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Die Wahrheit · 1899-02-06 · Heft 9 (6.2.1899) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 9 (6.2.1899)
Date
1899-02-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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i .’ 5t 1> dass wenn der närrische Kalmann immer noch so müßig hernmlaufe, Amerika wohl der richtige Platz für ihn wäre, um ihn von seiner Windbeutelei zu kuriren, denn da heiße es nicht dicke thun und das Maul voll nehmen, sondern arbeiten! Er selbst, das verwöhnte Muttersöhnchen bemittelter Eltern, hatte zu Hause nie den Werth der Arbeit gekannt, im Sommer verbrachte er den ganzen lieben Tag mit der Angelruthe zu Boote aus der Düna, im Winter lief er Schlittschuhe und spielte Billard. Aber in New-I ork hieß es: wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, und er, der Sohn achtbarer jüdischer Eltern der vornehmen Kurländer Familie Feitelsohn, musste das Zuschneiden erlernen, um nicht zu verhungern! Und er hatte es rasch und gründlich erlernt, denn stark war er und groß und strotzte von Gesundheit. Er war 21 Jahre alt, als er die Stelle eines Zuschneiders mit 20 Dollars wöchentlich antrat. Bald darauf erhielt er eine Zulage von fünf und nach einem Jahre von weiteren fünf Dollars. Er hatte sich dann schon mit einer schönen Landsmännin verlobt, die er auf dem Picknick „Kurländischer junger Männer" kennen gelernt hatte. Aber praktisch wie ein Amerikaner, erkundigte er sich bei ihrem Bruder nach der Mitgift und es wurden ihm fünfhundert Dollars zugesagt. Damit wollte er sich einen kleinen Shop anlegen und Fabrikant werden. Bei der Gelegenheit eben hatte er an seinen Cousin Kalmann gedacht, den er aus seine Kosten kommen lassen wollte, um ihn zum Operateur aus der Nähmaschine auszubilden. „Den Schiller werde ich ihm schon heraus«rommeln", hatte er gedacht, „und viel Lohn brauche ihm ja nicht zu zahlen, denn den Werth des Geldes hat er doch nie gekannt." Aber im Rechnen und Planen war der Schwager „ihm über!" Statt der fünfhundert, gab er ihm am Hochzeitstag nur hundert irr cash und vierhundert in einer Note zahlbar in vier Monaten.! Der schlaue Eigenthümer eines Sweat-Shops hatte ohnehin schon die Einstellungen der Zahlungen geplant und verschrieb nach der Hochzeit Alles auf den Namen seines Bruders, eines Kleiderhändlers in Hefter Street. Aus Aerger darüber, dass er von einem Schneider so behumbugt worden war, fing Simon an Poker zu spielen und hatte bald die hundert Dollars und den größten Theil seiner Ersparniße verloren. Dann kam ein Strike und er war monatelang ohne Stellung geblieben. Der frühere Boß wollte ihn nicht wieder anstellen. Er musste sich darum mit geringerem Lohne begnügen und von der Leidenschaft des Kartenspiels konnte er sich nicht mehr befreien. Bei Empfang des Schreibens von Kalmann wohnte er mit seiner kränklichen Frau und zwei Kindern in einem elenden Tenementhause in Brownsville und war weder in der Stimmung noch in der Lage, den Wunsch seines zweiten Cousins zu erfüllen. Aber Kalmann Feitelsohn war nicht der Mann, sich durch das verletzende Stillschweigen seines Jugendfreundes abschrecken zu lassen, wenn er einmal den Entschluss gefasst hatte nach Amerika auszuwandern. Außerdem musste er ja fort. Nicht nur wegen der Russen, sondern noch aus einem andern wichtigen Grunde, und das verhielt sich folgendermaßen: Kalmann war dem Rabbiner des Städtchens und den Gemeindeältesten und namentlich auch dem reichen Landkrämer Rafael Büffelochs durch sein loses Maul, durch seine Freigeisterei und seine faulen Witze schon längst zum Greuel geworden. Er war ja sonst ein ganz ehrlicher Kerl, aber, wo es galt, einen Witz zu machen, da war ihm Nichts heilig. Er war darin unberechenbar. Manchmal schien er so unschuldig und harmlos und so sanft wie ein Lamm und erheiterte mit seinen Citaten aus seinem Schiller und den Sprüchen der jüdischen Weisen, die er, man wusste gar nicht, woher, alle auswendig kannte; aber plötzlich war der Satan in ihn gefahren, er wurde dann grob und andachtslos und konnte oft Dinge sagen, dass den Hörern die Haare zu Berge standen. Kalmann hatte schon als kleines Kind seine Eltern verloren. Sein Vater, der Klempner- und Glasermeister Wolf Feitelsohn, war bei der Arbeit vom Kirchthurme herabgestürzt' und starb zwei Tage darauf an den Folgen seiner Verletzungen. Ein Jahr darauf starb die Mutter an einem Nervenfieber, und der dreijährige^Kalmann kam dann in's Hans-feines siebzigjährigen Großvaters, der am Tage das Amt eines Syuagogendieners versah und in der Nacht Schnupftabak mahlte, so dass er gar keine Zeit übrig hatte, sich um den Enkel viel zu bekümmern. Mit vier Jahren hatte er beim langen Israel hebräisch lesen und schreiben gelernt, aber mit seinem sechsten Jahre konnte es der alte Lehrer nicht mehr mit ihm aushalten, denn er verblüffte ihn mit seinen einfältigen, gotteslästerlichen Fragen und närrischen Schrullen, so dass er ihn fortjagen musste. Der Großvater nahm ihn zwar immer in die Synagoge mit, aber schon auf der Schwelle derselben entschlüpfte er ihm und spielte mit den deutschen und lettischen Schulknaben auf dem Markt- Platze. ______ (Schluss folgt). Vereinsbote. Wien. Die „Oest.-isr. Union" hatte am Eingang des Purim-Festes im Prachtsaale des Hotel Central eine Vereinsversammlung, welcher ein zahlreiches Auditorium anwohnte. Da Präses Anninger und Herr Meyer aus Gesundheitsrücksichten im Süden weilen, begrüßte Herr B. Kanitz in humorvoller Weise die Erschienenen und ertheilte Herrn Nedacteur S. Fleischer das Wort zum Vortrage: „Die Austreibung der Juden aus Wien im Jahre 1670/' Redner hielt sich zumeist an Prof. Dr. Dav. Kaufmannes Werk, das er zur eingehenden Lectüre empfahl. Nach ihm erfreute Nccitator Rafael Faelberg durch Vortrag von Gedichten vonHartmann, Heine und einer empfindungsvollen Novelle von Kompert. Beide Vortragende erhielten den verdienten Applaus. Da die Zeit schon zu vorgerückt war, musste von Besprechung politischer Fragen Umgang genommen werden. Wien. (Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien). Sonntag. den 5. März a. c. präcise 7 Uhr abends, findet im großen Festsaale des nied.-öst. Gewerbevereines I., Eschenbachgasse eine Plenar-Versammlung mit folgender Tagesordnung statt: 1. Vortrag unseres Mitgliedes Hof-und Gerichts-Advocaten Herrn Dr. Heinrich Sieger, „Aus dem Gerichtssaale"; 2. Vortrag des Herrn Oscar Ender, k. k. Rechnungsrath im k. k. Finanzministerium, „Bilder aus Japan" mit Vorführung von colorirten Sciopticon-Bildern, die in Lebensgröße die Völkergruppen, Bauten, die Thier- und Pflanzenwelt Japans in 80 bis 100 Variationen darstellen. Damen und Gäste willkommen. Wien. In einer zahlreich besuchten Versammlung des „Bürgervereines Landstraße" sprach am 27. v. M. der Vicepräsident der Wiener Cultusgemeinde, Gemeinderath Dr. Stern über „christlich-sociale Gcmcindewirthschaft". In wirkungsvoller Weise kcnnzcichnete der Redner die jüngste Gewaltmaßregel des Stadtrathes, die Ausweisung des Berichterstatters der „Neuen Freien Presse", die alle Merkmale eines nicht nur brutalen und gewaltthätigen, sondern auch gesetzwidrigen Vorgehens zeige, da hiedurch das Recht der Oesfentlichkeit verletzt werde. Die Ausschließung sei aber auch eine Rechendummheit, da das Blatt sicher deshalb nicht seine Haltung ändern werde. Das „Wiener Tagblatt", das bereits vor zwei Jahren ausgeschlossen worden, sei trotzdem nicht in seiner bisherigen Berichterstattung behindert gewesen. Durch Gewaltacte gegen die Gegner beweist man nur, dass man nichts weiter kann, man ist bestrebt, die Mißerfolge nicht der eigenen Schuld, sondern Jenen beizumefsen, die diese Mißerfolge aufgedeckt haben. Wien. Vor uns liegt der 25. Jahres-Bericht des Frauen-Wohlthätigkeits-Vcreines „Providentia". Nach demselben betragen die Einnahmen 7727 fl., darunter 1683 fl. als Ertrag der Mark-Twain-Vorlesung, unter den Ausgaben figuriren 552 fl. für alte, erwerbsunfähige Witwen mit Jahrespensionen a 24 fl., 2781 fl. an Wöchnerinnen und kranke Frauen, 495 fl. an Brennmaterial, und das gesammte Baarvermögen beläuft sich auf 1711 fl. Der Verein appellirt an die Herzensgüte der Gönner und Mitglieder, um bald ein Wöchnerinncnheim creiren zu können. Einstweilen wird um gütige Zuwendung von Wäsche

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