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Die Wahrheit · 1899-02-06 · Heft 9 (6.2.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 9 (6.2.1899)
Date
1899-02-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 9. Die Wahrheit. Seit-' 9. Judenstadt ein Feuer aus, das 78 Gebäude verzehrte. Der fanatisirte Pöbel warf die armen Frauen in^s Feuer und plünderte die Judenhäuser. König Ferdinand, der die Juden hasste, bemühte sich bei seinem Bruder, dass er die Juden aus Böhmen austreibe, was im Jahre 156 t wirklich geschah. Der Adel und die königlichen Prinzen nahmen sich wohl der Juden an, sie wiesen darauf hin, welchen Schaden diese Ausweisungen in materieller und national-ökonomischer Hinsicht dem Lande Böhmen verursachen werden. Allein König Ferdinand hatte in einem Augenblicke des Missmuthes geschworen, die Juden auszutreiben, und dieses Eides konnte er sich doch nicht selbst entbinden, ohne als Meineidiger zu gelten. Papst Paul Caraffa war im Jahre 1559 gestorben und nach ihm kam Pius IV. auf den päpstlichen Stuhl. Im strengsten Winter reiste nun Mordechai Meisel, Mordechai Zemach den Verschon genannt, nach Rom und erhielt nach langem Bemühen die erbetene Audienz beim Papste, welcher den König Ferdinand seines Eides entband. Die Juden durften wieder nach Prag zurückkommeu, aber in der Prager Judengemeinde herrschte infolge der traurigen Verhältniße eine große Demoralisation, so dass die vermögenden und intelligenten Inden nicht mehr nach Prag zurückkehrten. Um in dieses Chaos Ordnung zn bringen, war ein edler, muthiger,untelligenter Mann nöthig, der guten Willen und Energie in sich vereinte. Dieser Mann war Mordechai Meisel, geboren 1528, der durch Fleiß und eifriges Streben ein großes Vermögen gesammelt hatte. Mittelst Majestütsbriefes Kaiser Rudolf II., in böhmischer Sprache, gegeben am Prager Schlosse am 14. April 1592 wurde Mordechai Meisel laut seiner Bitte gestattet, seine Käufe und Verkäufe in ehrlicher und rechtlicher Weise ungestört und unbehindert durchzuführen, hierin sollte ihn niemand stören dürfen, und den Prager Jndenältesten ward befohlen, darüber zu wachen. Am 22. December 1693 versicherte Rudolf II. durch Majestätsbrief in deutscher Sprache Meisel seiner besonderen Gnade, ihn, dessen Gattin und sein gesammtes Habe in besonderen Schutz und Gnade zu nehmen und über ihn die schützende Hand zu halten. Eine Klage gegen ihn kann nur direct bei Seiner Majestät dem Kaiser oder in Abwesenheit beim Statthalter eiugebracht werden. Ueber dieselbe sollten dann nach genauer, sorgfältiger Prüfung die höchsten Beamten des Landes entscheiden. Er erhielt gleichzeitig den Titel eines kaiserlichen Rathes. Sein großes Vermögen benützte Meisel für seine verfolgten Glaubensgenossen, und für die Prager Judengemeinde, deren Vorsteher er war, brachte er große Opfer. Er erbaute ein Kranken- und Armenhaus, auch ein Gotteshaus, das heilte noch seinen Namen trägt, die Meisel-Synagoge, und die Judenstadt ließ er auf seine Kosten neu pflastern. Da er kinderlos war, heiratete er jedes Jahr eine Anzahl jüdischer Waisenmädchen aus, gab ihnen Mitgift und Ansstatrnng. Um die damals desolaten Zustände, respective um die Juden geistig zu heben, gründete er Schulen und sorgte für Lehrer und Schüler. Sein Wohlthätigkeitssinn erstreckte sich aber nicht blos auf die Inden Prags, denn als im Jahre 1590 das Jndenviertel in Posen niederbrannte, spendete Meisel 10.000 Thaler zur Linderung der Noth der dortigen armen Juden, die ihr Hab und Gut verloren hatten. Er betrachtete sein großes Vermögen als Mittel zum Zwecke, Gutes zu stiften, zu helfen, wo er helfen konnte. Auch den Armen von Krakau, sowie denen des heiligen Landes widmete er größere Beträge. Dieser edle Mensch starb am 14. Mürz 1601, betrauert und beklagt von Allen, die ihn kannten, der Kaiser selbst ließ sich bei seinem Begräbniße vertreten. In seinem Testamente bestimmte er seine Neffen als Universalerben, doch wurde das Testament umgestoßen und das ganze große Velmögerr fiel der Hofkammer zu. Seine ihm völlig ebenbürtige Gattin folgte ihm im Jahre 1625 nach. Sein Andenken wird der Prager Jndengemeinde unvergessen bleiben. Von ihm kann es wahrlich heißen:! nzroS put "i3? Kalmann's Amerikafahrt. Humoreske aus Kurland. Von Hermann Rosenthal. Kalmann Feitelsohn gefiel es schon lange nicht mehr in Friedrich stadt! — Deshalb schrieb er an seinen zweiten Cousin und einstigen Spielkameraden, Simon Feitelsohn in New-Aork, dass er nun entschlossen sei, nach Amerika ausznwandern, wenn er ihm eine Fahrkarte, im Zwischendeck, von Hamburg oder Bremen nach New-Iork senden wolle. „Wenn schon — denn schon! — Du weißt, lieber Simon, dass ich eigentlich nicht viel von Amerika halte und wie es im Sprichwort heißt: „Bleibe im Kurland und nähre Dich redlich!" — Aber bei diesen schlechten Zeiten kann man sich überhaupt nicht mehr ernähren. — Es bleibt einem ja nichts weiter übrig, als sich entweder in die Düna zu stürzen, oder Stockrnsse zu werden, und da zieht Kalmann Feitelsohn schon eher das Dritte vor — und wandert nach Amerika aus! — Unser großer Lessing hat gesagt: Kein Mensch muß müssen! aber unser großer Schiller ist dann gekommen und hat gesagt: Der Mensch muß hinaus. Und ich halte es mit unserem großen Schiller! Und wie sagt der Lette: Es ist Alles Nieckes*). Zwar haben das die alten Juden auch schon gesagt, aber im Lettischen klingt es doch viel schöner. Ach, wenn ich daran denke, dass man bei Euch drüben unsere lettische Sprache gar nicht versteht und dass meine schönen lettischen Witze dabei verloren gehen müssen, da wird mir wahrhaftig recht traurig zu Mnthe! Aber Russe werden — Pfui! Das riecht mir zu sehr nach Weihrauch und nach Theer und nach Fastenöl! — Also schicke mir die Passage und da könnt Ihr mich haben. Wie sich die Friedrichstädter in Amerika doch freuen werden, ihren Kalmann doch wiederzusehen! — Grüße unbekannterweise Deine werthe Frau Gemahlin und Kinderchen von Deinem ewig treuen Kalmann. P. 8. Die Stadt würdest Du gar nicht mehr wiedererkennen. Die reine Zerstörung Troja's! Am Marktplatz ist Alles abgebrannt und wo das Rathhaus stand, haben sie eine russische Kirche hingebaut. Und wo des dicken Chatzkols Haus gestanden hat, da wohnt der russische Pope. Secretär Gutzeit ist jetzt Kameralrath und ist nach Mitau gezogen. Elias Kahn ist verrückt geworden und wohnt sehr zurückgezogen und auf hohem Fuße, nämlich in der Irrenanstalt auf Wilhelmshöhe bei Riga. Der ist besorgt und aufgehoben! Leopold Feldhuhn und Lasar Gittelsohu sind nach Moskau. Die Schneider und Schuster sind alle nach Amerika ausgewandert. Pastor Fiedler ist gestorben, und der Rabbiner lebt noch, aber w i e? Die Gemeinde i ft nicht mehr ein Fünftel so groß. — Doch wie sagt mein Freund Kotzebue: Es kann ja nicht immer so bleiben, hier unter dem wechselnden Mond. — Wenn ich jetzt eine hohe obrigkeitliche Verordnung des Stadtmagistrats austrommle, so kommen sehr wenig Leute zusammen, sie wissen es schon vorher, dass es eine neue Russifiziruug ist, gegen unsere alten Privilegien. Pfui! „Das ist die Zeit der schweren Noth!" Und dieser Noth gehorchend, nicht dem eignen Trieb, wandre ich nach Amerika aus. Es ist nämlich noch ein Hauptgrund dafür vorhanden, aber davon erzähle ich Dir, wenn ich die schrecklichen Gefahren der großen Ozeanreise überstanden habe, Alles ausführlich in New-Hork. Also schicke die Billette sofort, denn ich muss noch vor den Feiertagen abreisen. N.B. Giebt es bei Euch auch Wafferkriegel und Doudag'- sche Butter? — Derselbe. Simon Feitelsohn hatte den Brief zwar richtig erhalten, dachte aber gar nicht daran, den Wunsch Kalmanns zu erfüllen. Er antwortete ihm nicht einmal. Die Zeiten hatten sich nämlich auch bei ihm bedeutend geändert. Damals vor fünf Jahren, zwei Jahre nach seiner Ankunft in New-Iork, hatte er in einem Briefe an seine Eltern wohl einmal beiläufig bemerkt, °) Dummheit.

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