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Die Wahrheit · 1899-02-06 · Heft 9 (6.2.1899) · page 15

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 9 (6.2.1899)
Date
1899-02-06
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 9. Die Wahrheit. Seite 15. Er wollte stets nach Wien reisen, um eine Audienz beim König zn erwirken. Einmal hatte er sich zu diesem Zwecke wirklich auf deu Weg nach Wien gemacht, doch gelang es seinen Angehörigen, den Geisteskranken in Szabadka einzuholen und nach Baja zurückzubringen. Vor einigen Tagen verschlimmerte stch aber der Zustand Winternitz' in so besorgniserregender Weise, dass sich seine Ueberführung nach Budapest in die Landes-Jrrenanstalt im Leopoldifelde als nothwendig erwies. Zürn Umbau der königl. ung. Bofburg in Budapest. Aus Anlass des Umbaues der königl. ung. Hofburg in Budapest wurde auch für die St. Siegmunds Hofburgcapelle eine neue Orgel erforderlich. Mit der Ausführung dieses hervorragenden Orgelwerkes wurde die Filiale der k. u. k. Hoforgelfabrik Gebrüder Rüger (Jägerndorf) in Budapest betraut. Es ist dieses die 700. Orgel, welche aus diesem Knnstetablisiement hervorgehen wird. Versöhnung. ... von Bernhard Loewenlhal. ,.Wie soll's ihm gehen, hat er doch keine Sorgen, er schlachtet die Ganse und singt seine Negunim, und wenn er die Gänse schlachtet, werden sie koscher, so wie ich aber ein Stück Vieh habe, was 2^ Centner wiegt, bist Du sicher, d§ss es treife wird. Nu, was soll man reden?" Die beiden Männer waren in die Jägerstraße eingebogen. An der Ecke der Mauerstraße blieben sie stehen. Josua wollte zu Dr. Breitling fahren und wartete aus die Bahn. Als der Wagen kam, reichte er Baruch die Hand. „Grüßen Sie alle, Herr Baruch, nächstens werde ich schreiben", damit sprang er auf das Trittbrett und war bald den Blicken des Zurückgebliebenen entschwunden. Baruch schaute spöttisch dem Wagen nach. „Auch solch' ein „Leidiggeier", der nicht Lust hat, was zu ttjun", murmelte er, „ein scheener Jung'! Heut' am Schabbes fährt er mit der Bahn, totschlagen möcht ich ihn, wenn er mein Kind wäre!" Der gute Baruch hatte wirklich vergessen, dass heute Sonntag und nicht Schabbes . war. Der Irrtum war ihm aber nicht übel zu nehmen, denn er ging weder am Schabbes noch am anderen Tage in den Tempel. Nun, was lag daran, er hatte doch wohlgerathene Kinder. Sein ältester Junge war gar ein Prachtexemplar an Frömmigkeit, d. h. solange er auf den Dörfern als Kaufmann conditionierte; als er jedoch später nach einer größeren Stadt kam, wurde ihm der Glauben unbequem, und sein Erstes war, seinen Gott und seine Tefillin beiseite zn werfen. Allerdings erfuhr Baruch nichts von der rühmlichen Metamorphose seines Sprößlings, sonst hätte er ihn vielleicht wirklich halb todt geschlagen, denn das bekam er fertig. Kehren wir nun zu Josua zurück. Dieser war zu seinem Lehrer gefahren und ahnte nicht, wie freudig er heute überrascht werden sollte. Gleich bei seinem Eintritt eilte Dr. Breitling seinem Lieblingsschüler entgegen und rief ihm zu: „Ich hab's geschafft mein Freund, ich hab's geschafft, in einem halben Jahre singen Sie an der Oper!" Ueberwältigt von Freude küsste Josua seinem Gönner die Hand. Diese Mittheilung überstieg alle seine Erwartungen, das war mehr als Glück, das war die Vorsehung, die Bestimmung. Nun wollte er noch fleißiger arbeiten nnd schaffen und in einigen Jahren konnt^er dann schon setwas erreicht haben — Unzähligemale hob und ffenkte^sich der Vorhang in der großen Oper der Residenz. Unaufhörlich tönte der Beifall des entzückten Publikums durch das dichtbesetzte Haus. Einem neuen Gott, einem neuen Stern jubelte die kunstbegeisterte Schaar entgegen. Immer wieder und wieder musste der junge Künstler durch die kleine Oeffnuug des Vorhanges schlüpfen, um an die Rampe tretend, seinen Dank dem Publikum abzustatten. Sein Lächeln aber'war so müde, wenn er sich verbeugte, sein Blick so tieftraurig, schien von Thräuen umschleiert zu sein. Wenn er sang, wenn die Töne jubeld ans der Kehle emporstiegen, daun allerdings blitzte es auf in den schwarzen Angen, und dann begriff man den Jubel der Zuhörer. In einer der vorderen Logen saß die Gräfin Riemenau, eine junge, liebenswürdige Witwe, deren Salons nur der besten Gesellschaft geöffnet waren, und ihre Freundin, die schwärmerische, bildschöne Meta von Elstern. „Er ist göttlich!" sagte die Gräfin. „Er singt so innig, so gefühlvoll, ich habe den Eindruck der Wagner'schen Musik noch nie so tief empfunden. Doch denken Sie, teure Freundin, den Tannhäufer singt er mit einer schwarzen Perrücke!" „Verzeihen Siegütigst, Gräfin", warf Meta hier ein, „es ist keine Perrücke, was Sie gesehen haben, benutzen Sie nur das Glas, es sind seine eigenen Haare". „Nicht möglich!" rief die Riemenau erstaunt, fügte aber gleich hinzu, „und doch. Kleine, Sie mögen recht haben, zu den feurigen Augen nnd den feingeschnittenen Zügen, kann man sich nur solch' prächtiges rabenschwarzes Haar denken. Ich bin versucht, mich zu überzeugen, ob es echt ist. Wie denken Sie darüber? Sollte ich ihn —" „Zn ihren Abenden einladen?" Meta errötete, dann, sich mit ihrem Opernglas beschäftigend, rief sie lebhaft, „gewiss Gräfin, das ist eine famose Idee!" „Zinn ja", meinte die Rimenau, „und ich glaube er wird kommen. Finden Sie übrigens nicht, dass er den Typus eines Orientalen hat?" Die kleine Elstern konnte nicht mehr antworten, denn eben hob sich wieder der Vorhang, dafür aber beugte sich Lientenant v. Minden, der unbemerkt in die Loge getreten war, und die letzten Worte der Gräfin gehört hatte, zu dem Ohr derselben hinab und flüsterte fast nnhörbar: „Sie haben recht, gnädige Frau, er ist ein Orientale und zwar nur ein Jude". Die Worte waren ziemlich spöttisch von den Lippen des kleinen Lieutenants gekommen, die Gräfin aber, antwortete ihm nicht, sie lauschte wieder den herrlichen Tönen der überwältigenden Musik, und ihre Augen blickten sehnsuchtsvoll hinüber nach der Bühne; dem Sänger und seiner Kunst, beiden galt ihr heißer, verzehrender Blick. Als die Damen schon im Wagen saßen, sagte die kleine Elstern halb warnend, halb zagend: „Sie laden ihn wirklich ein Gräfin, hörten Sie, was Minden sagte?" Die Gräfin zog die Stirne kraus — „ist mir töut-egal, ich weiß es, er ist ein Jude!" Meta errötete vor Freude, ihr Herz bebte bei dem Gedanken. ihn wiederzusehen, mit ihm sprechen zu dürfen. Die Gräfin aber bemerkte nichts von der Erregung des Mädchens, die Freundschaft der Damen hätte sonst einen gewaltigen Riss bekommen. Der eiserne Vorhang wurde Herabgelaffen, und die letzten Besucher des Theaters hörten noch sein Grollen, als ob der alte „Feuersichere" sich ärgerte, dass man ihn nicht hatte theilnehmen lassen an den Huldigungen für den jungen Künstler. Dieser hatte in seiner Garderobe den Bühnenflitter abgeworfen und wollte eben das Theater verlassen. Er fühlte sich nicht glücklich. Der ersehnte Augenblick, da er in einer großen Partie sich dem Publikum hatte zeigen können, war vorüber, doch von der Wonne des Triumpfes war in seiner Brust nichts zurückgeblieben, als eine öde Leere, ein schaales Gefühl. Sollte das das ersehnte Glück, die erhoffte Befriedigung sein? Nein, nein, das war es nicht, das sicherlich nicht. Sein Herz klopfte so unruhig, seine Pulse bebten wie im Fieber. Was war ihm auch der frenetische' Jubel des Publikums, was konnte er ihm sein? Sie wussten ja nicht, was in seinem Herzen, in^seiner Seele vorgieng. Jetzt, da er sein vermeintliches Ziel erreicht hatte und die s Frucht einer jahrelangen Arbeit, einer Arbeit Thrünen, Heimweh und Herzkränknngen, genießen sollte, jetzt schien ihni diese Frucht trotz ihrer glänzenden Schaale und ihres saftigen Kernes doch herb und bitter. (Fortsetzung folgt).

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