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Die Wahrheit · 1899-03-22 · Heft 11 (22.3.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 11 (22.3.1899)
Date
1899-03-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 11. Unterrichtes. Der Gemeindebund hat in dieser Angelegenheit eine Deputation an den Minister-Präsidenten entsendet, welche eine günstige Erledigung erzielte. Ferner wurde ein Gesuch des czechisch-jüdischen Vereines um Drucklegung jüdischer Religionsbücher in böhmischer Sprache genehmigt. Herr vr. Josef Podwenic-Kolin nahm sich im Laufe der Verhandlungen sehr warm der Cultusbeamten an, die doch sehr bemitleidenswerth sind. Wir leben heute in einer Zeit, wo selbst die Fabriken ihre Arbeiter versorgen, warum sollen wir nicht das Gliche gegenüber unseren Angestellten thun? Diese Ausführungen wurden von Herrn vr. Rosenbacher und Herrn Dr. Duschenes unterstützt. Allgemeines Bedauern wurde darüber ausgesprochen, dass so viele Gemeinden dem Bunde fernestehen und insbesondere die Gemeinden Carlsbad und Aussig ihre Mitgliedschaft noch nicht angemeldet haben. Nach Vornahme verschiedener Wahlen wurde der Gemeindetag durch Herrn vr. R o s e n b a ch e r geschlossen, indem er mit warmen Worten allen Anwesenden für ihre be- . kündete Theilnahme dankte. Unsere hebräische Cnrreutschrifl. Es ist noch nicht allzulange her, dass man in jüdischen Kreisen im brieflichen Verkehr sich fast ausschließlich der jüdischen Currentschrift bediente. Es gab kein jüdisches Kind, das beim Verlaffen der Schule nicht im Stande gewesen wäre, einen jüdisch-deutschen Brief zu lesen und ordentlich, mitunter kalligraphisch, niederzuschreiben. In vielen Familien, in denen Tradition und historischer Sinn noch heimisch sind, werden solche jüdische Familienschriften noch aufbewahrt; ab und zu liest der Vater daraus vor, unsere intelligenten und in den classischen Sprachen bewanderten Sohne, nicht minder unsere hochgebildeten jungen Damen, die in der Literaturgeschichte aller Völker und in anderen Wissenschaften eine gründliche Ausbildung genossen haben, machen ein nicht wenig verdutztes Gesicht, wenn ihnen eine solche jüdische Familien-„Hieroglyphenschrift" in die Hand kommt, sie möchten, gerne, was früher jedem Schulkinde möglich war, den Inhalt derselben kennen lernen, aber es geht bei dem besten Willen nicht, und verdrießlich legt man das Schriftstück beiseite. Die Hauptursache wohl, dass die hebräische Currentschrift namentlich in der Großstadt nicht mehr in der öffentlichen Schule gelehrt wird und. dadurch ganz in Vergessenheit geräth, ist bei den zwei knapp bemessenen jüdischen Religionsstunden zunächst derMangel au Zeit, die für die Erlernung des Hebräischen, der jüdischen Geschichte und der eigentlichen Religionslehre nicht ausreicht, und doch sollte unserer Jugend wenigstens die Möglichkeit geboten werden, das leicht zu erlernende „Jüdischschreiben" in der Schule zu erlernen. Jedes Volk sucht heute, das ihm Eigenthümliche zu Pflegen und zu erhalten, und darum soll auch unser oben erwähnter Gegenstand gepflegt und nicht gänzlich vergessen werden. Entfalten wir einmal so einen alten, jüdisch-deutsch geschriebenen Brief und lesen wir, wie unsere Väter in herzinniger, gemüthvoller Weise mit einander schriftlich verkehrten; vor Allem beginnt der Brief mit einem Stenogramm, das „beesras häschern“, „mit Gottes Hilfe" bedeutet, und bald darauf wird in dem Schreiben dem Namen des freundschaftlich Angesprochenen ein neues stenographisches Siegel beigefügt: „ad meoli-sehonim“ „mögest Du hundert Jahre leben!" Zwei inhaltsvolle Zeichen, die Verwandte in rein deutscher Correspondenz auch heute noch mit Vorliebe gebrauchen. Dazu kommen noch manche andere Ausdrücke, die Anhänglichkeit, Treue und religiösen Sinn verrathen. Das sollten wir unserer wissbegierigen Jugend vorenthalten? Fürsorgliche jüdische Eltern versäumen es auch heute nicht, ihre Kinder jüdisch unterrichten und „jüdisch schreiben" zu lassen, und bedienen sich mit Vorliebe im schriftlichen Verkehr der jüdisch geschriebenen Correspondenzkarte. Aber nicht einzelne Kinder, vielmehr das Gros unserer Jugend soll und kann in den Volks-, Bürger- und Mittelschulen bei selbst minimaler Zeit mit unserer jüdischen Cursiv-Schrift vertraut gemacht werden. Dass diese in ihren Arabesken auch an und für sich schön und gefällig ist und als „Steilschrift" auch in sanitärer Beziehung auf die Geradhaltung des Körpers einen wohlthuenden Einfluss auszuüben vermag, wird auch dazu beitragen, dass sie auf's Neue sich einer besonderen Sorgfalt und Pflege erfreuen wird. Morik An s Die Ällden im 1848/49 er Freiheits- Kampf. (Schluss.) Darf man es da den armen, zu Tode gehetzten Menschen übel nehmen, dass manche von ihnen daran dachten, nach Amerika auszuwandern? Und doch nahm die Auswanderung keine größeren Dimensionen an. Gegenüber den Aufforderungen des Pester „Central-Auswanderungsvereines" und der „ Pressburger Auswanderer-Gesellschaft" erschien die Broschüre „Wir gehen nicht nach Amerika, wir werden hier bleiben", in welcher die Juden davor gewarnt werden, dem „theuern, geliebten Vaterlande in der Stunde der Gefahr den Rücken zu kehren". Einige Wochen darauf aber fordert die Direction der „Pressburger Auswanderer- Gesellschaft" selbst die Juden auf, nicht auszuwandern, sondern gegen die aufrührerischen Croaten und Slovaken zu Felde zu ziehen, und das Vereinslocal, das verlaffen war, als es zur Aufnahme von Auswanderern hätte dienen sollen, ist jetzt gefüllt von Juden, welche sich massenhaft melden, um Ungarn gegen seine inneren Feinde zu vertheidigen. Bereit wären die ungarischen Juden sofort gewesen, zu den Waffen zu greifen, als das Vaterland bedroht war, allein man hat ihnen dies anfangs entschieden verwehrt. In Pest bildete sich ein besonderes, von Michael T an csis befehligtes Bataillon jüdischer Jünglinge, allein in Folge Erregung der Gemüther dispensirte man die jungen Leute wieder provisorisch vom Dienste und nahm ihnen die Waffen weg, welche man ihnen erst wiedergab, als I e l l a c i c s in das Land einfiel. In Pressburg wurde das Anerbieten der Juden, an der Aufrechthaltung der öffentlichen Sicherheit theilnehmen zu wollen, wiederholt zurückgewiesen. Trotzdem erschienen sie am Jomkipur, mit Sensen und Hauen bewaffnet, auf dem Hauptplatze, als anlässlich des Ueberganges des Obersten K n ö h r zu den Oesterreichern am 8. October Allarm geblasen wurde. Die Vessprimer Juden richteten am 4. April ein patriotisches Gesuch um Aufnahme in die Nationalgarde an die competente Behörde, welcher gegenüber sie sich erbötig machten, nicht nur für ihre eigenen Waffen Sorge zu tragen, sondern auch zu den Ausrüstungskosten der übrigen Gardisten beisteuern zu wollen, indem sie gleichzeitig den falschen Gerüchten entgegentraten, als wollten sie an den jüdischen Feiertagen keinen Dienst leisten. Allein die Generalversammlung der Stadt lehnte die persönliche Mitwirkung der Israeliten entschieden ab, obgleich sie mehrere der Petenten für reif erklärte, in den Genuss der Bürgerrechte zu treten und die damit verbundenen Wichten zu erfüllen; dagegen war man so gnädig, zu gestatten, dass auch die Söhne

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