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Die Wahrheit · 1899-03-14 · Heft 10 (14.3.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 10 (14.3.1899)
Date
1899-03-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 10. dass alte Ueberlieferungen im Volke lebten, welche wohl in der Thora begründet waren, nicht aber immer mit der talmudischen Ueberlieferung übereinstimmtem Ungefähr zur Zeit des Richters Jbz an, welcher nach einer talmudischen Ansicht mit Boas identisch ist, spielt die Geschichte, welche uns im Buche Ruth so anmuthig erzählt wird. Aus dem Ton dieser Erzählung geht hervor, dass zu dieser Zeit das göttliche Gesetz und die echt jüdische Sitte im Lande herrschten. Für unseren Zweck, den Spuren der alten jüdischen Tradition nachzngehen, ist daher das Buch Ruth von besonderer Wichtigkeit.*) Ruth tritt an Boas mit der Bitte heran, sie zu heiraten, da er ein Verwandter ihres verstorbenen Mannes sei. Boas findet die Bitte berechtigt, nur müsste ein anderer näherer Verwandter erst auf sein Recht verzichten. Als dies geschah, löste Boas die Besitzung des Verstorbenen ein, und mit ihr nahm er auch seine Witwe Ruth zum Weibe, damit der Name des Verstorbenen fortlebe auf seiner Besitzung und inmitten seiner Verwandten. Offenbar haben wir es hier mit der von der Thora gebotenen Leviratsehe zu thun, und wir sehen zugleich, wie man dieses Gesetz in jener Zeit verstanden hat. In der Thora wird nur dem Bruder eines kinderlos Gestorbenen geboten, die Witwe zu heiraten. Hier aber, bei Ruth, sehen wir diese Pflicht auf alle Verwandten ausgedehnt. Man hat also das Gesetz von der Schwager ehe nicht wörtlich genommen. Der Bruder warnur als nächster Verwandter von der Thora genannt, aber die Pflicht erstreckt sich auf alle Verwandten. Darauf scheinen auch die Worte in der Thora hinzuweisen: „Die Frau deS Verstorbenen soll nicht außerhalb (der Familie) einen fremden Mann heiraten" (V. M. 25,5). Ferner ist dabei Folgendes zu beachten: Ruth ist erst als Witwe zum Judenthum übergetreten. Man hat also die Ehe zwischen einem Israeliten und einer Heidin als rechtsgiltig angesehen, sonst bestände ja nicht die Pflicht zur Leviratsehe. Auch die Bekräftigung eines Kaufes mittelst Uebergabe des Schuhes war damals üblich und ist später abgekommen. Jedenfalls sehen wir hier, wie wichtige Gesetze manchmal ganz anders verstanden wurden, als später von den talmudischen Weisen, und dies hatte doch gewiss seinen Grund in uralten Ueberlieferungen. Den Abschluß der Richterzeit bildet ein Mann, der wie die Sonne aus dem düsteren Gewölk hervortrat, um die religiöse Finsternis zu bannen, welche sich über das Volk Israel gelagert hatte. Der Gottesdienst wurde wohl aus Gewohnheit geübt, aber der lebendige Gottesdienst war aus ihm gewichen. Das Gotteswort war verstummt und der prophetische Geist geschwunden. Selbst die Priester, welche das Volk leiten und belehren *) Nach dem Talmud hat Samuel dieses Buch geschrieben, wahrscheinlich weil sie glaubten, dass Sarnuel ein Interesse daran hatte, die edle Abstammung David's, den er zum Könige gesalbt, nachznweisen. Aber erstens hat ja Samuel die Salbung Davids geheim gehalten, zweitens beweist der Anfang dieses Buches: „Es geschah in den Tagen, als die Richter richteten",''dass es lange nach der Zeit der Richter abgefasst wurde. Eher könnte man an die Zeit der Theilung des Reiches unter Rechabeam denken, wo die hohe Abkunft des Dav'dischen Hauses dem Volke imponiren sollte. Aber auch dies ist nicht wahrscheinlich, weil aus Cap. IV, 7 hervorgeht, dass der Berfasser sehr lange nach der erzählten Begebenheit gelebt haben muß. Manche verlegen die Abfasiung in die Zeit des Exils, wofür manche sprachliche Eigenthümlichkeiten zu sprechen scheinen. Aber wir haben ein untrügliches Zeichen, dass Ruth sehr früh, und zwar zu einer Zeit abgefasst wurde, da man noch darauf bedacht war, den Landbesitz im selben Stamme zu erhalten, ibiä. 4,5. sollten, waren verderbt und entartet, nur auf ihren Vorthei[ bedacht. Da schickte Gott seinem Volke einen Mann, der es zu neuem Leben erwecken sollte. Dieser Mann war — Samuel. Schon vom Mutterleibe Gott geweiht, hat er als Mann ganz Israel zu einem Gott geweihten Volke gemacht. Er gründete Lehrhäuser und sorgte unaufhörlich für die Belehrung des Volkes. In kurzer Zeit bildete er zahlreiche Prophetenjünger aus, welche in seinem Geiste wirkten. Er legte den Grund zur jüdischen Geschichtsschreibung, und auch die poetische und prophetische Litteratur verdankt ihm ihre erste Blüthezeit: sind ja die herrlichen Gesänge Davids ein Product dieser Zeit. Samuel war der erste, welcher die gewohnheitsmäßige Befolgung der Gesetze öffentlich verdammte und nur den sittlichen Geist derselben gelten ließ. Gehorsam gegen Gott sei besser als alle Opfer. Damit war das sittliche Princip zur Herrschaft erhoben, die äußeren Formen aber des Gesetzes als ganz nebensächlich hingestellt. Daher darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn er gegen die ausdrückliche Verordnung der Thora ein weibliches Thier als Ganzopfer darbrachte (I. Sam. 7,9). Die Hauptsache war die fromme Gesinnung, welche durch das Opfer zum Ausdrucke kam, unter welchen Umständen — das war gleichgiltig. Unter Samuel erfolgte die Einsetzung des Königthums, welche eine große Umwälzung im Leben des Volkes bedeutete. Israel war seit seinem Bestände ein Priesterreich, mit Gott, dem unsichtbaren König an der Spitze. Das Volk sollte nicht in Kasten und Stände zerfallen, für den Größten wie für den Kleinsten sollte ein Gesetz bestehen. Selbst die Priester sollten nicht herrschen, sondern dienen, dem Volke und seinem Gotte dienen, und deswegen wurden sie für heilig erklärt, nicht etwa, weil sie als höhere Wesen galten. Das Volk stand unmittelbarunter der Herrschaft Gottes. Trotzdem hat die Thora die Einsetzung eines Königs nicht ausdrücklich verboten. Was war also der Grund, dass Samuel dem Begehren des Volkes nach einem König sich hartnäckig widersetzte? Gewiss kein anderer, als dass es gegen die lebendige Tradition verstieß. Schon Gideon hat die ihm angebotene erbliche Herrschaft mit den Worten abgelehnt: „Nicht ich, sondern Gott soll über Euch herrschen." Samuel musste schließlich dem Drängen des Volkes nachgeben und einen König ernennen, aber seine Weigerung gibt uns die richtige Erklärung zur Verordnung der Thora (V. M. 17, 15), einen König einzusetzen. Es ist eben kein Gebot, sondern eine Erlaubnis, ohne dass es die Thora eigentlich wünschte. Saul, der erste König in Israel, hat im Anfänge seiner Negierung das Vertrauen Samuels gerechtfertigt und war bestrebt, den Götzendienst und den Aberglauben aus seinem Reiche zu verbannen. Wir können gewiss annehmen, dass er sich in Allem nach der Thora gerichtet hat, und so können wir aus seinem Verhalten auch entnehmen, wie man damals manche Gesetze verstand. Nach der Schlacht bei Mi chm as ch berichtete man dem König, das Volk sündige, indem esSchafe und Rinder schlachtete und bei dem Blute speise. Saul spricht: „Ihr habt eine Treulosigkeit gegen Gott begangen! Wälzet zu mir her einen großen Stein, schlachtet hier und esset, und sündigt nicht gegen Gott, dass ihr esset bei dem Blute" (I. Sam. 14, 33 ff.). Dies bezieht sich offenbar auf die Worte der Thora: „Ihr sollet nicht beim Blute essen" (III. M. 19, 26). Uns ist dieses Gesetz ganz unverständlich. Als es aber gegeben wurde, hat man gewiss genau gewusst, was damit gemeint sei. Wir können nur aus der Zusammenstellung dieses Gesetzes mit

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