Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 10 (14.3.1899)
- Date
- 1899-03-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3062983--00167-3066655- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 12. Die Wahrheit. Nr. 10. das Gebäude zu verkaufen und im Stadtwäldchen ein großes Waisenhaus, verbunden mit einer israelitischen Lehrerinnen-Präparandie, zu erbauen. Wie nun „Egyenlöseg" mittheilt, hat sich die Baronin Hirsch bereit erklärt, sämmtliche nach Verkauf des alten Waisenhaus-Gebäudes noch erstehenden Kosten aus Eigenem zu decken. Die wohlthätige Baronin hat ihren hiesigen Bankier angewiesen, die nöthige Suinme — es dürste sich ungefähr um eine Viertelmillion handeln — sofort flüssig zu machen. Arad, 4. März. Der verdienstvolle Obernotär der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, Leopold Rosenberg, feierte heute unter imposanter Theilnahme der Arader Bürgerschaft sein fünfzigjähriges Jubiläum. Bei der Feier waren die Notäre zahlreicher israelitischer Gemeinden des Landes zugegen. Das Jubiläum begann mit einem Festgottesdienste in der Synagoge und wird morgen mit einer von der israelitischen Gemeinde arrangirten Festivität fortgesetzt. An den Jubilar sind zahlreiche Begrüßungsschreiben, Telegramme und werthvolle Geschenke eingettoffen. Miskolcz. Einer der sympathischesten Bürger unserer Stadt, der Gutsbesitzer und Mitglied des Comitats-Municipalausschusses Leopold Klein, ist im Alter von 78 Jahren und im 54. Jahre seiner Ehe gestorben. Der Verblichene erfreute sich ob der Vorzüge seines Herzens und Charakters allgemeiner Sympathien. Eine zahlreiche geachtete Familie betrauert den Hingeschiedenen. Ein Zeitroman a u § dem russisch-jüdischen Lebe n. Von Moritz Scherbel. (Nachdruck verboten.) (8. Fortsetzung.) 4. IwerevLer Mcrß° Gebhard Wandelowicz hatte außer Alexander noch einen jüngeren Sohn und eine Tochter. Letztere steht im Zwanzigsten Jahre und befindet sich gegenwärtig bei ihrem Onkel, einem Bruder ihres Vaters, in Warschau. Felix Wandelowicz besaß daselbst eine große Brauerei und machte in der polnischen Residenz ein vornehmes Haus. Weitgedehnt war der Kreis seiner Bekannten und Freunde in allen Berussclassen ohne Unterschied der Confession. Officiere, Gutsbesitzer, Negierungsbeamte und Bankiers trafen bei dem freigebigen Wandelorvicz zusammen. Im Comptoir Wandelowicz' sind Geschäftsführer und Buchhalter bereits in eifriger Thätigkeit. Ersterer ist schon ein älterer Mann mit langem, hagerem Gesichte und spärlichem Haarwuchs auf dem Kopfe. Seine Physiognomie ist ernst, fast düster, und wenn er nicht gerade seinem Principal Rede zu stehen hatte, so ist er Anderen gegenüber in seinen Fragen und Antworten merkwürdig kurz und bündig. Niemand hatte mit diesem mürrischen Manne gern etwas zu thun. Er stammt noch aus der guten alten Zeit, wo man die „Großlebigkeit", wie er sich ausdrückte, und die Jagd nach weltlicher Pracht und weltlichen Genüssen nicht kannte. Sein Name ist Ephraim Tonberg. - Mühsam hatte er sich die Kenntniße für seinen jetzigen Beruf erworben, weil in seiner Jugend den Juden der Zugang zu den weltlichen Bildungsstätten gänzlich verschlossen war. Bei Wandelowicz nahm Tonberg eine Vertrauensstellung ein, er war in dessen Lebensgang und Familienleben so eingeweiht, als ob er zu den Mitgliedern des Hauses gehörte; ja, er durfte es sich heransnehmen, dem Chef Manches zu sagen, was dieser in seinem Hvchmuthe von einem Andern niemals entgegengenommen hätte. Der Buchhalter Casimir Gollnow ist christlicher Confession; ein junger Mann mit bescheidenen Manieren und von besonders großer Ehrerbietung für seinen Chef. Es ist zehn Uhr Vormittags. Felix Wandelowicz war soeben in das Comptoir getreten. Er mochte ungefähr 55 bis 60 Jahre zählen, Hai schütteres Bart- und Kopfhaar und ist höchst elegant gekleidet. Wandelowicz durchfliegt die eingegangene Correspondenz, welche ihm von Tonberg überreicht wird, bis ihm ein Billet in die Hände fällt, dem er besondere Aufmerksamkeit zu schenken scheint. Er liest: Geehrter Herr! Ich werde mir gestatten, Sie heute Vormittags in sehr dringender Angelegenheit zu besuchen. Ladislaus Notowski Polizei-Jnspector. Dieser Rotowski verkehrte früher sehr viel im Hause Wandelowicz, war aber seit zwei Jahren demselben fern geblieben. Die Ursache des plötzlichen Abbruches wäre kaum zu erklären gewesen, wenn man nicht annehmen wollte, dass die zweitausend Rubel daran schuld waren, die er von Wandelowicz geliehen und um deren Zurückzahlung er von demselben seiner Zeit monirt wurde. Darob war der stolze Russe gar sehr entrüstet und blieb aus. Wandelowicz trat an seinen Geschäftsführer heran und wies ihm das Schreiben. „Wie denken Sie darüber, Tonberg?" „Da ist gar nicht viel zu denken, der Herr braucht Geld und kehrt zu der bekannten Geldquelle zurück —" „Aber er hat sein altes Conto noch nicht beglichen!" „Na, wo wird er denn so dumm sein! Ich habe Sie früher schon einmal auf das Talent aufmerksam gemacht, das der Polizei-Jnspector Notowski hinsichtlich des Schuldenmachens besitzt —" „Was halten Sie von seinem für heute angekündigten Besuch? Sie lesen, dass er von einer dringenden Angelegenheit spricht." — „Die in ihrem letzten Zwecke sicher auf eine Geldoperation hinausläuft . . . ." Tonberg hatte nicht Zeit, seine Rede zu vollenden, denn es pochte an. Auf das „Herein" des Geschäftsführers wurde alsbald die Thür mit Ungestüm geöffnet, und Polizei-Jnspector Rotowski trat ein. Er trug die Uniform und machte den Eindruck einer höheren Charge, wenigstens fehlte ihm die vornehme Herablassung nicht, welche dieser Kategorie von Beamten in Russland eigen zu sein pflegt. Man hätte nun glauben können, dass der frühere Hausfreund sein zweijähriges Fernbleiben irgendwie erklären werde; allein das war durchaus nicht der Fall. Als ob eine nähere Bekanntschaft niemals existirt hätte, trat der Polizei-Jnspector mit kurzem Gruße an Wandelowicz heran und ersuchte ihn, ihm unter vier Augen einige Augenblicke Gehör zu schenken. Wandelowicz wunderte sich nicht einmal so sehr über die kalte Begrüßung und das Fremdthun des Polizei-Jnspectors, da ein derartiger plötzlicher Abbruch der Beziehungen von Seiten seiner christlichen Bekannten und Freunde nicht zu den Seltenheiten gehörte. Und wenn sie später wiederkamen, um sein Geld in Anspruch zu nehmen, dann war sein Stolz solchen Leuten gegenüber nicht besonders groß; er ließ sich gerne finden, die Zurückgekehrten waren ihm wieder liebe Bekannte und Freunde, mit denen zu verkehren ihm Freude und stolze Genugthuung bereitete. Und sie schwuren ihm, dass er der coulanteste Mann von der Welt sei. Allein diese Begeisterung für die Coulanz unseres Wandelowicz kühlte sich in dem Maße immer wieder ab, als dieser es . in seinem Interesse für geboten hielt, seine Freunde an gewisse Verpflichtungen ihm gegenüber zu erinnern. Dann sank das Thermometer der Freundschaft und Gewogenheit für ihn immer tiefer, bis es schließlich auf den Gefrierpunkt kam. Wandelowicz tröstete sich indes bei so unliebsamen Erfahrungen damit, dass er doch wenigstens zu seinem Gelde gekommen war, und wartete geduldig die Zeit ab, bis seine Freundschaft wieder benöthigt würde. Hier lag die Sache aber doch ganz anders. Rotowski hatte nicht bezahlt — und war böse geworden. Welche Ursache hatte er hiefür? Er stand noch in seinem Buche mit zweitausend Rubel, stand so fest, als ob er zeitlebens nicht von der Stelle rücken wollte. Aussichten auf weitere Darlehen waren also nicht vorhanden — und er suchte ihn wieder auf d Das musste eine ganz besondere Veranlassung haben. (Fortsetzung folgt.)