Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 10 (14.3.1899)
- Date
- 1899-03-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3062973-3062983--00164-3066652- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Die Wahrheit. Seite 9. Nr. 10. welche durch sein treffliches Werk eine schätzenswerthe Ergänzung ititb Bereicherung erfahren hat. Aus seinen Schilderungen ersieht man erst so recht, welcher Aufopferung die Juden vor einem halben Jahrhundert in Ungarn fähig waren, obgleich ihre Lage damals nichts weniger als beneidenswerth erschien. Für ihr Verhältnis zum Staate war der Gesetzartikel XXIX: 1840 maßgebend, welcher den in Ungarn geborenen und den mit behördlicher Erlaubnis hier wohnhaften Juden gestattete, sich, mit Ausnahme der Bergstädte, wo immer im Lande ansässig zu machen. Alle Anstrengungen der Israeliten, sich die Gleichberechtigung mit den übrigen Bürgern des Landes zu erringen, blieben vergeblich. In dieser Hinsicht vermochte weder der warm für die Emancipation der Juden eintretende Baron Josef E ö t v ö s einen Erfolg erzielen, noch der im Jahre 1844 gegründete Verein zur Verbreitung der ungarischen Sprache unter den vaterländischen Israeliten. Alles, was die Letzteren erreichten, war die im Jahre 1846 erfolgte Aufhebung der seit hundert Jahren eingeführten Toleranztaxe, für welche sie eine Ablösungssumme von 1,200.000 fl. zu entrichten hatten. Auf dem 1847/48er Reichstage herrschte eine den Juden feindliche Stimmung. Die Legislative verbot den ausländischen Juden, nach Ungarn einzuwandern und sich hier ansässig zu machen. Die Mehrzahl der Ablegaten erging sich den erhaltenen Instructionen gemäß in gehässigen Ausfallen gegen die „heidnische" Religion der Juden, und so war es nur natürlich, dass nicht nur ein Antrag des Araber Vertreters Bohns zurückgewiesen wurde, welcher das Wahlrecht nicht blos auf die recipirten Confessionen beschränken wollte, sondern auch ein Amendement Ko ssuth's abgelehnt wurde, wonach den städtischen Repräsentanzen die Befugnis Zur Verleihung des Wahlrechtes an einzelne, für besonders würdig befundene Israeliten hätte ertheilt werden sollen. Mit dem 15. März 1848 schien die Morgenröthe der ersehnten Gleichberechtigung auch für die ungarischen Juden heranzubrechen. Verlangte doch das Volk in den berühmten zwölf Punkten auch die Gleichheit vor dem Gesetze in bürgerlicher, wie in religiöser Beziehung! Und in der That schien es, als sollte dieser lang ersehnte Wunsch in Erfüllung gehen. In die Deputation, welche am 16. März nach Preßburg geschickt wird, wählte man auch den Juden Kunewalder und zahlreiche seiner Glaubensgenossen finden Aufnahme in der Pester Nationalgarde. Indessen sollten sie nur zu bald aus ihrem Freudentaumel geweckt werden. Schon vier Tage später brachen in Preßburg die ersten Judenverfolgungen aus. Von einigen biederen Spießbürgern aufgehetzt, welche es nicht ertragen konnten, dass die Israeliten auch außerhalb ihres Ghetto am Schlossberg Geschäfte eröffnen durften, benützte der Pöbel den -Anbruch der Freiheit zu einem Raubzuge gegen die Concnrreuten und plünderte sie nach Herzenslust aus. Das edle Beispiel fand dann alsbald Nachahmung. In Oedenburg und Fünfkirchen wurde die Bewegung noch rechtzeitig unterdrückt; in Stuhlweißenbnrg hatten es die Juden nur dem energischen Einschreiten des Regiernngs-Commissärs Franz Pulszky zu danken, dass sie wieder in ihre Wohnungen zurückkehren konnten, aus welchen sie aus Angst vor Ueberfüllen entflohen waren. Dagegen wurden sie in Steinamanger ausgeraubt und ihr Tempel geschändet. Das gleiche Schicksal wurde auch » den in der Pester Theresienstadt wohnhaften Juden zutheil, und eine in der Hauptstadt abgehaltene Volksversammlung forderte die Vertreibung all' jener Juden, welche sich seit dem Jahre 1838 hier ansässig gemacht haben, sowie die Ausschließung der Juden aus der Nationalgarde. Die Wuth gegen die Israeliten fand auch ihr Echo im Reichstage. So verlangte in der Districtual- Versammlung der Ablegat von Kaschau, die Juden sollen gezwungen werden, die Bedenken zu zerstreuen, welche gegen ihre in geheimnisvolles Dunkel gehüllte Religion obwalten, und wenn sie dies nicht thun, solle man sie einfach aus dem Lande jagen. Bei den Magnaten aber stellte der praktische Graf Johann B6renyi den Antrag, es mögen die Schulden der Christen an Juden für ungiltig erklärt werden oder, wenn dies nicht gehen sollte, möge man die zur Errichtung einer ungarischen Creditbank erforderlichen zehn Millionen Gulden auf die Juden auswerfen. Unter solchen Umständen nahmen die Judenkrawalle immer mehr zu. Die wackeren Preßburger unternehmen einen zweiten Raubzug und vertreiben die Juden in ihr Ghetto; ähnliche Vorfälle ereignen sich in Bazin, Nädas, Szered, Skalitz, Tura, Poftyon, Lubina, Bosacs, N.-Tapolcsany und Vag-Ujhely, in welch' letzterer Stadt allein der Schaden der ausgeraubten Israeliten auf zwei Millionen Gulden beziffert wurde. Kurz, es gab kaum eine Niederlassung von Juden im ganzen Lande, wo in diesen Tagen der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit nicht die schändlichsten Judenverfolgungen arrangirt und die Israeliten nicht aus der Nationalgarde verjagt worden wären. (Schluss folgt.) Gemeindebote. Wien. (Verzeichnis der für den Siechenhausbau der israelitischen Cultusgemeinde Wien eingelaufenen Spenden): B'nai Brith 2000 fl.; Frau Rosa Hildesheimer 500 fl.; N. N. und Herr Marcus Engel je 200 fl.; die Herren Josef Siebenschein und kaiserlicher Rath Bernhard Bücher je 100 fl.; die Herren Dr. Carl Fleischmann, Bernhard Wetzler und Hermann Silbermann 50 je fl.; Anonymus durch Herrn Teltscher 30 fl.; Herr Adolf Kohn und Frau Flora Bermann je 25 fl.; Herr Michael Glogau 10 fl.; Herr Oberrabbiner Dr. Moriz Güdemann 5 Ducaten — fl. 28*50. Wien. Montag, den 13. März, 6 Uhr nachmittags, findet wie alljährlich im Tempel der israelitischen Cultusgemeinde, XVI. Bez., Hubergasse Nr. 8, eine Gedächtnisfeier für den verewigten Herrn Ignaz Edlen von Kuffner statt. Boskowitz. Die vorgenommenen engeren Cultuswahlen ergaben folgendes Resultat *. zum Cultusvorsteher wurde Herr Daniel Eisler, und zu Cultusräthen die Herren Di*. Sigmund Weiß, Emil U n g a r und Adolf Z e i s e l ernannt. Brünn, 7. März. (Landtag.) Referent Abgeordneter An spitz beantragt, aus der Landesculturbank vierprocentige Darlehen zu bewilligen: der Landeshauptstadt Brünn insbesondere zur Herstellung einer Trinkwasserleitung fünf Millionen Gulden, der Stadtgemeinde Göding für den Bau einer Realschule 51.000 fl., der Stadtgemeinde Gaya 80.000 fl. und der israelitischen Cultusgemeinde in Olmütz 60.000 fl. behufs Convertirung eines anlässlich eines Tempelbaues contrahirten, höher verzinslichen Darlehens. Gegen den letzteren Antrag wendet sich Abgeordneter Dr. Stransky, indem er ausführt, er würde auch gegen eine Bewilligung eines derartigen Anlehens an eine katholische oder evangelische Cultusgemeinde sprechen, weil eine Cultusgemeinde dem Lande nicht genügende Sicherheit biete. Referent Auspitz weist die Solvenz der Olmützer israelitischen Cultusgemeinde und die hypothekarische Sicherheit des Darlehens nach. Die ersten drei Darlehen wurden vom ganzen Hause bewilligt, für das Darlehen an die israelitische Cultusgemeinde in Olmütz stimmten die Linke, das Centrum und ein Theil der Rechten, darunter auch Bischof Dr. Bauer und Landeshauptmann-Stellvertreter Prälat K o r c i a n. Prag. Am 19. März findet hier der böhmische Gemeindetag, respective die Generalversammlung des Bundes der israelitischen Cultusgemeinden Böhmens statt. Budapest. Die Jury, welche zur Beurtheilung der für den Bau des neuen israelitischen Tempels eingereichten Concurrenzpläne einberufen wurde, hat ihre Arbeiten beendet und unter den eingelangten 23 Preisarbeiten den folgenden die ausgesetzten Preise einstimmig zuerkannt: Den ersten Preis den Architekten Torok und Schom er (Motto: „Alef"); den zweiten Preis den Architekten Zoltan Valint und Ludwig Jambor (Motto: „Mözes"); den dritten Preis dem Architekten Bola Leitersdorf er (Motto: „Ein mit der Zahl 5659 versehenes Pentagramm"); außerdem hat die Jury zu eventuellem Ankauf, resp. zum Ausdruck lobender Anerkennung sechs Preisarbeiten in Vorschlag gebracht, in Hinsicht welcher die Gemeinde später eine Entscheidung treffen wird. IH