Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 11 (22.3.1899)
- Date
- 1899-03-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit. Nr. 11. an der Berathung dieser Frage theilnehmen und sich ein selbstständiges Urtheil bilden wollte. Gleichzeitig mit der Erhöhung der Maximalgrrnze wltrde von einzelnen Rednern die Herabsetzung der Minimalgrenze von 10 st. auf 5 fl. befürwortet, ein Gedanke, der aus verschiedenen Gründen jedenfalls reifliche Erwägung verdient. Aber auch hier lagen keine statistischen Berechnungen vor, sondern man bewegte sich allgemein auf dem Gebiete der vagen Combiuationen, und wenn der Eine von der Herabsetzung der Minimalgrenze eine Stärkung der Einnahmequellen erwartete, so konnte der Andere mit ebensoviel Recht das Gegentheil behaupten, da Jeder den ziffermäßigen Beweis schuldig blieb. Das einzige Motiv, das auf die Beschlussfassung Einfluss nahm, war die Erwägung, dass behufs rechtzeitiger Festsetzung der Stenerquoten für das nächste Triennjum in kürzester Frist die Genehmigung der Regierung zu der geplanten Statutenänderung eingeholt werden müsse und darum die Angelegenheit die rascheste Erledigung erheische. Wie wenig aber dieses Motiv, das überhaupt bei wichtigen Fragen niemals maßgebend sein soll, mit der Unreife des Antrages in Einklang zu bringen ist, bewies der zweite Vicepräsident der Cuttusgemeinde selbst, der in seinen, die einzelnen Budgetposten beleuchtenden Ausführungen ausdrücklich betonte, dass schon vor Jahren, als die erste Steuerregulirung auf Grund der neuen Statuten vorgenommen wurde, die Eingänge aus den Steuern zu gering befunden wurden, um die nothwendigen Bedürfniße der Gemeinde zu befriedigen. Der Vorstand hätte somit viele Jahre Zeit gehabt, um eingehende Studien nach dieser Richtnng anzustellen, und er verfügt ja über den nöthigen Beamtenstatus, in welchem es hoffentlich auch Leute gibt, denen die sachgemäße Behandlung von Steuerfragen kein Novum ist. Wie uns übrigens bekannt, hat ja auch ein Beamter der Cuttusgemeinde eine Studienreise nach Deutschland unternommen, um die Steuereinrichtungen der großen deutschen Cultusgemeinden kennen zu lernen. Wenn diese Reise nichts mehr zeitigte als den Antrag der Finanzsection, dann war sie kaum die Zeit und die Kosten werth, die auf dieselbe verwendet wurden. Worte, nichts als Worte, das war der Eindruck der letzten Sitzung, in welcher, man gestatte uns den vielleicht vulgären aber gewiss treffenden Ausdruck, der Vorstand sich im Neglige zeigte, was eine so ernste Körperschaft im Interesse ihrer Reputation immer vermeiden sollte. Ist -er Zionismus ui fördern oder zu bekämpfen? Non L. Riefeufeld, Oberlehrer in Ung.-Brod. Der Zionismus ist eine mächtige Bewegung, welche viele Geister des Judenthumes aufgerüttelt hat und jedenfalls verdient, nach allen Richtungen gründlich erwogeit zu werden. Was verspricht der Zionismus? Cultivirung Palästinas im großen Stile durch jüdische Einwanderer, Erwerbung des Landes auf friedlichem Wege, Errichtung eines Judenstaates! vr. Max Nord au sagte am 25. Jänner l. I.: „Unsere Berechtigung im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen, schöpfen wir ans dem eine Zustimmung in sich schließenden Schweigen der jüdischen Millionen, die man vergebens mit allen Mitteln gegen uns anfznhetzen sucht". Wenn die jüdischen Millionen angerufen werden, so ist Jeder, der sich zu diesen Millionen zahlt, berechtigt, das Wort zu ergreifen, und ein objectives jüdisches Blatt ist gewiss gerne bereit, seine Spalten den verschiedenen Ansichten in dieser Frage zur Verfügung zu stellen. Ist dieses Schweigen der jüdischen Millionen wirklich eine Zustimmung zu dem Programme der Zionisten? Ja und nein. Die große Masse nimmt sicherlich eine zuwartende Stellung ein, analysirt die Theile des Programmes, verschließt sich nicht der Möglichkeit der Durchführbarkeit einzelner Punkte unter gewissen Voraussetzungen, verkennt nicht die vorhandenen Schwierigkeiten, schränkt aber das als — wenigstens für eine lange Zeit — unrealisirbar Erscheinende auf's richtige Maß ein und lässt den nüchternen Verstand nicht durch Gefühle trüben. Von ängstlicher Seite wurde die Befürchtung ausgesprochen, die Judenfeinde könnten aus dem Bestreben, Palästina durch jüdische Einwanderer im großen Stile cultiviren zu lassen, gegen uns den Vorwurf erheben, wir seien nicht patriotisch, wir erblicken in Palästina unsere Heimat, wir betrachten uns selbst als Fremde in den europäischen Staaten n. dgl. Auf das, was Judenfeinde gegen uns sagen oder sagen könnten, dürfen wir nicht zuviel Gewicht legen, denen werden wir es nie recht machen können. Wir haben unsere Entschlüsse sorgfältig zu prüfen und dann zu handeln. Liegt vielleicht in dem Bestreben, Palästina zu cultiviren, eine nnpatriotische Aeußernng? Das Land, das unsere Vorfahren mit Strömen Blutes benetzt, das die glorreichen Thaten des jüdischen Volkes gesehen, sollte für ein hochintelligentes Volk, wie das jüdische es sicher ist, nicht Gegenstand größter Pietät fein? Patriotische Oesterreicher haben versucht, das halbrninenhafte Schloss Habsburg dem Schweizer Argau abzukaufen und dem Kaiser zum Geschenke zu machen. Warum? Ans Pietät; das Stammschloss der Grafen von Habsburg! Ist nicht für das jüdische Volk das Land Palästina so erinnerungsreich als die Habsburg für die kaiserliche Familie? Jüdische Einwanderer! Ist es vielleicht unedel, wenn wir die Noth unserer, in Russland, Rumänien rc. körperlich und geistig bedrückten Glaubensgenossen Mitempfinden und auf Mittel sinnen, denselben eine bessere Existenz zu verschaffen? Das hat mit unserem Patriotismus gar nichts zu schaffen. Der Zionismus dauert mm schon einige Jahre, und es zeigt sich, dass es den Juden in Deutschland, Oesterreich, England u. s. w. durchaus nicht einfällt, den Staub ihrer bisherigen Heimat rasch abzuschütteln und nach Palästina auszuwandern. Es ist immer nur die Rede von jenem unglücklichen Ueberschuss, der in Europa künstlich niedergedrückt wird, und den zu verlieren, die Unterdrücker nicht als Verlust empfinden. Sollte Rumänien, das jüdische Landeskinder, deren Urgroßeltern schon in der Wallachai gewohnt haben, und die im Kriege heldenhaft gekämpft, nur als Fremde bezeichnet und behandelt, es wirklich als einen Verlust empfinden, wenn man ihm diese „fremde" Last abnimmt? Für die jüdischen Millionen lautet die Frage ganz einfach: Ist es möglich, Palästina durch jüdische Einwanderer — im großen Stile, im Gegensätze zu den bisherigen beschränkten Colonisationszielen — zu cultiviren? Und die Antwort? Das ist eine Geldfrage. Palästina hat sehr viel culturfähigen Boden, der unter den fleißigen Händen tüchtiger Colonisten, besonders bei Anwendung der großartigen modernen, culturtechnifchen Hilfsmittel, wahrscheinlich einen entsprechenden Ertrag abwerfen würde. Natürlich dürfte für Wüste, kahle Felsen re. kein Geld gegeben werden. Daran denkt auch sicherlich