Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-02-06 · Heft 9 (6.2.1899) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 9 (6.2.1899)
Date
1899-02-06
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062982--00151-3066638
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Orstrrr.-ungar. Cantorrn-ZritunA. Nr. g. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit. (9. Icchrg. Zum 25-jährigen Amtsjubiläum des Obercantors Berntzurd Jacobfohn in Leipzig Einer der achtnngswerthesten und intelligentesten Vertreter des jüdischen Cantorates, Herr Bernhard Jacobsohn, feierte Donnerstag, den 2. März den Tag, an welchem er vor 25 Jahren sein heiliges Amt angetreten, und wir erfüllen nur einen Akt dankbarer Anerkennung, wenn auch wir diesen Tag mit dem hochverehrten Jubilar als Festtag begehen. Obercantor Bernhard Jacobsohn ist am 12. Jänner 1846 in Wielatowo, einer kleinen Stadt der Provinz Posen, geboren. Er stammt aus einer Gelehrten-Familie. Der Großvater besaß die rabbinische Autorisation und war zugleich Cantor, zuletzt amtierte er 20 Jahre lang in diesem Doppelamte in Samotschin, Prov. Posen. Schon in frühester Jugend zeigte Jacobsohn musikalische und gesangliche Beanlagung, sang als Knabe die Soli in der Synagoge und lernte und übte fleißig das Biolinspiel. Daneben verriet er eine besondere Vorliebe zum Lehrberufe. Kaum 15 Jahre alt, übernahm er bereits eine Hauslehrerstelle und bereitete sich während dieser Zeit zum Eintritt in die jüdische Lehrerbildungsanstalt in Berlin vor. Neben den allgemeinen Disciplinen trieb er sehr fleißig Musik, und zwar Klavierspiel, Theorie, Biolinspiel und Gesang mit mehr als gewöhnlichem Erfolge. Seine Lehrer waren Prof. Lewandowski und Kammermusikus Ronneburger. Nach bestandener Lehrer- und Musiklehrerprüfung, Ostern 1867, übernahm er zunächst die Lehrer- und Chordirigentenstelle in Märkisch-Friedland und vertauschte dieselbe nach 2 Jahren mit einer Religionslehrer- und Cantorstelle in Magdeburg. Drei Jahre später wurde er als erster Cantor, Hanptlehrer und Prediger nach Dortmund berufen und wirkte daselbst bis Mitte Februar 1874. Seit 1. Mürz desselben Jahres ist er Cantor und Lehrer bei der Leipziger isr. Religionsgemeinde (Hauptgemeinde). Sein vorzüglicher Stil machte es ihm möglich, mit diesen Hauptämtern zugleich das Sekretariat des deutsch-israelit. Gemeindebundes, bis zur Verlegung seines Sitzes nach Berlin, mit Glanz versehen zu können. Die von ihm herausgegebene Erinnerungsschrift „Der deutsch-israelit. Gemeindebund" nach Ablauf des ersten Decenniums ist ein wertvoller Beitrag zur Geschichte dieses Bundes. Inzwischen arbeitete der Jubilar rüstig auf synagogalmnsikalischem Gebiete weiter. Die von ihm verfassten Werke sind: 1. „Beiträge zur Cultusfrage", 2. „Der israelil. Gemeindesang", 3. „Schire beth. Jakob" Schul- und Gemeindegesaugbuch, 4. „Vierstimmige Partitur zu demselben, im Manuscript vollendet", 5. „Biblische Frauengestalten, Charakterschilderungen für die reifere weibliche Jugend mit Illustrationen" (Oskar Leiner's Verlag, Leipzig). Schließlich ist er Mitarbeiter verschiedener größerer jüdischer Zeitungen, für welche er wertvolle Abhandlungen schreibt. Wie ans dem Voransgeschickten zu ersehen, übte Herr Jacobsvhn nicht die Gepflogenheit vieler jüdischer Cantoren, die in der Uebernahme einer Stellung zugleich den Geleitsbrief zum Ausruhen erblicken, sondern eine inhalt- und thatenreiche cantorale Wirksamkeit erscheint hier an der ersten aber bedeutungsvollsten Lebensetappe angelangt. Was der hochverehrte Herr College in didaktischer Beziehung als Cantorbildner für mittellose Candidaten geleistet, wie einmüthig er eine Reihe von Jahren mit seinem älteren Amtskollegen Liebling gewirkt und gelebt, das soll hier nur als persönliche Erinnerung eingeflochten sein. Herr Jacobsohn steht im kräftigsten Mannesalter und sicherlich ist ihm von der Vorsehung noch eine stattliche Jahresreihe einer frommen und idealen Wirksamkeit befchieden, und wie er sich durch sein rastloses und hochbedeutendes Streben bereits einen ansehnlichen Posten in der Ruhmeshalle jüdischer Cantoren errungen, so leben wir der sicheren Erwartung, dass er auch fürder als treuer Mitkümpe unserer heiligen Angelegenheit sein gewichtiges Wort der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten und noch viele ungezählte Jahre seinem Amte vorstehen wird. Hiezu entbieten wir ihm unsere Segeswünsche. Singer-Wien. Zur (Lcmtorenfrage. Bon einem deutschen Cantor. (Schlnss.- Gar manche bittere Pille hat derjenige zu schlucken, der das Brot eines jüdischen Amtes genießt, und namentlich daS in vielen Vorstandskreisen sich breitmachende Protzenthum macht ihm das Leben sauer. Dass die Cantoren und Lehrer unter all diesen Verhültuißeu 311 leiden und zu dulden haben, ist natürlich, und sie sind auch für talentirte Jünglinge nicht gerade verlockend, unserem Berufe sich zuzuwenden. Wer fände es somit nicht begreiflich, dass deutsche Eltern ihren Sohn, wenn er auch neben großen Stimmmitteln auch die erforderlichen hebräischen Vorkenntniße besitzen sollte, die cantorale Laufbahn nicht gerne betreten lassen? Soll der Sängerberuf erwählt werden, so geht man lieber zur Bühne. Selbst Cantoren ziehen es vor, dass ihre Söhne diesen nicht minder dornenvollen Weg deschreiten, und — das lässt doch tief blicken. Da die Vorbildung zum Cautorat in den meisten deutschen Lehrerseminaren keine sehr bedeutende Pflege stndet, so muß der Candidat, der sich für den cantoralen Beruf besonders eignet, seine ferneren Studien bei einem tüchtigen deutschen Cantor machen: ich halte hiervon viel mehr, als von dem Besuch sogenannter Cantorschulen*). von welcher Gattung bisher noch keine ordentliche in's Leben trat. Schon manchem jener jungen Lehrer hat Schreiber dieses auf die Beine geholfen und zur Erreichung einer angemessenen Stellung wirksame Hilfe geleistet. Es ist ja bekannt, und das sollten die Herren Seminardirectoren wohl berücksichtigen, dass die größte Zahl der israelitischen Lehrer, namentlich in kleineren Gemeinden, auch den Cantorendienst versehen muß und dass gerade letzterer bei einer Vacanz *) Es ist hier natürlich von den in Deutschland cxistirenden die Rede.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.