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Die Wahrheit · 1899-03-22 · Heft 11 (22.3.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 11 (22.3.1899)
Date
1899-03-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Nr. 11. Seite 5. Niemand. Hier haben zuerst Geologen, Ingenieure und Culturtechniker und dann Finanzmänner das Wort zu führen. Und Geld? Das findet sich überall, wo es sich sicher fühlt, und mäßig verzinst. Englisches Geld wandert in allen Theilen der Erde herum, baut hier Pferdebahnen, erzeugt dort städtisches Leuchtgas, concurrirt in der Form von Judustrieproducten mit dem einheimischen Capital, sucht überall nur nach einer sicheren Anlage und begnügt sich mit einem recht bescheidenen Zinsfüße. Es lässt sich ganz gut denken, dass eine jüdische Bank, die richtig geleitet wird und mit der nöthigen Vorsicht Capitalien investirt, sich behaupten kann. Von orthodoxer Seite wurde die Befürchtung geäußert, die jetzigen Leiter der Bewegung wären in religiöser Beziehung nicht vertrauenswürdig genug, es sei kaum anzunehmen, dass dieselben sich streng nach den Satzungen des Schulchan Aruch halten, und die Einwanderer konnten durch dieselben irre geleitet werden. Diese Furcht ist sicher ganz grundlos. Die für die Einwanderung in Aussicht genommenen Volksschichten sind religiös derart gefestigt, dass jeder Versuch, dieselben auch nur im Geringsten von den religiösen Observanzen abzubringen, den Versuchern sehr übel bekommen würde. Gelingt es also den Zionisten, alle die angeführten Voraussetzungen zu erfüllen, so ist die Cnltivirung Palästinas durch jüdische Einwanderer kein Ding der Unmöglichkeit. „Erwerbung des Landes auf friedlichem Wege, Errichtung eines Judenstaates!" Die Urheber des Zionismus glaubten, die steten finanziellen Calamitäten der Türkei werden den Sultan veranlassen, leichten Herzens Palästina zu verkaufen und die europäischen Mächte werden zu bewegen sein, den Judenstaat „Palästina" anzuerkennen. Es wurde übersehen, dass es einem Souverain unmöglich ist, ein Land zu verkaufen. Der Sultan, der von den Botschaftern der Großmächte manchen Eingriff in seine Souveränitätsrechte erduldet, würde es gewiss sehr demüthigend empfinden, ein Land, dessen Bevölkerung zum allergrößten Theile (-*/-) mohammedanisch ist, blos des Geldes willen preiszugeben, und um jeden Zweifel über seine Intentionen zu zerstreuen, hat er ein Einwanderungsverbot erlassen. Trotzdem ist die Erwerbung des Landes auf friedlichem Wege kein Ding der Unmöglichkeit. Die Souveränität des Sultans darf nicht in Frage gestellt, das Misstrauen gebannt, ja es müssten Garantien geboten werden, dass durch eine jüdische Einwanderung und Cnltivirung der Türkei nur Vortheile erwachsen würden. Dann wird das Einwanderungsverbot schon wieder aufgehoben werden- Das Land kann erworben werden, ohne die Souveränität! des Sultans zu verletzen. Herrscht der Kaiser von Oesterreich über Galizien? Wer regiert das Land aber in Wirklichkeit? Die Polen, welchen der polnische Staat stets ein Ideal bleiben wird. Sobald die Gesetzgebung und der Verwaltungsapparat in den Händen eines Volkes ist, so ist dieses thatsächlich Besitzer des Landes. Die „Errichtung eines Judenstaates" ist Zukunftsmusik, die allerdings den Ohren sehr vieler Glaubensgenossen äußerst melodisch geklungen, die aber sicherlich mehr Schaden als Nutzen angerichtet hat. Diese Frage wäre dann auszuwerfen, wenn bereits 800/o der Bewohner Juden, wenn mehrere Generationen, N ach kam men de r Ein gewanderten, im Lande geboren und erzogen worden wären, und wenn die Auflösung des türkischen Reiches Palüi st i n a als herrenloses Land dar stellen würde. Heute ist nichts als Colonisation und Autonomie anzuftreben. Erst muss der Pädagog seinen Einfluss auf die Eingewandertcu üben, dann kann der Staatsmann an seine Action schreiten. So dürfte das Urtheil der intelligenten jüdischen Millionen lauten. Der Zionismus ist also nicht zu bekämpfen, sondern zu fördern, soweit er praktische Ziele verfolgt. Wo aber Gefahren durch unreife Projekte entstehen können, wo phantastische Ideen realisirbare Probleme zu compromittiren droben, hat man sich ablehnend zu verhalten. Uebrigens kann man schon jetzt beobachten, dass die Leiter der Bewegung mit sich handeln lassen, dass sie bereits viel Wasser in ihren Wein gerhan und das Erreichbare nicht dem Nebulösen opfern wollen. Der böhmische Gemeindetug. Am 19. d. M., 11 Uhr Vormittags, fand in der Productenbörse in Prag eine Versammlung der Mitglieder des Gemeindebundes für das Königreich Böhmen statt. Der Vorsitzende l)r. A. Rosenbacher eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßungsansprache, in welcher er den Vertretern der verschiedenen Gemeinden für ihr Erscheinen dankte und sich die Erlaubnis erbat, vor Eingang in das Meritum der Sache den Abgang zweier verdienstvoller Mitglieder, der Herren H. S. Freund tlnd Robitschek, zu gedenken, deren Andenken durch Erheben von den Sitzen seitens aller Anwesenden geehrt wurde. I)r. Friedrich D u s ch e n e s verlas hierauf den Bericht der Thätigkeit des Gemeindebundes seit seiner Entstehung und wies auch auf jene Momente hin, welche dazu beitrugen, den Gemeindebund in's Leben zu rufen. Seit Erlassung des Gesetzes vonr März 1890 zur Regelung der Cultusgemeinde-Angelegenheiten hat sich das Bedürfnis fühlbar gemacht, einen Gemeindebund zu gründen, der in erster Linie die Aufgabe haben soll, jenen kleinen Gemeinden, welche sich selbst nicht helfen können, ein unterstützender Factor zu sein. Die in Deutschland geschaffene Vereinigung der Gemeinden gab vor zweieinhalb Jahren den Impuls, auch in Böhmen eine Vereinigung zu schaffen, denn was eine Gemeinde nicht erreichen kann, kann durch Solidarität erzielt werden. Insbesondere hob der Referent die Action des Gemeindebundes betreffs der Pensionirung der Cultusbeamten. respective i Versorgung der Witwen und Waisen hervor. Am 4. November! v. I. hielt der Verband unter Vorsitz des Herrn vr. L. Bend teuer eine diesbezügliche Berathung ab. Die Prager Cultusgemeinde verpflichtete sich, ein Drittel des Betrages zu leisten, und bis jetzt hat der Verband erst 19 Gemeinden zu | verzeichnen; trotzdem verfügt er über ein Capital von 8471 fl. Ferner besteht in dem Gemeindebund ein Rechtsschutz-Comite, das den Zweck hat, alle gegen Juden angewendeten Rechtswidrigkeiten zu bekämpfen. Hierauf wurde der Geschäftsbericht vom Vorsitzenden in böhmischer Sprache verlesen. Herr Schulhof -Horiü plaidirte für Anschluss sümmtlicher humanitären Vereine Prags, wie „Central-Verein", „Kreuzer-Verein" u. s. w. an den Gemeindebund, da er die Ueberzeugung habe, dass hierdurch eine weit ersprießlichere Thätigkeit entfaltet werden könnte. Herr Dr. Oscar Willner - Teplitz bekämpfte diesen Antrag mit der Motivirung, dass jeder Verein seine besondere Wirkungssphäre hat und die Zwecke eigenthümlich und verschieden sind; er j sei nicht für eine Centralisation.! Der Vorsitzende äußerte sich im letzteren Sinne.; Ein Gesuch der Gemeinde Bodenbach um Gewährung einer Unterstützung zu einem Tempelbau seitens des Gemeindebundes wird, nachdem der Ausschuss dasselbe vorher bewilligt hatte, genehmigt. Weiters gelangt zur Verlesung ein Gesuch des Landes- Lehrer-Vereines um Abhilfe von Mängeln betreffs des Religions-

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