Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 11 (22.3.1899)
- Date
- 1899-03-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaction ii. Administration: Wien, 11/ (, Novaragasse 2?. Unabhängige Zeitschrift für jnöische Bezugspreis: »>an;jä»ri>i.fl. u.— Hawjübrin.fl. 3.— ä. k. öftovr. Postsparcassa Lheck-Conto Nr. »4«;.25i. Interessen. Für Cultusbeamte: Inserate - 10 Kreuzer Per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbcträge sind in Wien zahlbar. Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Für Ausland: «fiaiizjälirig.12 Mark 6 Rubel oder IN itrcs. Nr. 11. Wien, 22. 1899. Inhalt: Zur Steuerfrage in der Wiener Cultusgemeinde. — Ist der Zionismus zu fördern oder zu bekämpfen? — Böhmischer Gemeindetag. — Hebräische Currentschrift. — Die Juden im 1848/49er Freiheitskampf. (Schluss.) — Lazarus' Ethik des Judenthums. (Fortsetzung.) — Zur Geschichte der jüdischen Tradition. (Fortsetzung.) — Wochenschau. — <3emeinbebote. — Bereinsbote. — Litteratur — Feuilleton: Der Nihilist. (Fortsetzung.) — Professor Steinthal über die jüdischen Melodien. — Arnold Marksohn. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Versöhnung. (Fortsetzung.) Zur Steuerfrage in der Wiener Cnltnsgeumnde. Die trübseligen Erscheinungen des politischen und socialen Lebens haben in den letzten Jahren die jüdische Publicistik in Oesterreich von dem eigentlichen Gebiete ihrer Wirksamkeit abseits geführt, und während man jedem Schmähwort irgend eines antisemitischen Maulhelden spaltenlange Artikel widmete, wurden oft die wichtigsten Fragen des jüdischen Gemeindelebens mit Süllschweigen übergangen, so dass es nicht Wunder nehmen konnte, wenn die große Mehrzahl der Gemeindemitglieder denselben keinerlei Interesse entgegenbrachte. Der Mangel der öffentlichen Controle durch publicistische Erörterungen übte auch eine höchst nachtheilige Rückwirkung auf den Cultusvorftand, der bei der Behandlung der jeweilig auftauchenden Fragen oft jene Gründlichkeit vermissen ließ, welche unbedingt die nothwendige Voraussetzung für eine gedeihliche Lösung derselben bildet. Einen schlagenden Beweis hiefür haben wir in der letzten öffentlichen Plenarsitzung des Wiener Cultusvorstandes erhalten, welche sich mit der Erhöhung der statutarisch festgesetzten Maximalgrenze der Cultussteuer, respective mit der Erhöhung der einzelnen Steuer-Kategorien beschäftigte. Die Wiener Cultusgemeinde leidet seit einigen Jahren an einem nicht unbedeutenden Deficit. Das Streben einer vernünfügen und zielbewussten Finanzwirthschaft muss wohl in erster Reihe dahin gerichtet sein, die Ausgaben mit den Einnahmen in Einklang zu bringen und durch Restringirung der ersteren die Differenzen möglichst auszugleichen; aber selbst angenommen den Fall, dass dies nicht möglich und eine Erhöhung der Steuern absolut nothwendig sei, wird der gesunde Menschenverstand dieselbe nur dann begreiflich finden, wenn der Erfolg einer solchen Erhöhung durch bestimmte, statistisch begründete Ziffern und nicht durch vage Vermuthungen begründet wird. Wir hätten somit erwartet, dass der Referent, der namens der Finanzsection eine Erhöhung der Maximalgrenze beantragte, wenigstens annähernd die Summe der erhöhten Eingänge und die Formel, nach welcher eine Anziehung der Steuerschraube in den einzelnen Steuer-Kategorien geplant wird, mitgetheilt und dadurch seinem Anträge die nothwendige arithmetische Basis gegeben hätte. Man könnte einwenden, dass derartige Miltheilungen nicht in die öffentliche Sitzung gehören, aber abgesehen davon, dass durch solche Geheimnisthuerei die Oeffentlichkeit der Sitzung zu einer Comödie herabsinkt, sollte sich, wenn wir schon die Berechtigung des Eiuwandes anerkennen, wenigstens dem Zuhörer die Ueberzeugung aufdrängen, dass zumindest die Cultusvorsteher selbst über den Effect der Steuererhöhung genau informirt sind, um mit gutem Gewissen für oder gegen den Antrag der Finanzsection stimmen zu können. War dies aber der Fall? Gewiss nicht, denn jeder Redner stellte andere Berechnungen auf, und Alle zusammen erwarteten keinen materiellen, sondern nur einen moralischen Erfolg von der Steuererhöhung, die eine größere Steuerwilligkeit bei den einzelnen Steuerträgern erzielen würde. Ob man aber mit moralischen Erfolgen ein Deficit beseitigt, das ist denn mehr als fraglich. Wir konnten uns des Eindruckes nicht erwehren, dass diese so überaus wichtige Frage mit der größten Oberflächlichkeit behandelt wurde, und ein geradezu drastisches Beispiel, wie mangelhaft informirt der Vorstand an die Beschlussfassung ging, gab ein Vorstandsmitglied mit der Frage, ob die Begräbnistaxen auch in den Eingängen aus dem Cultus enthalten sind. Ein einziger Blick in den gedruckten Rechnungsausweis vor oder während der Sitzung hätte ihm diese Frage erspart, die jedenfalls verrieth, dass er das Budget der Cultusgemeinde keineswegs zum Gegenstand eines eingehenden Studiums gemacht hat, was immerhin seine Pflicht gewesen wäre, wenn er