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Die Wahrheit · 1899-03-22 · Heft 11 (22.3.1899) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 11 (22.3.1899)
Date
1899-03-22
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12. Die Wahrheit. Nr. 11. von Buchhändlern versendet werden, wollen dem Geschäfte dienen, und da ist natürlich jedes Buch vortrefflich, und sollte in keiner Bibliothek fehlen. Die Interessenten werden dadurch oft genug getäuscht. Aber Lippe's Bibliographisches Lexikon will auch der Wissenschaft dienen, es sollte daher ein treuer Wegweiser sein für die Freunde der jüdischen Literatur, welches Werk es verdient, gelesen zu werden, und welches vielleicht die Zeit nicht werth ist, welche man zu feiner Lectüre verwendet. Was soll man aber dazu sagen, wenn neben den vortrefflichsten Werken solche aufgeführtwerden, welche längst als ganz werth° los oder gar als Falsificate gebrandmarkt wurden? Das gilt namentlich vom famosen Lazarus Goldschmidt, den Lippe den Doctortitel taxfrei verliehen hat. Seine Bora itha hat seinerzeit Abraham Epstein in Wien als plumpe Mystification und Fälschung gebrandmarkt. Ebenso kann vor seiner Uebersetzung des babylonischen Talmud nicht genug gewarnt werden. Es ist ein Machwerk der allerschlimmsten Art. Was er darin an Unwissenheit und Unsinn geleistet hat, ist ihm haarklein in einer theologischen Zeitschrift uachgewiesen worden. Wie nahe liegt aber die Gefahr, dass ein harmloser Leser des Lippe'schen Lexikons sich dieses Monstrum von einer Talmud- Uebersetzung für schweres Geld anschafft und glaubt talmudische Weisheit vor sich zu haben, während er oft den blühendsten Blödsinn finden wird? Um nur ein Beispiel aus den unzähligen Ungereimtheiten herauszugreifen, ist der Talmud im Goldschmidt'schen Gewände ernstlich der Meinung, dass 6 — 14 ist (Sukkah Seite 24, Zeile 12 und 13)'. Es wäre zu erwägen, ob cs nicht im Interesse der jüdischen Ehre und Wissenschaft jeder ehrliche Fachmaun sich zur heiligen Pflicht machen sollte, solche und ähnliche Werke schonungslos an den Pranger zu stellen und nicht durch Stillschweigen odergar Anpreisung derselben die jüdische Wissenschaft zu discreditircn. Das wäre gewiss ein verdienstlicheres Werk, als etwa die Aufstöberung irgend einer verschollenen Handschrift oder ähnliche bahnbrechende Leistungen! Bei der bekannten Wahrheitsliebe Ch. D. Lippe's und bei seiner aufrichtigen Begeisterung für die jüdische Wissenschaft hoffe ich aus seine Zustünmung in allererster Linie. Er hat in der Einleitung dieser Begeisterung Worte verliehe:!, welche es verdienen, in jeder Gemeindestube mit großen Lettern affichirt zu werden. Er constatirt nämlich den Niedergang in der literarischwissenschaftlichen Bethätigung unserer jüngern Theologen, und wenn man die treffende Begründung dieser bedauerlichen Erscheinung liest (S. 1l -13), so sieht man, dass eS den: Verfasser bitterer Ernst ist mit der jüdischen Wissenschaft. Mögen seine Worte die gebührende Beachtung finden. So würde das Denkmal, welches er mit diesem Buche dem „hochsinnigen Wohlthäter", dem edlen Heinrich Bensies, gesetzt hat, nicht nur schön und verdienstvoll, sondern auch von segensreicher Wirkung sein. Waidhosen b. Thaya. Rabbiner Br. S. Kahan. Jüdische Charaktere bei Grillparzer, Hebbel und Otto Ludwig. Von S. Lublinski, Berlin 1899. Verlag von Friedrich Cronbach. Preis 2 Mark. In diesen 120 Seiten umfassenden literarischen Studien bespricht Lublinski Hebbel's Judith, Genoveva, Herodes und Marianne, Otto Ludwig's Maccabäer und Grillparzer's Esther und Rahel von Toledo unter besonderer Berücksichtigung der jüdischen Charaktere.Geist-und temperamentvoll muß man diese Aufsätze nennen, we:m es uns auch, namentlich bei der Bearbeitung der Hkbbel'schen Stücke scheinen will, dass der Verfasser, ein eifriger Leser Nietzsches, Jftdj zu sehr in den Gedankenkreis Nietzsche's eingespouuen hat und daher des Oesteren jüdische Charakterzüge da findet, wo wir sie nicht finden können. Wenn beispielsrveise auch die Maccabäerin Marianne eine „respektable Masse von Königsstolz und Größenwahn" besitzt, so folgt daraus durchaus nicht, dass dies eine Eigenschaft des jüdischen Nationalcharakters ist: das Gegentheil anzmlehmen, sieht sich ja Lubliuski bei der Besprechung von £. Ludwig's Maccabäern gezwungen, wo Juda mit den: Volke sehr unzufrieden ist, weil es nicht ge:mg Nationalgefühl besitzt und die Beobachtung des Gesetzes höher stellt als die politische Machtentfaltung. Dichter schaffen ihre Gestalten so, wie sie dieselben gerade brauchen; daher dürfen Charakterzüge, welche Dichter einzelnen Gestalten beilegen, nicht immer als Charakterzüge eines ganzen Volkes hingestellt werden. Immerhin aber muss anerkannt werden, dass diese literarischen Studien einen wesentlichen Beitrag zum Berständniße der von Lublinski besprochenen Stücke liefern und auch die Eigenart des Dichters, wie es nanieutlich bei Hebbel der Fall ist, treffend zeichnen Dr. Biach, Brüx. Versöhnung. Bon Bernhard Loewenthal. (7. Fortsetzung.) Nr Einen geheimen, regen Briefwechsel führt Josua seit einiger Zei mit feiner Schwester Jenny, und so weiß er wenigstens, wie e zu Hause geht. Jüngst theilte ihm Jenny mit, dass der Vater noc immer grollt, die Mutier aber habe ihm längst verziehen. Dani schreibt sie weiter: „Wie es mich auch quält, dass Du, theurer Bruder, ltod immer nicht zufrieden bist, das kannst Du mir wohl glaube» ' Der Mutter bereitet es vielen Schmerz, dass Du über Dem Jüdischkeit nichts schreibst. Lea quält sich ebenfalls bei de» Gedanken, dass Du ein Abtrünniger geworden bist. Der Vate ist ganz grau geworden, so hat er gealtert, Du hast sehr vie gut zu machen. Schreibe bald, auf Wiedersehen! Ich küsse Diii herzlich. Deine Schwester. Lea lässt Dich grüßen, wir denken oft, sehr oft an Dich Josua starrte auf das Papier. Also man glaubte noct immer nicht, dass er Jude geblieben, man hielt ihn noch immc für einen Abtrünnigen. Sollte er denn dem Vater nicht begreifliü machen können, dass man Jude sein kann, wenn man auch oei Bühne angehört! Er dachte nach. Eigentlich mit welchen Gründe, sollte er denn dem Vater kommen, hatte der alte Mann nich recht? Wie oft hatte Josua kämpfen müssen, um den Verlockung zu widerstehen, die in ganz harmlosem Gewände allzuoft an ih, schon herangetreten waren. Hub dann fühlte er sich ja auch nich glücklich. Sein Herz und seine Seele schienen zerrissen, seit ei der Bühne angehörte, seine schönsten Empfindungen schienen tobt Vorigen Schabbes war er in der alten Schul' gewesen. Ganz hinten, in die letzte Bank, hatte er sich hingestellt uni lauschte den Gebeten des Chasans. Er selbst konnte kein Wo,! über die Lippen bringen, so unendlich weh war es ihm im Herzerr. Als man jedoch die Thora aus dem Allerheiligste» nahm, als der Cantor das Sefer emporhob und die Gemeindi das „Schema Jisroel" betete, da öffneten sich seine Lippen, sein, Brust schien freier mrd seine Seele schien ruhiger zu werden. „Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist einig und einzig!' Leise flüsternd kam es aus seinem Herzen. Damals, als er befriedigt und beruhigt die Synagoge verließ, kamen ihm absonderliche Gedanken. Im Geiste sah er sich als Knabe, wie er zu seiner Geige sang, und ganz deutlich hörte er die Mutte, sagen: „Spass, möcht' das ein Chasan werden." Ja, es gal> für ihn noch etwas Höheres, Edleres zu erfüllen, als nur in, Tempel der Kunst zu singen: im Tempel seines Gottes, seines Glaubens wollte er jauchzen, dort klagen und weinen, ja, das war sein Ziel. Und heute, als er den Brief las, den Jenn» ihm ohne Wissen des Vaters geschrieben hatte, wurde es ihm zur Gewissheit, dass der Plan, den er gefasst, zum festen Ent schluffe in ihm werden musste, wollte er ruhiger und glückliche, werden. Während er sich diesen Gedanken hingab, klopfte es an berj Thür seines Zimmers. „Herein!" rief er. Es war seine Wirthin, welche ihm ein Briefchen einhändigte. Er kannte das rosa Papier und auch die Schriftzüge. Als er das Couvert erbrochen hatte, las er: „Kommen Sie bestimmt zur Tasse Thee. Ihre Gräfin R." Gegen 7 Uhr Abends fuhr Josua nach der Thiergartenstraße. Am Brandenburger Thor ließ er den Kutscher halten. In großen Flocken fiel der Schnee leise hernieder, und Josua dachte unwiilkürlich an den Abend seines Debüts im Opernhause. Auch damals, als er die glühende Stirn an die Scheiben drückte, tanzten die Flocken so vor seinen Augen. Die Bäume des Thiergartens hatten ihre Häupter weiß geschmückt und die Erde lag da, wie mit einem Leichentuch bedeckt. (Fortsetzung folgt.) Bri Ge> Pr vol! we, .v>e 1H0 ew so ge, vo nä Ak bit f)£

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