Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 11 (22.3.1899)
- Date
- 1899-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 11. Seite 7. Die Wahrheit. Israels zur Deckung der Kosten beitragen, und diese übermittelten der Stadt denn auch thatsächlich als Beitrag zu den Ausrüstungskosten der ihnen verschlossenen Nationalgarde 402 fl., indem sie sich bereit erklärten, dem ersten Rufe zu den Waffen wann immer Folge zu leisten. Am 2. Juni waren die Vessprimer Juden bereits thatsächlich in die Conscriptionsliste ausgenommen. Auch die Stadt Papa verweigerte den Juden noch im Monate Mai den Beitritt zur Nationalgarde. Als aber Ende Juni ein Theil der Garde zur Niederwerfung feindlicher Nationalitäten an die Drau gesendet werden sollte, wurden die Semiten nicht blos eingereiht, sondern die edlen Stadtväter beschlossen, in erster Reihe sie in's Treffen zu schicken, damit die Juden, welche „die Wohlthaten des geliebten Vaterlandes am meisten genießen (l), nicht, abgesondert von den mit Sorgen um die Rettung des Vaterlandes überbürdeten Christen, verschont bleiben". Unter den aus diesem Anlässe mobilisirten 89 Juden befand sich auch der Päpaer Rabbiner Leopold L ö w, welcher seine Glaubensgenossen im Sellyeer Lager durch patriotische Reden zum Kampfe ermunterte. Ebenso wie in Püpa wurden die sich zum Dienste meldenden Juden auch in Steinamanger und Raab erst zurückgewiesen, später aber doch eingereiht. In Stuhlweißenburg erklärte sich die Mehrheit der Compagnien der städtischen Garde für die Zulassung der Juden, trotzdem verweigerte der Magistrat dieselbe, bis der Commandant Hamvasy die Entscheidung traf, dass die 59 Juden, welche sich gemeldet hatten, jenen Compagnien zugetheilt werden sollen, welche für ihre Aufnahme gestimmt hatten. In anderen Gemeinden machte die Behörde weniger Schwierigkeiten. In Lovasbereny assentirte man unter 62 Juden auch 6 „israelitische Musiker". In Moor befindet sich unter den 43 jüdischen Nationalgardisten auch der Großhändler- Josef Rosenseld, der sich trotz seiner 61 Jahre freiwillig zum Dienste gemeldet hat. In Arad leisteten 86 Juden, unter welchen sich auch drei Berittene befanden, den Eid in einer Reihe mit IO Minoritenmönchen. In Großwardein, woselbst drei Staditheile die Juden als Nationalgardisten acceptirten, während die im vierten Stadttheil ansässigen Israeliten ausgeschlossen wurden, fiel die Wahl des Bataillons-Chefarztes aus den jüdischen Doctor Albert Groß. Die Sätoralja-Ujhelyer 100 israelitischen Nationalgardisten ziehen unter Absingung eines vom Wachtmeister Albert Friedlieber verfassten Liedes in den Kampf. In der Arvaer Gemeinde Bezda steht der Jude Wilhelm L o s ch itz als Hauptmann an der Spitze der Nationalgarde und auch in Szegedin wählt eine aus Freiwilligen bestehende Truppe in der Person des Kaufmannes A. Kohn einen Juden im Alter von mehr als 50 Lebensjahren zum Hauptmann, dessen Gattin bei Einweihung des Kriegsbanners als Fahnenmutter fungirt. Wo die ständige Nationalgarde den Juden noch die Aufnahme verweigerte, meldeten sie sich massenhaft zu den aus Freiwilligen gebildeten Bataillonen. Beinahe ein Dritttheil des Pester Bataillons bestand aus Israeliten. Unter ihnen befand sich auch Wilhelm U t a s i (Straffer), welcher nebst seinem Leben auch sein 10.000 fl. betragendes Vermögen für's Vaterland angeboten hat. Viele Juden gab es auch im Vessprimer, im Szegediner, im Raaber undim Kaschauer Bataillon. Die kleine Gemeinde Duna- Pentele stellte elf Nationalgardisten, welche in der Rubrik „bürgerliche Stellung" als „Hebräer" bezeichnet wurden. In Bonyhäd stellen einige reiche Schwaben statt ihrer jüdische Jünglinge als Freiwillige. Ebenso wenig ließen die Juden auf sich warten, als der Reichstag Kossuth 200.000 Recruten zur Rettung des Vaterlandes votirte und alle Bewohner, die das 19. Lebensjahr überschritten haben, ohne Unterschied der Religion unter die Fahnen gerufen wurden. In Ofen fanden sich die jüdischen Jünglinge pünktlich, r zur Losziehung ein als die christlichen, so dass Kossuth's „Hirlap" am 16. December 1848 schrieb: Die Ofner christlichen Bürger sollten sich vor den Ofner Juden schämen." In Szabadka erwirkt der Schüler der sechsten Gymnasialclasse Markus Freudenb erg die besondere Erlaubnis des Kriegsministers M o ß a ros zum Eintritt in die Honvbdschaft, da man ihn sonst nicht assentiren wollte; in Szegedin wird der sechzehnjährige Moriz P o l l a k eingereiht, der bald zum Officier avancirte; in Pest aber lässt sich der vierzehnjährige Gymnasialschüler Anton E. Horn (Einhorn) zu den Honvods einreihen .und kämpft bald darauf tapfer mit in den Treffen bei Szöregh und Temesvür. Der wackere Isaak Springer in Sz.-Udvarhely hat seine sieben Söhne unter den Soldaten und jeder von ihnen stellte seinen Mann. Ueber die Tapferkeit der jüdischen Soldaten, deren Zahl die Einen auf 10.000, die Anderen auf 20.000 veranschlagen, gab es während des Freiheitskampfes überhaupt nur eine Stimme des Lobes. So schreibt General K lap ka über sie: „Sie kämpften vom Beginn bis zu dem unglücklichen Ende des Krieges tapfer und mit Auszeichnung. Viele von ihnen haben ihr Leben auf den verschiedenen Schlachtfeldern gelassen; ein großer Theil wurde zu Officieren befördert, von welchen Viele für ihren auf dem Kampfplatz bewiesenen Muth mit dem Militür-Verdienstzeichen decorirt wurden." Und in gleich ehrender Weise äußerte sich auch Görgey über die jüdischen Honveds, indem er sagte: „Sie haben an Disciplinirtheit, persönlichem Muth und zäher Ausdauer — also in Bezug auf alle militärischen Tugenden — wacker gewetteifert mir ihren übrigen Kameraden." Nicht vergebens hat denn auch die Nationalversammlung vor ihrer Auflösung in Szegedin nach einer schwungvollen Rede des Minister-Präsidenten Szemere, welche dem Patriotismus der Juden das glänzendste Zeugnis ausstellte, die Gleichberechtigung der Israeliten decretirt. Es war dies nur die verdiente Anerkennung dafür, dass die Söhne Israels mit wahrer Todesverachtung für das Vaterland ihr Blut vergossen, aber auch reichliche Geldopfer gebracht haben, als man solcher bedurfte. Außer den auf Hunderltausende von Gulden sich belaufenden Spenden und unverzinslichen Anlehen legten die Israeliten alle möglichen Werthsachen am Altäre des Vaterlandes nieder. Die Pester „israelitische Gesellschaft" und die Chewra Kadischa entkleideten ihre Thornrollen des Juwelenschmuckes und widmeten über 2000 Loth Silber den öffentlichen Zwecken. Außerdem wurden Pferde, Getreide, Wäsche, Kleider und alle möglichen Gegenstände gespendet. I 6 k a i, der zu dem Werke Dr. Bernstein's ein schönes Vorwort geschrieben und den Werth des Buches durch schätzbare Randbemerkungen erhöht hat, weiß von einem Israeliten zu erzählen, der 2000 Gewehre in Steiermark angekauft und sie dann unter die Nationalgardiften vertheilt hat. Ueberdies leisteten die Juden der ungarischen Sache auch als verläßliche Armeelieferanten große Dienste, als deren Gradmesser jene schweren Strafen angesehen werden können, welche Windischg r ä tz, H a y n a u und andere Feldherren der Oesterreicher über sie verhängten. Wie viele Juden büßten die Unterstützung, welche sie der ungarischen Armee angedeihen ließen, mit dem Tode oder mit langjähriger Kerkerstrafe, und welch' ungeheuren Tribut hatten die jüdischen Gemeinden überdies für jene ihrer Mitglieder zu zahlen, welche von den Oesterreichern des Hochverrathes schuldig befunden, oder auch nur verdächtigt wurden! Die Contribution, welche Haynau auch die israelitischen Gemeinden in Pest, Altofen, Kecskemet, Czegl^d, Nagy-Körös und Jrsa allein auswarf, belief sich auf 2,300.000 fl Wie dann zur Bezahlung dieses Betrages statt der genannten sechs Gemeinden die Juden ganz Ungarns verhalten wurden und wie dann Se. Majestät den Israeliten diese Contribution am 20. September 1850 erlassen und sie statt dessen verhalten hat, eine Million Gulden für einen jüdischen Schul- und Studienfond zu entrichten, erzähle Dr. Bernstein in recht interessanter Weise, aber es würde uns hier zu weit führen, wollten wir auf diese Details, wie auf die gleichfalls hochinteressanten Reformbestrebungen der Juden nach dem Freiheitskampfe näher eingehen. Wir wollten ja nur, gestützt auf die vom Verfasser erforschten zahlreichen Daten, betonen, dass die von den Feinden der Juden erfundene Behauptung, als Hütten die Söhne Israels sich an dem ungarischen Freiheitskampfe nicht betheiligt, in das Reich der Fabeln gehört. Die ungarischen Juden haben in diesen schweren Tagen der Prüfung nicht nur mit der ungarischen Nation gefühlt, sondern