Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 11 (22.3.1899)
- Date
- 1899-03-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Hesterr.-ungar. Kantoren-Ieitung. nr. u. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19. Iakrg. « Professor Steinthal über jüdische "" Melodien. od Briefwechsel zwischen Professor Steinthal und Obercautor Singer in Wien. >e» Herr Obercantor Singer stellt uns zwei Briefe aus seinem 'm Gedankenaustausche mit dem jüngst Heimgegangenen Gelehrten, Professor Steinthal in Berlin, zur Verfügung, die als werthvoller Beitrag zur Geschichte des Synagogengesanges erachtet )ii> werden müssen. Nach vorausgegangener Aufforderung der beiden Berliner 1)". Herren Cantoren Friedmann und M a r k s 0 h n zur Sammlung loci möglichst aller vorhandenen jüdischen Melodien schrieb der ver- }" ewigte Professor Steinthal an Herrn Obercantor Singer: Berlin W., Schöneberger User 42, 4. Juni 1896. ich ge, ihc ich )bt. en Ulf or im teil tbt int en. l!* er s° vic fei (a(' iw ie§ Hochgeehrter Herr! Die Cantoren der hiesigen jüdischen Gemeinde, Herr M a r ksohn und Herr Friedman«, haben eine Anregung, die ich gegeben habe, mit Eifer ausgenommen. Sie selbst haben schon vor einem Jahrzehnt denselben Gedanken wie ich ausgesprochen, nämlich die echt jüdischen Melodien zu sammeln. Ihre Liebe zur Sache wird seitdem nicht erkaltet sein, und ich bitte Sie, derselben Ihre Theilnahme zu widmen. Wenn die Sammlung einigermaßen vollständig sein soll, muß sich die Aufmerksamkeit über Nord- und Süd-Deutschland, über Oesterreich und über die slavischen Länder verbreiten. Ohne Ihre Mitarbeit würd e nichts zu Stande komme n. Die oben genannten Herren, wie ich, bitten Sie also, demnächst mit denselben und, wie Sie wünschen würden, mit einigen Ihrer Herren Collegen ein Comitä zu bilden, in welchem Sie Ihren vollen Einfluss, Ihrem Sachverständnis gemäß, geltend machen würden. Dieses Comite hätte noch Alles zu bestimmen, was Zu thun sei, denn bis jetzt ist noch gar nichts geschehen. Eine freundliche Zusage erwartend, benütze ich die Gelegenheit zur Versicherung der Hochachtung, mit der ich bin Ihr ergebener Diener Prof. S t e i n t h a l. uh jltt nt- (tc. •US Hierauf antwortete Herr Obercantor Singer, dass auch er ein warmer Anhänger der sogenannten traditionellen Melodien sei und durch seine praktische Bethätigung es vielfach bewiesen, dass das alte Chasonns von ihm hoch und werth gehalten werde — jedoch lediglich , nur aus Achtung vor dem Ererbten, an welchem immerhin eine erkleckliche historische Bedeutsamkeit haftet, vor welcher wir Alle uns demüthig beugen müssen. Bei Beurtheilung einer specifisch-jüdischen Melodie müsse jedoch die persönliche Zu¬ oder Abneigung znrückgedrängt und gewissermaßen eine musikalische Charakteristik fixirt werden, die als Gradmesser hiefür dienen sollen, was jüdisch und was fremd sei. Herr Obercantor Singer meinte, dass die bereits vorhandenen einschlägigen Sammlungen alter Synagogenmelodien sehr zahlreich seien und die Mannigfaltigkeit derselben für die gleichen Gebettexte in den verschiedenen Ländern dazu beitrug, das llrtheil zu trüben und die Anschauungen zu verwirren, dass demnach eine umfassendere Sammlung der alten Melodien ohne vorhergegangene Fixirung einer musikalischen Charakteristik eine noch größere Verwirrung im Gefolge haben müsste. Darauf schreibt Herr Professor Steinthal: Berlin, W., Schöneberger Ufer 42, 6. October 1896. Hochgeehrter Herr! Für Ihren gütigen Brief vom 10. Juni d. I. sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank. Die Verzögerung dieser Zeilen ist verursacht theils durch langes Ueberlegen, theils durch die Ferien, theils durch mein ungenügendes Befinden in Hinsicht auf Gesundheit, und endlich durch die Festtage. Ich habe ja in meinen Aeußerungen über die jüdischen Melodien entschieden gesagt, dass ich von Musik im Allgemeinen und von jüdischen Melodien insbesondere eigentlich gar nichts weiß. Darum war es voreilig von mir, auf eine noch zu ve ranstaltende Sammlung hinzuweisen. Nun habeich nicht nur von Ihnen, sondern auch sonst noch gehört, dass es an Sammlungen nicht fehle. Sie weisen mich aber auch positiv darauf hin, woraus es ankomme: Auf eine Charakteristik des Stils der jüdischen Melodien. Und hierin muß ich Ihnen durchaus Re ch t ge ben. Aber was folgt hieraus? Für mich Folgendes: Den Charakter eines Stils aufzustellen, kann nur Aufgabe für einen Einzelnen sein, aber nicht für eine kleine oder größere Commission. Demnach kann ich Sie nur bitten (und ich bitte Sie recht herzlich darum), gehen Sie nach Ihrer Ansicht und Einsicht an die Arbeit, von mir haben Sie keine Anweisung zu erwarten. Ich kann nur sagen, dass mir die Melodien, welche ich in der Synagoge gehört und an unserem Familientisch gesungen habe, wunderbar tief im Herzen sitzen und alle Zeit meines Lebens meine Stimmung beherrscht haben. Darum können mir auch die Thorheiten gewisser Chasonim, die mir vielfältig erzählt wurden, durchaus nicht anhaben. Wenn aber, wie mir ebenfalls gesagt worden ist, ein Stil des jüdischen Gesanges gar nicht existiren sollte, wenn das, was als solcher Stil gelten könnte, nichts anderes wäre, als der Stil des slavischen Gesanges: so möchte ich wohl wissen, ob die Slaven so schöne Gesäuge in diesem Stil hervorgebracht haben. Dass die Juden unter dem Einflüsse des Volksgesanges und der Componisten ihres Aufenthaltslandes gestanden haben, ist ja selbstverständlich, und wir kennen ja die Geschichte des jüdischen Gesanges besser, als ich früher gewusst hatte. Genehmigen Sie noch die Versicherung, dass mir dieser Gedankenaustausch mit Ihnen viel Freude gemacht hat, und seien Sie versichert, dass ich Ihnen gerne zu Diensten stehen werde, wenn Sie glauben, dass ich Ihnen nützlich sein könnte. In Hochachtung und Ergebenheit S t e i n l h a l. Was sagen Sie denn zu Ackermann in W. W's jüdische Literaturgeschichte III, 477—529? Jrnold Markloh». Am 1. April d. I. scheidet der älteste Cantor der Berliner jüdischen Gemeinde, Herr Arnold M a r k s 0 h n, aus seinem Amte, welches er 29 Jahre bekleidete. Mit Marksohn ist ein Stück Geschichte des Berliner Cantorats verknüpft. Als vor mehreren Jahrzehnten der selige Lewandowski seine schöpferische Kraft in den Dienst der Synagoge stellte und für den damals noch spärlich bearbeiteten Theil des musikalischen Gottesdienstes Compositiouen schuf, war der selige Cantor Li ch teilst e i n seine Stütze in den cnntoralen Gesängen. Sein Chasonuth regte Lewandowski zum Componiren cantoraler Recitative an, da-