte an Kalmann's Freund, der sie zwei Stationen vor Hamburg traf und Alles auf's Beste arrangirte. Schultz war zufriedengestellt und Kalmann erhielt an Commissionen ein Freibillet und fünfzig Mark für die Reise. Die ganze Gesellschaft hatte ihn während der Ueberfahrt auf dem Dampfer „Westphalia" so lieb gewonnen, dass Schulz ihm zuredete, mit der Colonie nach Dakota zu reisen, er wolle schon für ihn sorgen, denn „einen Juden, um das Getreide abzukaufen, kann die Colonie immer gebrauchen." — Aber trotzdem, dass Simon auf seine Depesche von Fire Island: „Komme abholen", nicht geantwortet hatte, und trotz der starken Zuneigung, die er für die älteste Tochter Schultz' gefasst hatte, beharrte er doch darauf, es erst mit den zehn Dollars in New-Aork zu versuchen. „Nach Westen kann ich ja immer noch Nachkommen." Neulich traf ich ihn in einer Car auf dem Broadway. „Well, mein Freund! Sehen Sie das Eckhaus da drüben? Das gehört mir, das ist mein Kleidergeschäft! — Well, es hat fünfzehn Jahre harter Arbeit genommen. Aber, wie sagt der Iankee: Ellars i8 a will, tliere is a — Broadway. — Eigentlich habe ich das Alles dem Rafael Büffelochs zu verdanken!" Den Schiller scheint er noch immer nicht vergessen zu haben, denn als ich mich nach seinem Cousin Simon erkundigte, antwortete er: „Der ist seit acht Jahren mein Werkmeister, aber er muß hart schaffen! Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß, soll das Werk den Meister loben! Poker spielt er nur noch in der Familie und da blos zu einem Zehntel. — By, by — machen Sie's gut." Gemeilldebote. Baden. Wenn man uns Juden von nichtjüdischer Seite ein Compliment machen will, so heißt es, die Juden stehen einer für den Andern ein, sie halten zusammen. Zumeist aber hat uns diese leichte Verbeugung vor uns geschadet, indem man jedes Verbrechen, jedes Vergehen, ja jede Unart eines Einzelnen der Gesammtheit aufbürdet und in den uns feindlichen Kreisen nie das betreffende Individuum, sondern stets seine Abstammung und dessen Religions-Zugehörigkeit in Betracht zog. Die Nächstliegenden Lehren, welche die banale Insinuation und die aus derselben folgende, uns leichtfertig zugefügte Ungerechtigkeit ergeben, sollte jeder, seinen Stamm und seine Religion liebender Jude tiefinnigst beherzigen. Es sind deren zwei: 1. Du sollst für Deinen ehrlich braven Stammes- und Glaubensgenossen mit Herz und Seele einstehen; 2. den von der Bahn des Rechtes abirrenden Stammes- und Glaubensverwandten von Dir weisen und keinen Finger zu seiner Vertheidigung rühren. Eine weitere Betrachtung hierüber sagt uns, dass jeder einzelne Jude, wie jede jüdische Corporation befleißigt sein mnß, all' ihrem Thun