Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 11 (22.3.1899)
- Date
- 1899-03-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Die Wahrheit. Seite 9. Auch der spätere Nabbinismus kennt diesen Begriff, spricht aber — natürlich — nur höchst allgemein davon. Rabbi Jacob vergleicht diese Welt mit der Vorhalle, in der wir uns würdig vorbereiten sollen für den Empfangssaal (Aboth IV, 21) (141). Welches Maß der Werthschätzung er jedoch anlegt, ersehen wir ans seinem andern Ausspruch: Besser ist eine einzige Stunde der Seligkeit in der zukünftigen Welt, als alles Leben in dieser Welt; noch besser aber ist eine einzige Stunde der Rückkehr und guter That, als alle Seligkeit des zukünftigen Lebens. (Aboth IV, 21.) Die Sittlichkeit ist also der schönste Lohn ihrer selbst (143). _ (Fortsetzung folgt). Wochenschau. Politische Liebeswerbungen. Sowohl Deutsche als Czechen wissen den Werth der Juden zu schützen, aber freilich zumeist nur dann, wenn sie dieselben für ihre politischen Zwecke brauchet!. Das zeigte sich auch bei der am 16. d. M. stattgehabten Landtagswahl für den mährischen Städtebezirk Weißkirchen-Leipnik-Bodenstadt. Um das durch den Tod Br. Promber's erledigte Mandat bewarben sich der deutschfortschrittliche Br. Plachky und der czechische Bezirksarzt Dr. Kurf ü r st, und da, wie in vielen Städten Mährens, die jüdischen Wühler den Ausschlag geben, ließen Deutsche und Czechen die Lockpfeife ertönen. Für die Deutschen gestaltete sich der Wahlkampf dadurch günstiger, dass von Seite der czechischen Partei als Wahlmacher derselbe Br. Siransky ausgesendet wurde, der wenige Tage vorher im mährischen Landtage gegen das Anleihengesuch der Olmützer Cultusgemeinde gesprochen hatte. Dass es ihm nicht gelang, im Kreise seiner ehemaligen Glaubensgenossen für Br. Kurfürst Stimmung zu machen, ist wohl leicht begreiflich, und als der letztere dies einsah, versuchte er durch Drohungen die jüdischen Wähler gefügiger zu machen. Wählen die Juden, so ließ er in Leipnik erklären, mit den Czechen, dann werden in den czechischen Blättern sofort alle Angriffe auf sie eingestellt werden, stimmen sie aber für beit Candidaten der deutschen Fortschrittspartei, dann wird der Kampf gegen sie noch rücksichtsloser als bisher geführt werden. Mit den Stimmen der jüdischen Wähler drang schließlich der deutschfortschrittliche Candidat durch, aber wahrscheinlich werden sowohl er als seine Partei sehr bald vergessen haben, wem es zu verdanken ist, wenn das Mandat den Deutschen erhalten blieb. Aus dem preußischen Abgeordnetenhause. Die vielbesprochene Frage der Verwendung jüdischer Lehrkräfte an den Berliner Gemeindeschulen führte am 10. d. M. im Abgeordnetenhause zu einer großen Debatte, und seit langen Jahren ereignete sich da wieder, dass ein Jude für seine Glaubensgenossen in entschiedener Weise das Wort ergriffen hat. Der Abgeordnete Br. Hirsch (Berlin) schloss seine sachlichen Ausführungen mit folgenden Worten: „Das, was uns bei dieser Angelegenheit besonders erregt, ist ja nicht sowohl das Schicksal der 60 oder 70 Personen, welche augenblicklich als jüdische Lehrerinnen an den Communalschulen wirken, sondern das Erregende und Verletzende liegt darin, dass man sieht, dass hier gewissermaßen, weil Jemand dem jüdischen Bekenntniße angehort, von ihm eine schädigende und ansteckende Wirkung auf die Schulkinder anderer Confessionen angenommen wird. Meine Herren, es ist bei anderer Gelegenheit von einem jüdischen Geist die Rede gewesen. Demgegenüber behaupte ich: einen jüdischen Geist in dem angedeuteten Sinne kann ich nicht anerkennen in unserem Vatcrlande. Hier sind auch die jüdischen Staatsbürger aus deutschen Schulen hervorgegangen, das Deutsche ist ihre Muttersprache, der deutschen Litteratur, Kunst und Wissenschaft widmen auch sie sich in großer Zahl und mit hervorragendem Erfolg. Sie sind nicht von jüdischem, sondern von deutschem Geiste beseelt, vielleicht in einiger Modisicirung, wie ja auch bei den übrigen Confessionen solche Modificationen bestehen. Aber nun deswegcrl, weil eine im klebrigen verdienstvolle, bewährte Person jüdischer Abstammung und jüdischen Bekenntnißes ist, mit Argusaugen darüber zu wachen und die einschneidendsten Vorschriften darüber zu erlassen, dass nur ja so und so viel jüdische Kinder in der Classe vorhanden sein müssen, um einigermaßen ihre Lehrthätigkeit zu rechtfertigen — das ist nicht der Standpunkt der Humanität, auf welchem die deutsche Station seit langer Zeit steht; das sind, wie der verdiente Privatdocent Dr. Preuß bei der Besprechung des Gegenstandes in der Stadtverordneten-Versammlung mit Recht geäußert hat, nicht die Wege Lessings, das sind die Wege des Hauptpastors Götze! Der Friede, welcher, wie der vorletzte Herr Redner mit so schönen Worten betonte, zwischen den beiden christlichen Coufessionen, der katholischen und der evangelischen, in unserem Vaterlande herbeizuführeu ist, dieser Friede sollte auch aus die Bekenner des Judentums ausgedehnt werden." Ludwig Banlüerger. Im Alter von 76 Jahren ist am 14. März tlach kurzer Krankheit der berühmte Parlamentarier Br. Ludwig Bamberger gestorben. Mit ihm ist einer jener Männer dahingeschieden, die an der Neugestaltung des deutschen Reiches wesentlichen Antheil genommen haben und durch ihr Streben und Wirken ein glänzendes Zeugnis dafür lieferten, dass die Geschichte Deutschlands manches Ruhmesblatt des deutschen Judenthums aufweist. Bamberger, am 22. Juli 1823 in Mainz geboren, studirte in Gießen, Göttingen und Heidelberg die Rechte, arbeitete zwei Iahe bei den Gerichten seiner Vaterstadt, übernahm dann die Redaction der „Mainzer Zeitung" und schloss sich im Jahre 1849 der revolutionären Bewegung der pfälzischen Freischärler an. In Folge dessen wurde er zum Tode verurtheilt, es gelang ihm aber in's Ausland zu flüchten, und er lebte in kaufmännischen Stellungen in Paris, Belgien und England, wo er sich den weiten staatsmüunischen Blick aneignete. Im Jahre 1860 machte seine glänzende Schrift „Deutschthum und Judenthum" berechtigtes Aufsehen. Im Jahre 1866 konnte er in Folge der Amnestie nach Deutschland zurückkehren und gehörte nebst Laster zu den Führern der nationalliberalen Partei. Als Parlamentarier und Zollpolitiker, wie auch als geistvoller Schriftsteller genoss er hohes Ansehen und im deutschen Reichstag galt er als größte Autorität auf nationalökonomischem Gebiete. Am Abende seines Lebens zog sich B a mb e r g e r, erbittert über die immer gehässiger werdende antisemitische j Strömung, vom politischen Leben zurück und begnügte sich, seine Grundsätze auf publiciftischem Gebiete zu vertreten. Ein ewiges, ehrendes Denkmal bleibt ihm in seinen Werken gesichert. Professor Steinthal. Zu gleicher Zeit mit Bamberger betrauert das deutsche Judenthum den Tod eines seiner größten Söhne, des Professor Br. Heymann Steinthal in Berlin, einer der glänzendsten Vertreter der Philosophie und Sprachforschung, der in der Nacht vom 13. auf den 14. d. M. im 76. Lebensjahre gestorben ist. Er hat llnvergäugliches auf dem Gebiete der Sprachwissenschaft geleistet, der er nicht nur durch seine exacte, gründliche, philosophische Bearbeitung der verschiedensten Sprachen, sondern zugleich durch seine ungemein scharfsinnigen Forschungen nach dem Ursprung nnd den psychologischen Grundlagen der Sprache als solcher neue Bahnen erschlossen hat. Einen großen Theil seiner hervorragenden Geistesarbeit widmete er auch dem Judenthume, das er liebte und kannte wie selten Einer. Mit seltener Pietät hieng S t e i n t h a l an jüdischer Sitte und Tradition und dieser Pietät entsprang auch die von ihm erst vor einigen Jahren gegebene Anregung zur Sammlung der jüdisch-traditionellen Melodien. Seit 1850 docirte Steinthal an der Berliner Universität allgemeine Sprachwissenschaft und Mythologie, lehrte seit 1872 an der Hochschule für jüdische Wissenschaft in Berlin Ethik und Religionsphilosophie und gab gemeinschaftlich mit Professor Laza rus die Zeitschrift für Völker-