Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 10 (14.3.1899)
- Date
- 1899-03-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 14. „Mesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung." Nr. 10. Zusammenfassend ergibt sich: (64) Aus dem Geiste deS gefammteu Schriftthums viel mehr als aus den einzelnen überlieferten Lehrsätzen erkennen wir den ethischen Gehalt, die Richtung und den Höhegrad seiner sittlichen Weltanschauung. Schließlich ist noch der Gesammtgeist des Volksstammes (73) und der Religionsgemeinschaft eine — die letzte Quelle. (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Uachrichten. Wien. An der Fugbachsynagoge in Wien wurde Herr Mayer Seifert aus Lemberg als erster Cantor acceptirt. Der für diese Stelle früher gewählte Cantor Jacob Weiß ist einem Rufe der Gemeinde Csakathurn gefolgt. Beide Fuuctiouäre haben bereits ihre Stellen angetreten. Wien. Ani 25. Februar fand im Bösendorfer Saale das Concert des Pianisten Theodor Szanto, Sohn des Ober-Cantors Szanto in Raab, statt. Wie mitgetheilt wird, soll der junge Pianist ein Verwandter des verewigten Anton Rubinstein sein, dem er auch ähnlich sieht. Herr Szanto verfügt Über ein sehr bedeutendes Maß von Geläufigkeit, phrasirt klar und natürlich und verrieth namentlich im Adagio von Beethoven's As-äur-Sonate tiefe Empfindung und poetische Auffassung. Das zahlreiche kunstsinnige Publicum spendete dem jungen Pianisten wohlverdienten Beifall. Prerau. Für die hiesige Gemeinde wurde in der am 26. Februar abgehaltenen Plenarsitzung Herr Cantor S. E h r e, Schüler des Obercantors Bauer in Wien, zum I. Cantor einstimmig gewählt. Lichtenstadt bei Karlsbad. Am letzten Freitag fand in feierlicher Weise die Uebergabe des aus Anlass des Regierungsjubiläums des Kaisers dem hiesigen, jetzt in Pension lebenden Herrn Cantor und Religionslehrer Joachim Rindskopf verliehene Medaille für vierzigjährige treue Dienstzeit statt. Herr Joachim Rinds köpf bekleidete dieses Amt durch zwölf Jahre in Königsberg, dann durch nahezu vierundvierzig Jahre in der israelitischen Cultusgemeinde Lichtenstadt. Herr Rinds köpf, der sich allgemeiner Beliebtheit in unserer Stadt erfreut, wurde von den anwesenden Mitgliedern auf das Herzlichste beglückwünscht. New-Hork. Me neue Gemeinde des „Tempel Sinai" in Harlem, welche von den wohlhabenden Mitgliedern der Congregation „Ansche Cheßed" gegründet wurde, ist höchst erfreut, dass sie außer dem Prediger Rev. Dr. M. Kopstein auch den ausgezeichneten Cantor Rev. Osias Hochglück von der genannten Congregation gewonnen hat. Die neue Gemeinde entwickelt eine überaus rührige Thätigkeit und hofft recht bald mit dem Baue einer neuen Synagoge beginnen zu können. Laluuun's Amerikafahrt. Humoreske aus Kurland. Bon Hermann Rosenthal. (Forffetzung.) Damals stand die Elementarschule noch ganz in der Nähe desselben. Der Lehrer Hans Adams, ein Lette von Geburt, hatte den Klempner Wolf gut gekannt und wegen seines munteren, biederen Wesens und seines Fleißes immer recht gerne gehabt und so ließ er es gewähren, wenn die Schulknaben ihren lustigen Spielkameraden Kalmann mit in die Schule brachten. Er verhielt sich dann immer sehr ruhig und hörte aufmerksam zu, wenn der gewiffenhafte Lehrer den Kindern das A-B-C beibrachte. So lernte er bald deutsch lesen und schreiben. Er kannte auch fast alle Bauern der Umgegend und an Werktagen wurde er oft von einem Bekannten auf's Land mitgenommen, denn die Letten hatten den Wolf Feitelsohn ebenfalls hoch geschätzt und nahmen nun warmen Antheil an dem munteren, muthwilligen, kurzweiligen Waisenknaben.. Er sprach schon in seinem zehnten Jahre lettisch wie ein geborener Lette und sang alle ihre schönen melancholischen Lieder. Er verkehrte auch im Hause des Stadtsecretärs von Gutzeit und bei Schlippenbach's. Fräulein von Schlippenbach, eine freundliche alte Jungfer, gab ihm hin und wieder ein deutsches Buch zum Lesen nach Hause mit. Erst waren es Märchen, dann Ritterromane; aber eines Tages entdeckte Kalmann im Bücherschrank Schiller's Gedichte. Er war damals fünfzehn Jahre alt und hatte sie fast alle auswendig gelernt. Er rührte die Friedrichstädter weibliche Jugend oft zu Thronen, wenn er mit dem ihm eigenen tragikomischen Pathos: des Mädchens Klage, Hektars Abschied oder auch die Kindesmörderin declamirte. Aber mitten in der rührenden Scene machte er plötzlich eine possirliche Schwenkung und brachte durch einen komischen Ausspruch alle Mädchen zum Lachen. Er war von der Natur mit einer komischen Nase beschenkt worden. Sie war schon in seiner Jugend etwas länglich, aber mit stumpfem Ende und weiten Nasenlöchern. Sein Kopf war schmal und spitz und seine kleinen blauen Augen schienen immer zu lachen, selbst wenn er ernst bleiben wollte. Er hielt sich stramm wie ein ausgedienter Unterofficier. Mit seinem achtzehnten Jahre war er der Hofnarr auf allen vornehmen Hochzeiten, der Erste und Tapferste bei jeder Feuersbrunst, der Trommler, der die Verordnungen der Behörde ausrief, der Wegweiser und Rathgeber, wenn irgend ein Fremder sich nach Friedrichstadt verirrte, der Gerichtsbote, wenn der Stadtknecht Abramke abwesend war, der Marklberichterstatter, wenn die Frau Stadtsecretärin oder Bürgermeisterin oder Pastorin Kartoffeln, Kohl oder Mohrrüben brauchten; mit einem Worte das Factotum und die rechte Hand der ganzen „besseren" Gesellschaft von Friedrichstadt. Sogar wenn der alte Stadtarchitekt Falkenklau betrunken in der Gosse lag, war es gewöhnlich „der Kalmann", der ihn mit munteren, theilnehmenden Worten aufrichtete und sicher nach Hause geleitete. Die alte, zänkische Frau Falkenklau schimpfte noch darüber und sagte: „Du hättest den lüderlichen Saufaus da ruhig liegen lassen sollen, Kalmann, damit er in der Rinne seinen Rausch ausschlafe und sich bis in den weiten Hals hinein schäme!" Für seine Dienstleistungen nahm er selten Bezahlung an, wenigstens verlangte er nie welche. Er war zu stolz dazu. Aber wenn er einen neuen Anzug brauchte, borgte er sich das Geld dazu von seinen zahlreichen Freunden und sobald er als Fremdenführer, oder von den reichen Bauern eine Commission für verkaufte Producte erhalten hatte, bezahlte er pünktlich seine Schulden. Geld brauchte er eigentlich nicht. Er speiste, - wo es ihm beliebte, oder wo er sich gerade befand, er war überall wie zu Hause. Nur einige der alten Synagogenjuden mochten ihn nicht leiden und der alte Rabbiner hasste ihn sogar und damit hatte es folgende Bewandtnis: Der Rabbiner musste an jedem Feiertage eine Predigt halten, besaß aber gar kein Reduertalent und hatte eine sehr geringe Auswahl von Predigten. Jede seiner Osterpredigten begann gewöhnlich mit der bekannten Sentenz aus dem Talmud: „Als Josua starb ..." — An einem solchen ersten Ostertage, als der Synagogendiener, sein Großvater, vor der Predigt anklopfte, um Ruhe zu gebieten, wobei er noch einigemal „Schha" rufen musste, bis es still wurde, hatte der damals siebzehnjährige Kalmann schon vor dem Rabbiner die Kanzel bestiegen und mitten in der feierlichen Snmmung erklang es mit gut imitirter weinerlicher Summe und mit tragikomischen Gebärden auS dem Munde Kalmann's : „Als Josua starb! ..." Allgemeines Gelächter von Seiten der Jugend. Der Rabbiner war nun unsterblich lächerlich gemacht. Er war einer Ohnmacht nahe, als ihn der Gemeindevorsteher Isaak mit den Worten des Trostes besänftigte. Es war ja blos der Narr, der dumme Possenreißer Kalmann, und dem kann man ja nichts übel nehmen. — Kalmann hatte sich während der Feiertage nirgends blicken lassen. Der Großvater hatte ihm sein Ehrenwort abgenommen, sich ruhig zu Hause zu verhalten. Bei der Gelegenheit hatte er „die Verzweiflung" von Kotzebue fast auswendig gelernt. Mit Rafael Büffelochs aber verhielt es sich folgendermaßen: Eigentlich hieß er Rafael Schönfelder und war ein fahrender Landkrämer. Er kam gewöhnlich nur zu den hohen Feiertagen nach Hause, während der ganzen übrigen Zeit fuhr er mit Schnittwaaren in Lievland herum, und viele Barone und reiche Bauern hätten für nichts in der Welt von einem anderen Krämer etwas gekauft. Wegen seines großen Körpergewichts — er wog circa 350 Pfund — und seiner gewaltigen Stimme wurde er von dem witzigen Baron Ungern-Sternberg Büffelochs benamst. (Schluss folgt.)