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Die Wahrheit · 1899-03-14 · Heft 10 (14.3.1899) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 10 (14.3.1899)
Date
1899-03-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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/ Hesterr.-ungar. Kccrrtor:en-Aeitung. Nr. \o. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". 19. Iahrg, I Lamrus' Ethik des Iudellthllms. ■ In gedrängter Kürze dargestellt von M. Abraham, Neligionslehrer und 1 Prediger in Leobschütz. I Die jüdische Litterntur ist um eiu großartiges Werk reicher. 8 Lazarus, der Völkerpsycholog und Meister jüdischer Wissenschaft, 8 hat den ersten Theil seiner „Ethik des Judenthums" der 8 Qeffentlichkeit übergeben. Der Schreiber dieser Zeilen hält sich 8 nicht für befugt, darüber in wissenschaftlicher Beziehung urtheilen zu wollen, was übrigens in diesem Blatte bereits Dr. K a h a n gethan hat; er ist nur der Ueberzeugung, dass es dem Judenthume und dem Verfasser zur Ehre gereicht. Lazarus hat mit Bewusstsein auf jede Polemik und Apologie verzichtet.; aber das Werk redet für sich. Auf der breiten und sicheren Basis umfangreichen und tiefen Wissens ausgebaut, entwickelt es in erschöpfender Ausführlichkeit nicht nur die Ethik des Judenthums, sondern entfaltet sich zu einem System der Ethik überhaupt. Der erste Theil enthält die Theorie, für den zweiten wird uns die Praxis die Anwendung und Ausführung verheißen. Ich glaube mit gutem Recht schon jetzt Alle, zu deren Berus der Religionsunterricht gehört, auf diesen Theil aufmerksam machen zu dürfen. Entspricht er dem vorliegenden Bande, so würde der Lehrer an ihm eine vorzügliche Stütze voller Anregung für seine Arbeit gewinnen. Ich will es nun versuchen, den Gesammtinhalt des vorliegenden Bandes in möglichst engem Rahmen darzustellen, wobei ich bemerke, dass ich mich auf's Allerengste an den Text des Autors anschließe. Selbstverständlich kann ich mich nur bemühen, die leitenden Gedanken — soweit ich sie als solche erkannt habe — herauszuschälen und mit einander zu verbinden. Wer den ganzen I herrlichen Bau des sprachkundigen Meisters bewundern will, muß sein Werk selber studieren. I. Abschnitt. Die Grundlegung der Sittenlehre. 1. GcrpiLak. Von d e n Q u e l l e n jüdischer S i t t e n l e h r e. 1. Die hervorragendste Quelle ist die Bibel i 5)*), das Wort Gottes, wo der Grund zum Aufbau der sittlichen Welt im jüdischen Geiste gelegt wird. 2. In den rab bi irischen Schriften, Talmud und Midraschim finden wir diesen Bau — mittelst der 32 Dentungsregeln stetig erweitert. Neben der sprachgesormten, also in bestimmten (15) Worten überlieferten Lehre der Sittlichkeit, gibt es noch andere Quellen z. B. 3. Die mündliche Neberlieferung, die nur selten individuellen Ausdruck findet — bei Discursen. 4. Die Cerem 0 nien. Diese dienen einem idealen (22) Interesse. Sie sind Symbole voll religiösen, aber weitaus am meisten von ethischen Ideen. 5. Die historisch-überlieferten Handlungen (30) oder die Geschichte. 'Was Israels Geschichte (31) die Eigen- *) Die in Klammern befindlichen Ziffern verweisen auf die betreffende Seite im Original. thümlichkeit verleiht, ist der Umstand, dass für die Religion zu kämpfen bis dahin neu war. Die Märtyrer sind (33) allzeit Mehrer des Reiches ethischer Idealität oder des Gottesreiches auf Erden. 6. Die Poesie, welche bei den Juden nicht epische (34) sondern fast ausschließlich lyrisch-didactische Dichtung ist. Als eigentliche Volkspoesie und zugleich als (35) Vereinigung beider Richtungen kann man (6a) die L e g e n d e n d i ch t u n g betrachten, welche sich gleichfalls als Fundgrube ethischer Belehrung darbietet. Denn jeder Schmuck, den sie am Bau der Geschichte wirklicher (36) historischer Personen anbringt, hat eine ethische Bedeutung. 7. Die Institutionen der Gem eind e und anderer (37) Genossenschaften mit ihren Satzungen und Ordnungen. — Lazarus legt bei dieser Gelegenheit in seiner meisterhaften (39/42) auf den Kern dringenden Weise den ganzen sittlichen Gedankengehalt dar, welcher dem „Büchsenpaar" des seit etwa 150 Jahren in Berlin bestehenden Vereines cbrs {*«»*£ Misehan abelim innewohnt. 8. Im Volke verbreitete Sitten und Gebräuche (42), welche nicht auf gesetzlicher Vorschrift beruhen, z. B. Beginn des Hüttenbaues gleich am Ausgange des Jom kipjmr (43). Fragen wir nun nach der Natur und Verlässigkeit (47) der Quelle, so müssen wir vor Allem bedenken, dass die talmudische Weisheit ztlerst und ausschließlich sich in mündlicher Neberlieferung fortgepflanzt hat. In harten Zeiten wurde Alles gesammelt, damit Alles erhalten bliebe. Uebergroße Bescheidenheit verhinderte jede Kritik. Wenn später doch eine Sichtung begann und eine wahrhafte Harmonie (48) des oft Widerstreitenden herbeiführte, so war das dadurch und nur dadurch möglich, dass das Grundwesen der ethischen Gesinnung niemals erschüttert wurde. Der gewissenhafte Darsteller der Ethik (49) muß recht vorsichtig verfahren, denn in dem Riesenwerke des Talmud ist Vieles aufbewahrt, was nur dem Augenblick sein Entstehen verdankte und wohl auch nur für den Augenblick berechnet war. So sprudelt der Humor in lebhafteren Farben; Tischreden, Schulbeispiele, scherzhafte Uebertreibungen, Stoßseufzer und dergl. haben Aufnahme gefunden; Sprichwörter sind vertreten, ferner: Worte, die der Unmuth, der schweren Leiden ausgepresst (52). Gerade die letzteren wurden oft böswillig heraus- und angegriffen. Wie verkehrt wäre es nun, die Wuthausbrüche auch der edelsten Deutschen und Franzosen in den Jahren 1807, 12, 70 als Grundsätze der deutschen und französischen Ethik zu eitiren l Es kann ruhig zugegeben werden, dass auch die eigentlichen Lehrsprüche (54) nicht alle aus gleicher Höhe stehen; aber sie brauchen auch nicht als gleichartig anerkannt werden. Auch der. Talmud will jedem Zeitalter seine Autorität gewahrt wissen. Was von den Lehrern, gilt auch von den Lehren: Nicht ihr Alter (56), sondern ihre Gründe entscheiden. Zwei Richtungen standen und stehen sich noch gegenüber: Der Traditionalismus und der Rationalismus. Ersterer gründet sich nur auf lleberlieferung und Gedächtnis (57), letzterer fordert die logische Arbeit des Geistes und die Schärfe des Gewissens. Rur der Rationalismus ermöglicht einen wissenschaftlichen Fortschritt. J

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