Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 9 (6.2.1899)
- Date
- 1899-02-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12. Die Wahrheit Nr. 9. der Seite des jüngst verstorbenen Herrn Hist, beide Ehrenmänner im edelsten Sinne des Wortes! Zlsbrugs, 26. Februar. Heute ist unser allverehrter Mitbürger, Herr Lazar S t u k h a r t, unter ungeheuerer Betheiligung der jüdischen und christlichen Bevölkerung zur ewigen Ruhe bestattet worden. Viele Gemeinden und Vereine, denen der Verblichene namhafte Spenden widmete — so der Chewra Kadischa in Waidhofen a. d. Thaya 200 fl. und erst kürzlich verschiedenen anderen Vereinen 800 fl. — beweinen in ihm ihren Wohltäter. Aber mehr als irgend einen Verein hat Herr Stukhart die Gemeinde Zlabings sich zu ewigem Dank verpflichtet, indem er mit Aufopferung von Geld und Gesundheit durch persönliche Spendensammlung den Bau eines prachtvollen Gotteshauses durchsetzte, welcher nunmehr seit drei Jahren als ein Denkmal religiöser Begeisterung unsere Stadt ziert. Daher hat nicht nur unser Cultusvorstchcr, Herr Dr. Hermann Bick, für eine imposante Leichenfeier Sorge getragen, sondern auch die Nachbargemeinden haben ihre Delegirten entsendet, um dem seltenen Mann die letzte Ehre zu erweisen. Unter Anderen erschienen auch die Vorsteher der Cultusgemeinde Waidhofen a. d. Thaya, die Herren Josef Pollak und M. Singer jun., ebenso aus Klattau, Neubistritz u. s. w. Cantor Fried! trug mit dem Chor die Trauergefange vor. Die Verdienste des Verblichenen feierten in dem von ihm erbauten Tempel die Rabbiner Dr. Frankl aus Piesling und Dr. Wolf aus Klattau in sehr beredten Worten. Möge diese Kundgebung allgemeiner Verehrung den tiefgebeugten Hinterbliebenen zum Tröste und zur Beruhigung gereichen! Marienbad. Dienstag, den 28. d. M. fand unter überaus zahlreicher Betheiligung aller Kreise der hiesigen Stadt das Leichenbegänis der Frau Babette Baruch, geb. Beck, Mutter des bekannten Hoteliers und IL Cultusvorstehers Herrn Emil Baruch, statt. ' Im Trauerhause erschien der Gesammtvorstand der Cultusgemeinde mit dem Präses Herrn Dr. M. Lang an der Spitze. Die Verblichene hatte sich durch ihren seltenen Wohlthätigkeitssinn und ihre Herzensgüte in der hiesigen Gemeinde einen guten Namen erworben und betrauern daher viele Arme das Hinscheiden dieser biederen Frau. Die Trauerceremonicn verrichteten in ergreifender Weise Rabbiner Dr. Goldberger und Cantor Goldenberg mit dem Chore. Prag. Am 27. Februar verschied hier der Kaufmann und Hausbesitzer Herr Moses Lasch. Der Verblichene genoss in kaufmännischen Kreisen allgemeine Werthschätzung; er war Mitstifter und Begründer des Vereines Ez Hadaath. Das Leichenbegängnis fand am 1. März um 21/2 Uhr Nachmittags vom israelitischen Badhofe aus statt. Budapest. Mittwoch, den 22. Februar wurde unter großer Betheiligung der Kaufmannswelt, der Journalisten und Zeitungs- Administrationsbeamten der Chef der Administrationdes „Pester Ltoyd", Herr Wolfgang Dubsky, zu Grabegetragen. Die Trauerceremonie vollzogen Obercantor Lazarus und Rabbiner Dr. Julius W e i ß b e r g, der dem Verblichenen einen schwungvollen Nachruf widmete. Zahlreiche Kränze bedeckten den Sarg. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben. Von Moritz Srtzerbet. (Nachdruck verboten.) (7. Fortsetzung.) Was die Vergangenheit uns gebracht, wissen wir — Sie und ich. — Allein was die Zukunft noch schaffen kann, wer vermag es zu ergründen!" Und sich wieder an Esther wendend, fragte sie fast befehlend: „Was hat's bei Euch gegeben?" „Von Alexander haben wir eine Nachricht erhalten, die wohl geeignet ist, uns in Angst und Schrecken zu setzen. Die Polizei hat von uns Auskunft über seinen jetzigen Aufenthaltsort verlangt." „Die Polizei?" fuhr Derobah mit heftigem Erschrecken auf. „Was hat die Polizei mit ihm, was will sie von ihm, was kann sie von ihm wollen? Ist er denn nicht mehr in Dorpat, dass sie hier nach ihm sucht?" „Er ist schon seit Monaten nicht mehr dort. Wir bekamen zu unserer Verwunderung in letzter Zeit von ihm Nachrichten aus Petersburg, dann aus Gomel und endlich aus Minsk. Seit vierzehn Tagen sind wir ganz ohne Mittheilung von ihm. Der Gram hierüber hat schon theilweise meine Gesundheit untergraben, und die jetzige Nachfrage der Polizei ist geeignet, milden Tod zu bringen." Deborah hörte dieses Alles mit den Anzeichen tiefer Niedergeschlagenheit an. Sie hatte einen Theil der Zärtlichkeit, die sie für ihre Nichte bewahrte, aus ihren ältesten Sohn Alexander übertragen, und wie Vieles auch dieser von seinem gottlosen Vater an sich hatte, so besaß er doch ein treffliches Gemüth und hatte ihr, der Muhme Dore, wie auch er sie nannte, stets große Achtung und Verehrung bewiesen. „Die Polizei?" — wiederholte die Greisin — „ein schlimmes Ding, mit der Polizei es zu thun zu haben. Sollte er sich irgend Etwas haben zu Schulden kommen lassen? Das hätte ich von Alexander niemals geglaubt!" „Dummheiten!" sagte Wandelowicz. „Alexander wird nichts Unrechtes begehen, dafür kenne ich ihn, er ist mein Kind!" Als ob er gar nicht gesprochen hätte, ignorirte ihn Deborah vollständig, und zu Esther sich wendend, sprach sie: „Du hast mir früher nichts davon gesagt, dass er von Dorpat fort sei. Das war Unrecht von Dir, ich hätte die Sache von vornherein viel ernster genommen und nicht gewartet, bis sich die Polizei darein mischt." „Es war der Wille meines Mannes, dass die Sache vorerst noch unter uns bleibe." „Und jetzt?" — fragte Deborah. „Wenn ich nicht so sehr an das Haus gefesselt wäre, würde ich mich nach Gomel begeben, da ja dort Aronsohn wohnt, der mir vielleicht behilflich sein kann, den jetzigen Aufenthaltsort Alexanders ausfindig zu machen; allein gegenwärtig bin ich hier unentbehrlich" — sagte Wandelowicz. In diesem Augenblick trat das Dienstmädchen ein und meldete: „Herr Plock ist draußen und wünscht den Herrn dringend zu sprechen." „So geht es in einem fort — ich kann mich nicht aus der Stadt rühren" sprach jener verdrießlich und verließ das Zinuner. Die beiden Franen waren allein. Sie beriethen hin und her, was zu thun sei. „Grüble nicht zu viel nach, Estherchen, schließlich wird man doch wohl erfahren können, wo der Junge ist. Ich habe stets den Grundsatz bewahrt: „Wo die Sorge nicht hilft, da lass sie fahren." Das sagte sie nur, um Esther zu beruhigen; allein innerlich war sie sehr bekümmert und besorgt. Sie hatte die Hand der Nichte ergriffen und richtete einen Blick tiefer Zärtlichkeit aus diejenige, die noch immer ihr ganzes Herz erfüllte. Eben war Deborah im Begriffe, von ihrer Nichte Abschied zu nehmen, als die Thür sich öffnete und Wandelowicz in heftiger Erregung zurückkehrte. Sein Gesicht war blässer als je, die Lippen fest zusammengepresst, der Blick unstät und unruhig, während seine Rechte, wie um einen schrecklichen Gedanken zu verscheuchen, über die finster zusammengezogene Stirn hinfuhr. Einige Augenblicke des Schweigens — dann sprach er erregt: „Die Sache mit Alexander erscheint mir immer bedenklicher. Plock, der eben hier war, machte mir die Mittheilung, dass in Minsk, von wo er eben ein Schreiben erhalten, Gerüchte im Umlauf seien, dass ein gewisser Wandelowicz aus Mitau —" Er blickte auf Deborah und hielt inne. „Weiter, weiter!" — rief Esther in fieberhafter Erregung. „Ich kann es Dir jetzt nicht sagen." „Sie scheuen meine Gegenwart, aber Sie sollen im nächsten Augenblicke von ihr befreit sein. Dann können Sie Ihre Hiobspost ungestört auf das kranke Haupt Ihrer Frau niederschmettern." Deborah nickte Esther zu und verließ das Zimmer. Vergebens wartete diese in den nächsten Tagen auf die Muhme Dore. Als sie zu ihr hinschickte, fand man ihre Wohnung fest verschlossen. Niemand wusste etwas von ihr, sie war aus der Gemeinde verschwunden. (Forts, folgt.)