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Die Wahrheit · 1899-04-06 · Heft 12 (6.4.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 12 (6.4.1899)
Date
1899-04-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12. Seite 5. Die Wahrheit. war nicht aus einer allmählichen Annäherung des französischen Volkes an die in seiner Mitte lebenden Juden hervorgegangen, war nicht das Ergebnis einer durch längeres Zusammenleben erlangten Hochachtung und Würdigung für jüdische Art und Sitte. Die Vertreter des souveränen Volkes wollten nur das feierlich proclamirte Princip der allgemeinen gleichen Menschenrechte auch den Juden gegenüber wenigstens in der Theorie zur Geltung bringen. In der Praxis blieben die vorigen Vorurtheile weiter bestehen, die man damals noch gegen das Judenthum und seine Satzungen hegte. Die Zeit der Gewaltthaten und des Schreckens, die auf 1791 folgte, war allerdings am wenigsten geeignet, die Achtung vor irgend welcher Religion zu fördern, und auch unsere Glaubensgenossen hatten unter der Verfolgung alles religiösen Lebens nicht wenig zu leiden. Die Hochachtung vor jüdischen Traditionen zeigte sich in jener Zeit höchstens darin, dass man z. B. in Bordeaux einige reiche Bürger aus dem Stamme Levi mit Gütereinziehung bestrafte, weil sie sich durch Zugehörigkeit zum ältesten Adel aristokratischer Gesinnungen verdächtig gemacht hätten. *) Nach der Wiederkehr geordneter Zustände gelang es wohl einzelnen Juden, durch erfolgreiche Beschäftigung mit dem Ackerbau, mit Künsten und Wissenschaften, sowie besonders durch Emporkommen im Militärdienste sich auch in nichtjüdischen Kreisen Achtung zu erringen. Aber wie dies noch heute vielfach beobachtet wird bei denen, die im bürgerlichen Leben etwas leisteten und zur Anerkennung gelangten, vergaß man gar zu gerne ihre Zugehörigkeit zum Judenthume; vielleicht verschmähten es manche von ihnen auch selbst, diese Zugehörigkeit zu bekennen. Jedenfalls war im französischen Volke über das Gros der Israeliten, die in seiner Mitte lebten, eine keineswegs schmeichelhafte Meinung verbreitet. Selbst ein so vorurtheilsloser Mann wie der Priester Gregoire, der für die bürgerliche Gleichstellung der Juden mit großem Eifer gewirkt hatte, klagt in einer 1805 erschienenen Schrift: blvuveUerz observations sur les juifs, dass die Juden durch die Menge ihrer religiösen Vorschriften an einer richtigen Betheiligung am bürgerlichen Leben gehindert würden. Er tadelt besonders, dass ihre Rabbiner meist Feinde aller Cultur seien und die jüdischen Staatsbürger mit aller Macht in ihrer früheren isolirten Stellung zurückzuhalten suchten. In einer anderen gleichzeitigen Schrift^) wird den Juden das Gefühl echter Vaterlandsliebe abgesprochen, da ihre Sehnsucht doch nach ihrer orientalischen Heimat gerichtet sei. Vor Allem aber galt es als feststehend, dass der Hang zur Ausbeutung Andersgläubiger durch Wucher mit den jüdischen Sitten und Gewohnheiten eng verwachsen sei und ihnen durch talmudische Gebote geradezu zur Pflicht gemacht würde?) . Solche Vorwürfe gegen die Juden, wie sie damals ziemlich allgemein geglaubt wurden, mußten erst vor einer größeren Oeffentlichkeit verhandelt werden, um eine Widerlegung zu finden und bessere Anschauungen über Inden und Judenthum anzubahnen. Zu einer solchen Rechtfertigung sollte ihnen die Zeit des ersten Kaiserreichs Gelegenheit bieten, wenn auch die Vor- 0 Graetz, „Geschichte der Juden." Bd. XI, 2. 224. 2) Vgl. Brann, „Gesammelte Actenstücke und öffentliche Verhandlungen über die Verbesserung der Juden in Frankreich." (Hamburg 1806 u. 1807) I., p. 880 ff. ®) Vgl. den Artikel in „Moniteur" vom 25. Juli 1806: „Reederebes sur 1'etat des iuifs“ etc. gänge, die zu dieser Rechtfertigung führten, zunächst für die Juden Frankreichs recht gefährlich zu werden drohten. Als Napoleon auf der Heimkehr von seinem Siege bei Austerlitz im Frühjahr 1806 die Stadt Straßburg passierte, wurden ihm von einer Deputation christlicher Bürger der Stadt heftige Beschwerden über das gemeingefährliche Treiben der Juden vorgetragen. Diese seien wie ein Schwarm von Hornissen über das Land hergefallen und Hütten namentlich viele Bauern durch unmäßigen Wucher völlig ausgesogen. Mehr als die Hälfte des Grundbesitzes in den rheinischen Departements sei durch jüdische Gläubiger mit Hypotheken belastet und drohe, den Juden in die Hände zu fallen, wenn der Staat nicht helfend eingreife. Solche Klagen und Beschwerden kleiner und großer Grundbesitzer waren nicht neu, wie ja das Geschrei nothleidender Agrarier nach Staatshilfe bis auf unsere Tage nicht verstummt ist. Schon in den letzten Jahrzehnten des alten Regimes und auch einmal zur Zeit der conftituirenden Versammlung hatten die Elsässer Petitionen an die Regierung gerichtet, um durch SiaatShilfe ^von ihren leichtsinnig eingegangenen Schuldverpflichtungen gelöst zu werden?) Ein solcher Wunsch ist ja ganz begreiflich. Schon der französische Minister Turgot sagte: Es ist zwar sehr angenehm, dass man geborgt bekomme; aber es ist sehr hart, bezahlen zu sollen. So dachten auch die Elsässer Bauern, und diejenigen, die ihre Interessen vertraten, glaubten am meisten zu erreichen, wenn sie die schändliche, keineswegs zu entschuldigende Habsucht einzelner Geldmänner der ganzen Judenschaft zur Last legten und die Juden als eine Landplage hinstellten. (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte -er jüdischen Tradition. Von Rector I. H. Weiß. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahan. (Fortsetzung.) Hl. Abschnitl- Bon David bis zur Zerstörung des ersten Tempels. Die Saat, welche Samuel ausgestreut, hat herrliche Früchte gezeitigt. In den Liedern und Gesängen, welche den Namen Davids tragen, weht der echte Geist göttlicher Poesie und tiefster Frömmigkeit. Es ist daher kein Zweifel, dass die Thora in dieser Zeit mehr beachtet und befolgt wurde, als je zuvor. Für David war sie zur Richtschnur seiner Handlungen, und seinem Sohne Salomo legte er vor seinem Tode ihre peinliche Befolgung ganz besonders an's Herz (1 Kön. 2, 3.). Seine Vergehungen, die er aus Schwachheit begangen, hat er nachträglich tief bereut. So werden wir denn in seinem Leben, sowie im Leben seiner Nachfolger, wenn auch nicht zahlreiche, aber umso wichtigere Spuren einer mündlichen Auslegung der Thora finden. David hat den Amalekiten, welcher den König Saul getödtet hatte, zum Tode verurtheilt, obwohl die Schuld nur auf einem Selbstgeständnis beruhte. Ebenso hat David die Mörder des Jsch-Boscheth, Rechab und Baana, auf Grund ihres eigenen Gestündnißes hinrichten lassen. Wenn wir nun wüssten, dass David dabei nach dem geltenden Rechte verfuhr, so könnten wir daraus schließen, dass damals ein Geständnis des Verbrechers dieselbe Geltung hatte, wie die Aussage zweier Zeugen. Und in der That begründet David sein Todesurtheil über den Amalekiten 4 l) Vgl. Brann, I., p. 66 ff.

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