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Die Wahrheit · 1899-03-14 · Heft 10 (14.3.1899) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 10 (14.3.1899)
Date
1899-03-14
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 10. Seite 15. Die Wahrheit. Versöhnung. Bon Bernhard Loewenthal. (6. Fortsetzung.) Ja, wenn Vater, Mutter, oder die geliebte Schwester heute um ihn wären, ja dann wäre er vielleicht glücklich, ruhig und zufrieden. Mehr wie der Beifall der Menge, mehr wie die Freudenthränen seines Meisters, der ihn nach dem ersten Act schon beglückwünschend in die Arme geschlossen hatte, mehr als alles Andere hätte ihn ein einziger Blick, ein einziges stolzes Aufleuchten aus Leas sanften Augen belohnt. Für die Eltern aber war er nichts. Was galt ihnen der Ruhm, was seine Größe? Für die K'hille war er doch nur ein bezahlter Sänger, ein Comödiant. Und wenn er wenigstens glücklich wäre in feinem Berufe! Immer wieder und wieder legte er sich die Frage vor: Ist das mein Ziel, das Ziel meines Strebens? Und im Herzen, so ganz im tiefinnersten Winkel seiner Brust ertönte ihm die Antwort, auf die er nicht hören wollte, die aber umso eindringlicher mahnte: „Du musst noch weiter, Dein Weg ist ein anderer, Du musst zurück zum Glauben!" War er denn nicht noch immer der gläubige, gottvertrauende Jude, legte er nicht noch immer seine Tefillin und sandte er nicht noch immer sein Gebet fromm zum Himmel? Ja, er war noch nicht abgefallen von der Ceremonie, der Fuß des Glaubens war noch sein eigen, das Haupt aber, das Judenthum, hatte er verloren, und ohne sein Judenthum, das fühlte er, konnte er nicht leben. Josua war in seiner Wohnung angelangt. Er bewohnte nicht mehr die Mansarde von einst, schon als er nur kleine Partien sang, hatte er ein schöneres Zimmer mit anstoßendem Schlafcabinet gemiethet. Der Lärm der Straße tönte nur gedämpft an sein Ohr. Er zog die Gardine zurück und presste die glühende Stirn gegen die kalten Scheiben. Hinausstarrend in den Flockentanz des winterlichen Abends, fühlte er sich so einsam, so verlassen, so allein, und seine Gedanken flogen der Heimat zu. Die Welt lag in Ruhe und Frieden unter ihm, aber in seinem Innern tobte und raste ein Sturm der seltsamsten Empfindungen. Es bedrängte sein Herz, es schnürte ihm etwas die Brust zusammen, würgte ihn im Halse und trat ihm heiß in die Augen. Es waren Thränen, er weinte. Jetzt fühlte er, was ein Elternhaus ist; jetzt, da er sich am Ziel glaubte, wurde es ihm zur Gewissheit, dass er den falschen Weg zum Glück gewühlt hatte; die Elternliebe war ihm fern, die Genossen seiner Jugend hatten den Glauben an ihn verloren, er hatte Heimweh —. Schon der nächste Morgen brachte Josua weitere Enttäuschungem Wohl waren die Tagesblätter voll des Lobes über ihn, doch Alle behaupteten, er hätte zum Sänger nichts weiter, als seine herrliche Stimme, ihm fehle jedes schauspielerische Talent und dergleichen. Als er zur Probe kam, wunderten sich die Collegen über seine Schweigsamkeit, einige murmelten sogar: „Stolzer Kerl, dummer Jude!" Trotzdem diese Worte nur leise gesprochen waren, hatte Josua sie dennoch gehört. Es gab ihm einen Stich in's Herz, dass ihm auch hier sein Judenthum zum Vorwurf gemacht wurde, sein Judenthum, mit dem er doch eigentlich die rechte Fühlung längst verloren hatte. Missmnthig ging er in seine Garderobe und vertiefte sich in das Studium des „Lohengrin", den er heute Abend singen sollte. Als er nach einer geraumen Zeit wieder zum Vorschein kam, huschten einige Balleteusen an ihm vorbei, um sich dem „Duckmäuser" bemerkbar zu machen; er schien sie gar nicht zu bemerken, und dasärgerte die Mädchen. Eine von ihnen, die kleine, f> sche Marion, nahm ihn auf's Korn. „Pass' einmal auf," flüsterte sie ihrer Freundin, der Zigeunerelli, in's Ohr, „den will ich mir lebhaft machen!" Mit dem naivsten Gesichtchen von der Welt trat sie dicht an Josua heran, legte ihre Hand leise auf seinen Arm und sagte so recht besorgt: „Sie sind so traurig, Herr Bertel, Sie machen ein so unliebes Gesicht, das dürfen Sie nicht thun. Sie müssen lustig sein, lachen und scherzen!" „So—o—o—?" Josua sah die Sängerin forschend aber nicht böse an, es schien, als ob das leichtfertige Ding da ihn belustigte, dann setzte er hinzu: „Sind Sie immer fröhlich, schönes Kind?" „O, wenn ich einen solchen riesenmüßigen Erfolg hätte, wie Sie gestern, da wäre ich stets luftig. Im ttebrigen," fuhr sie fort, „haben Sie gestern doch gewiss schneidig soupirt, was? Warmes Abendbrot mit Sectbeilage, mich natürlich nicht eingeladen, na ja, solche Kleinigkeiten übersieht man schon. Nicht wahr, junger Gott?" Josua musste wider Willen lachen. Sie ist allerliebst, dachte er, und zu Marion gewandt, sprach er laut: „Ich war wirklich gestern allein, ich war so müde, so abgespannt — —" „Und heute?" Marions Augen blitzten ihn an, „wollen Sie auch heute allein sein, oder sind wir zusammen, um das Versäumte von gestern nachzuholen?!" Josua dachte an die trüben Gedanken von gestern Abend, er fürchtete sich vor denselben/überhaupt vor dem Alleinsein, und so wollte er Marion schon eine Zusage für den heutigen Abend geben, als wie der Blitz ihn Leas Worte durchzuckten: „Und Dein Glauben, Josua, Deine Jüdischkeit?" — — „Sie müssen sich doch die Routine aneignen, einen Don Juan richtig darstellen zu können," flüsterte Marion an seinem Ohr. Wie von einer Viper gebissen, prallte er zurück. Leas Worte brannten in seinem Hirn. Hatte sie nicht recht, als sie ihre Bedenken äußerte? Würde seine Jüdischkeit nicht einen gewaltigen Riss bekommen, wenn er sich in ein Verhältnis einließ mit dieser leichtlebigen Tänzerin? Er fühlte, dass er nicht dazu geschaffen war, sich die „Routine" eines „Don Juan" anzueignen. und dass er auf diesem Wege niemals zufrieden sein würde. Nie! nie! — Oder sollte er mit Gott kämpfen um seinen Glauben? Durfte er es? „Nimmermehr!" schrie es in ihm auf, „ich muß entsagen, wenn ich vor mir selber mich nicht erniedrigen soll." Die kleine Marion stand noch vor ihm, er reichte ihr die Hand: „Ich danke Ihnen, mein Kind, für Ihre gute Meinung, aber heute Abend muß ich bedauern, da bin ich vergeben-." Als er Abends gegen zwölf Uhr von der Vorstellung nach Hause kam, nahm er aus dem Fach eines kleinen Schränkchens eine alte Photographie und das Bild an seine Lippen pressend, seufzte er auf: „Lea, ich danke Dir, ich danke Dir-—." * * * Wieder ist es Winter geworden. Josef Bertel oder Josua Beer, wie wir ihn nennen wollen, ist noch immer der gefeierte Stern der großen Oper und steht in regem gesellschaftlichen Verkehre mir den besten Kreisen der Residenz. Die Gräfin Riemenau hat ihn vielfach empfohlen. Aber glücklich, zufrieden und ruhig ist er noch immer nicht. (Fortsetzung folgt.) Conditorei und Bäckerei N. Stein 1V2 Wien, II. Bezirk, Circusgasse 39 nimmt Bestellungen für Hochzeiten, Sudes und sonstige feierliche Gelegenheiten entgegen und werden in der besten, billigsten und zufriedenstellendsten Weise ausgeführt. Restauration “1ED ■W- WEISS Oedenburg (Ungarn) Grabenrunde SS-

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