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Die Wahrheit · 1899-03-14 · Heft 10 (14.3.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 10 (14.3.1899)
Date
1899-03-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die Wahrheit. Seite 5. fl Nr. 10. »oit 30.000 fl. zum Baue einer neuen Kirche in Breitensee zu r bewilligen, und im Weiteren wurde ein umfassendes Kirchenbaun Programm aufgestellt, demzufolge die Gemeinde in den nächsten a Jahren zwei Millionen Gulden zu Kirchenbanzwecken beizusteuern . hätte. Hiebei waren nicht so sehr die sactischen Cultusbedürfniße z der katholischen Bevölkerung, welche auch unter liberalem Regime vollste Berücksichtigung gefunden haben, sondern einzig und , allein die Aspirationen der cleriealen Partei maßgebend, denen . die Antisemiten ihre gegenwärtige Herrschaft verdanken, l Die liberale Partei im Gemeiuderathe verfocht wohl den ' Standpunkt, dass dieser Beschluss gegen die interconsessiouelleu Gesetze verstoße, denen zufolge jede Confession für die Kosten ihres Cultus selbst aufzukvmmen habe, aber bei der Abstimmung blieb sie natürlich in der Minorität. Nach erfolglosem Recurse bei der Statthalterei und dem Ministerium erhob der Gemeinderath Lucian B r u n n e r eine diesbezügliche Beschwerde beim . Verwaltungs-Gerichtshöfe, der nun am 8. März, unter dem Vorsitze des Präsidenten v. L e m a y e r, die principiell hochbedeutsame Entscheidung fällte, dass die C u l t u S a u s läge n nur von den Angehörigen desselben Cult u s zu bestreiten sind, und den Beschluss des Wiener Gemeiuderathes bezüglich der Subvention des Kirchenbau-Vereines als gesetzwidrig aufhob. Wiener Wohlthätigkeit. Der Verein „Osten" suspendirt seine Thütigkeit auf vierzehn Tage. Wie ist das möglich, und wo sollen nun die aus den Spitalern entlassene Reconvnlescenten aus Galizien und ähnliche nothleidenden Glaubensgenossen die Mittel zur Heimfahrt hernehmend Doch nur, indem sie sich nolens vol6N8 an bekannte und bewährte Philanthropen wenden. Aber leider find durch die zu weit getriebene Vereinsmeierei die Pforten der privaten Wohlthätigkeit selbst für Dürftige und Würdige nicht immer offen. Vor Kurzem hatten wir eine passende Gelegenheit, das Wirken des schon achtundzwanzig Jahre bestehenden „Vereines für israelitische Hausarme" genügend kennen zu lernen. Eine würdige Petentin musste treppauf, treppab fast die ganze Scala der Vorstandsdamen Revue passiren, bis sie endlich mit vieler Mühe eine Spende von fl. 3 (!) erhielt. Die vom Schicksale hart Betroffene ist Tochter und Enkelin berühmter Rabbiner, hat einst bessere Tage gesehen und ließ es sich keineswegs im Elternhause träumen, dass sie kaum im Stande sein wird, für sich und ihren einzigen Sohn, der die Talmud-Thora mit Erfolg besucht, die bescheidene Monatsmiethe aufzubringen. Wo steckt denn die vielgerühmte Wiener Wohlthätigkeit, und in welcher Weise erfüllen die hiesigen Rabbiner ihre Pflicht, mit gutem Beispiele nach np-is voranzugehen d Auf dem Wege ins Zuchthaus. Die antisemitische Ehrengallerie hat wieder einen neuen Zuwachs erhalten. Dr. Alfred Hödel, der flüchtige Bürgermeister von Wölkersdorf, dem Defraudationen in der Höhe von nahezu fl. 100.000 nachgewiesen sind, war früher in Graz Führer der Antisemiten! mir1 p. Israelitisches Lehrerinnerr-Heim. In kurzer Zeit wird in Deutschland eine neue Institution entstehen, die wiederum den Beweis erbringt, wie zielbewusst man daselbst der in den verschiedensten Gestalten anftretenden socialen Roth' abzuhelfen bestrebt ist. In einer jüngst in Berlin abgehaltenen Versammlung, die unter dem Vorsitz des Fräulein M ü n ch h a u s e n tagte, ist die Gründung eines „Israel itischen Le h r e r i n n e n - H e i m s" beschlossen worden. Die Vorsitzende hat bereits diesen Gedanken im Jahre 1891 angeregt, doch konnte erst jetzt der Gründung nähergetreten werden. Bestimmend für den Plan ist die noch recht ungenügende Altersversorgung der jüdischen Lehrerinnen und Erzieherinnen und die Thatsache, dass die meisten Feierabendhäuser specifisch christlichen Charakter tragen, andererseitsbei den wenigen interkonfessionellen Anstalten die Zahl der Aspirantinnen eine so große ist, dass nur ein sehr winziger Theil Berücksichtigung finden kann. Das Heim soll nicht nur ein Feierabendhaus sein, es soll auch den durch körperliches Leiden oder Anstrengung Geschwächten Erholung gewähren und endlich zum Ferienaufenthalt dienen. In hochherziger Weise ist bereits dem Gründungscomite ein Terrain in Ems zur Verfügung gestellt worden und voraussichtlich werden auch bald die Mittel zum Bau aufgebracht werden. Jüdisches Proletariat in Frankreich. In der letzten Nummer der „Revue des Revues" veröffentlicht Paul Pottier einen sehr interessanten Artikel unter dem Titel: „Essay über das jüdische Proletariat in Frankreich", in welchem er die Lage der jüdischen Arbeiter Frankreichs schildert und die Ursachen ihres Elends untersucht. Nach des Verfassers Berechnung gibt es iu Frankreich ungefähr 79.000 Juden, von denen 45.000 auf Paris entfallen. In der Provinz zählt die Umgebung von Nancy die meisten Juden, nämlich 4467. Die anderen Juden vcrtheilen sich auf folgende Hauptcentren: Bordeaux, Lyon, Marseille, Epinac, Lille und Besanxon. Pottier zufolge gibt es in Paris ungefähr 20.000 jüdische Proletarier. Die Pariser Juden sind besonders in folgenden Handlungen beschäftigt: Mützenmacher, Schneider, Schuster, Tischler, Pelz- und Kautschukwaaren-Arbeiter. Viele treiben natürlich auch Hausierhandel mit Schuhschnüren, Spielwaaren, Apfelsinen u. s. w. Dieser Handel bringt sehr wenig ein, ungefähr zwei Francs pro Tag, während die Löhne in den obgenannten Berufen im Durchschuilt 3'50 Francs für Männer und 1/25 Francs für Frauen betragen. Als Ursachen der kläglichen Lage des jüdischen Proletariats gibt P o t t i e r neben den niedrigen Arbeitslöhnen und den theueren Preisen rituell erlaubter Lebensmittel hauptsächlich die maßlose Ausbeutung des jüdischen Arbeitsnehmers durch seinen Brotherrn an. In dem Artikel heißt es: Der arme Jude, der sich vor dem Ansnahmeregime flüchtet, das in gewissen Ländern herrscht und ihn zum Sclaven erniedrigt, kommt in Frankreich an, ohne unsere Sprache zu kennen. Erstaunt und beunruhigt nimmt er ohne Bedenken die Vermittlung der Anwerber für jüdische Werkstätten in Anspruch. In London haben die jüdischen Arbeitsgeber, die oft sehr reich sind, nngehenere Werkstätten eröffnet, iu Paris sind ihre Hilfsguellen viel geringer. Man arbeitet in kleinen, allett Vorschriften der Hygiene hohnsprechenden Gelassen. Sieben, acht, ja zehn Arbeiter sind in einem Raume zusammengepresst, in dem eine furchtbare Atmosphäre herrscht und der oft gleichzeitig als Wohugemach dient. Die Eltern und Kinder schlafen zusammen auf elenden Strohschütten oder halb verfaulten Matratzen. Die Nahrung besteht fast ausschließlich in einer Suppe aus Maisgries, geräucherte Häringe bilden die einzige Abwechslung; von Getränken allenfalls Thee. Dieses Elend hindert sie indess nicht, sich für wissenschaftliche Studien zu iuteressiren und die Kinder in die Schule zu schicken. Gewisse Schulen sind fast ausschließlich von jüdischen Kindern besucht. 3nr Geschichte der Milchen Tradition. Von Lektor I. H. Weist. Frei aus dem Hebräischen bearbeitet von Dr. I. Kahan. (Fortsetzung.) Eine besondere Art des Gelübdes bildete dasjenige des Nasirats. Der Nasir durfte nach der Thora keinen Wein trinken, sein Haar nicht scheeren und mit keinem Todten in Berührung kommen. Diele Beschränkungen musste man sich selb st durch ein Gelübde auferlegen (IV. M. 6, 2). Dagegen finden wir, dass Sims on schon vom Mutterleibe aus, auf Befehl eines Engels, ein Nasir sein musste. Freilich soll man von Wundererzählnngen keine Schlüsse ziehen. Aber Eines scheint daraus hervorzugehen, dass man in jener Zeit schon das Kind dem Nasirate zu weihen pflegte. Aehnliches finden wir ja bei Samuel, welchen seine Mutter nicht auf Befehl Gottes, sondern aus eigenem Antriebe Gott geweiht hat. Trotzdem haben beide, Simfon und Samuel, die Berührung eines Todten nicht gemieden. Wir sehen also auch hier,

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