Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 9 (6.2.1899)
- Date
- 1899-02-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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„Beilage: Gesterreichisch-urrgarische Lantoren-Zeitung." Nr. 9. Seite "4. in's Gewicht fällt, so dass fast ausschließlich der Probevortrag in der Synagoge bei der Acceptirung respective Anstellung ausschlaggebend ist. Ob dieser Prüfuugsmodus überall und stets der richtigeist, soll hier unerörtert bleiben; thatsächlich besteht er aber und muß ihm Rechnung getragen werden. Darum ist es nothwendig. dass aus die Pstege unseres gottesdienstlichen Cultus schon bei den Eleven größere Rücksicht genommen werden muß, wenn späterhin gute Früchte gezeitigt werden sollen. Geschieht es aber nicht, so haben wir auch hierin einen wunden Fleck zu bezeichnen, der dem Zuwachs der Jünger einer gedeihlichen Entwicklung des Cantorats nicht förderlich sein kann. Wie bisher offen dargelegt wurde, was in verschiedener Art dem Aufblühen des Cautorats hinderlich ist, so dürfen wir ebensowenig das Auge verschließen, wenn wir unser eigenes Lager betrachten. Hier sieht es durchaus nicht erfreulich aus. Von widerlichen Reptilien unterwühlt, finden wir viele Zelte unseres eigenen Lagers angefressen und morsch, dem Zusammenbruche nahe. Es mag wohl erklärlich sein, dass durch die geschilderten Missstände die besseren Elemente in unserem Kreise immer weniger werden, aber es ist jedenfalls höchst bedauerlich. Wo sind unsere Altvordern, denen wir noch in das geliebte, treue Antlitz schauen konnten? Wo sind die guten, opferfreudigen Seelen, die zum Mindesten noch einen inneren Zusammenhaltpflegten? Die den Collegen mit den Worten begrüßten: „Sei mir willkommen, mein lieber Amtsbruder; wo und wie kann ich Dir dienen, nützen und Helsen?" Die in vornehmer Weise unseren Stand hegten und zu Ehreu brachten? Sie find dahin! Statt ihrer gähnt uns Neid. Hass, Tücke, Groll, Geistes¬ und Wissensarmuth grinsend entgegen. Einer gönnt dem Andern das Auge nicht im Kopfe, nicht die Luft, die er schnappt. Statt in Bescheidenheit und Hochherzigkeit zu wandeln, traben Großmannssucht und Herzlosigkeit einher. So im Allgemeinen die Regel; die Guten, Braven, Edlen, Klugen und Tüchtigen unter uns bilden die Ausnahme. Wann werden sich auch diese offenen Wunden schließen, auf dass die letztgenannte Gattung in unserem Berufe sich mehre? Vor Allem fehlen uns das nöthige Standesbewusstsein und die echte Collegialität. Ferner muß dafür Sorge getragen werden, dass der leidige Jndifferentismus der Collegen nicht weiter um sich greife, welcher schließlich eine allgemeine Versumpfung nach sich ziehen würde. Was nützen uns alle unsere Vereine, die, wenn sie bestenfalls prosperiren sollen, doch von Laien-Elementen, aber nicht von uns selbst dirigirt und verwaltet werden können? Wir kommen nun zum Facit unserer Betrachtungen und beantworten in gedrängter Form die Frage: „Wie kann dem Mangel an geeigneten, guten Cantoreu gesteuert, und wie können bessere Zustände des Cantorats herbeigeführt werden? In folgender Weise: 1. Rabbiner und Caickor sollen, soweit es den Cultus betrifft, vollständig coordinirt sein. Es soll zwischen beiden Functionären collegiales Entgegenkommen und Einvernehmen herrschen. 2. Der Vorstand soll diese Annäherung nach Möglichkeit unterstützen und contractlich sestlegen. 3. Die Gehälter aller israelitischen Lehrer und Cantoren sollen aufgebessert werden und diese nach Maßgabe der Verhältniße ihre definitive Anstellung erhalten. Diese Forderung gehört zu den vornehmsten, denn sie betrifft nicht nur unsere Lebensfrage, sondern sie soll uns auch von den sogenannten Nebeneinkünften, die immer geringer, dagegen stets bedeutend überschätzt werden, unabhänging machen. 4. Gegenseitige Achtung soll alle israelitischen Glaubensgenossen beseelen, wodurch letztere von selbst dahin gelangen werden, jedem Israeliten, je nach Amt, Würde und Bildungsgrad, unbedingte Hochachtung. Ehrerbietung und Werthschätznng zu zollen. Dass auch wir hierdurch die Achtung und Werthschätzung unserer nicht-israelitischen Mitbürger gewinnen und mit der Zeit den Antisemitismus entwaffnen, bedarf keiner weiteren Erörterung. 5. Bei Wahlen zu Cultusvorständen sollen vor Allem tüchtige, brave, unparteiische Männer, die das Herz auf dem rechten Feck haben, in's Auge gefasst werden. Reiche Geizhälse, Streber und Ungebildete sollten niemals in Betracht kommen. 6. Sollen, die jüdischen Lehrerseminare dem Studium des Cantorats eine größere Aufmerksamkeit und Sorgfalt znwenden. 7. Sollen alle Lehrer und Cantoren von einem freundschaftlichen, collegialen Geiste beseelt sein. Neid, Hass und Dünkel sollen nicht aufkommen und unlautere Elemente nicht geduldet werden. Vornehmes Auftreten, Biederkeit, edle Gesinnung, strengste Pflichttreue, vorzügliches, dem Amte entsprechendes Betragen, Fleiß und Regsamkeit, das seien unsere Merkmale. Nur ehrlicher, lauterer Wettbewerb ohne jedwede Schädigung eines unserer Collegen sei gestattet. Kein Hochmuth unserer Großen, sondern liebevolles Entgegenkommen ihrerseits soll stattfinden. Hochachtung und Ehrerbietung vor dem Wissen, Können und der Bildung unserer Alten, bescheidenes Vorwärtsstreben der jüngeren Kräfte, sei unser Kennzeichen. Periodische Zusammenkünfte der Collegen in Kreisen, Provinzen und Ländern, behufs persönlicher Annäherung und gegenseitigen Austausches sind besonders empfehlenswerth. Sie sollen ebensogut stattfinden, wie die Rabbinerversammlungen und die Veranstaltung derselben von den Gemeindevorständen möglichst unterstützt werden. Verschiedene Nachrichten. Der älteste Mann von Wien gestorben. Am 27. Februar Abends um halb II Uhr ist der älteste Mann von Wien, Herr L. M Kohn, im Hause der israelitischen Cultusgemcinde, Währing, Schopenhauergasse Nr. 39, gestorben. Kohn feierte am 20. Jänner d. I. seinen 112. Geburtstag. Er ist im Jahre 1787 in Frauenkirchen im Wieselburger Comitate geboren. Die israelitische Cultusgemcinde hat ihm ein Freiquartier und monatlich eine kleine Pfründe zur Verfügung gestellt. Kohn erkrankte vor acht Tagen an einem Lungenleiden, welches ihn am 27. Februar hinwegraffte Er hinterließ ein Testament, in welchem er seine 76jährige Frau zur Erbin seiner kleinen Habe einsetzte. Im December hat Kohn das letzte Mal das Zimmer verlassen. Boslrotvitz. (Hohes Alter.) Vor einigen Tagen feierte die Lchrersgattin A. Holländer in voller geistiger Frische ihren 95. Geburtstag. Gödöllö. Die Gödöllöer isr. Jugend veranstaltet am 5. März zu Gunsten des Fonds des hier zu errichtenden Königin-Elisabcth-Denkmals im „Hotel Königin Elisabeth" eine geschlossene Tanzunterhaltung. Die Besucher dieser Soiree werden sich unter Anderen auch aus hauptstädtischen Gästen, die den Sommer gewöhnlich in Gödöllö zubringen, rekrutiren. Budapest. In der Landesirrenanstalt nn Leopoldifeldc wurde vorige Woche der Obercantor der israelitischen Cultusgemcinde in Baja, Heinrich Winternitz untergebracht. Der hochverdiente, seit zwanzig Jahren bei der Gemeinde wirkende Mann wurde vor längerer Zeit von der fixen Idee befallen, dass die Juden nicht genug gottesfürchtig find, und dass der König berufen sei, die Frömmigkeit der Juden zu fördern.