Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 9 (6.2.1899)
- Date
- 1899-02-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit. Nr. 9. Die Juden im iM8/U-er Freiheitskampf.! Der 1848/49-cr Freiheitskampf wird in der Geschichte : Ungarns auf Jahrhunderte hinaus einen Markstein bilden, nicht nur als Grenzfcheide zwischen dem alten und dem neuen Un- : garn, nicht nur als Morgenröthe der den modernen Anfordc-! rungen entsprechend reorgauisirten und neubefestigten Verfassung, sondern auch als glänzende Bethätigung glühender, Wunder wirkender Vaterlandsliebe. An Gut und Blut hat damals die oerhältnißmäßig kleine Nation unglaublich große Opfer gebracht, und diese Opfer, mehr noch der Heldenmuth, mit welchem die kleinen Schaaren der Honveds sich in den Kampf gegen die übermächtigen Gegner gestürzt, haben Thaten zuwege gebracht, wie sie nur in der Heroenzeit der Griechen und Römer zu finden sind. Viele Bücher sind über den Freihcitskampf geschrieben worden, aber die Akten sind über ihn noch lange nicht geschlossen; immer wieder tauchen Erinnerungen auf, welche neue und ergreifende Episoden zu berichten wissen, Episoden, in welchen meist namenlose Helden mit der Tollkühnheit des das Aeußerste wagenden Patriotismus Wunder der Selbstaufopferung leisteten. Unter diesen namenlosen, oder wenig gekannten Helden befanden sich auch viele Juden, und es war ein dankbares, wenn auch schwieriges Thema, das sich der wackere Rabbiner von Steinamanger, Dr. Bela Bernstein, gewählt, als er in seinem Werke: „Az 1848-49-iki magyar szabadsagharcz es a zsidök" die Theilnahme der Juden au dem Freiheitskampse zu schildern unternahm. Die Aufgabe war deshalb eine sehr schwierige, weil dem Verfasser fast gar keine Daten zur Verfügung standen, weil er Hunderte Bücher und Akten zu durchstöbern, Hunderte Personen zu befragen hatte, um nur zu den dürftigsten Daten zu gelangen. Jahre lang hat er mit nicht rastendem Eifer das Material Zusammengetragen, und als er es beisammen hatte, verarbeitete er es zu einer gründlichen, abgerundeten historischen Darstellung, zu einem Buche, das dem Autor ebenso, wie der ungarischen israelitischen literarischen Gesellschaft, die es herausgegeben hat, zur höchsten Ehre gereicht. Or. Bernstein hat seine Aufgabe nicht von der leichten Seite genommen. Er hat sich gehütet, recht viele Phrasen zu machen und sich in Allgemeinheiten zu bewegen, in deren Rahmen alles Mögliche eingesügt werden kann; er führt vielmehr nur Daten, sehr viele, durch Dokumente, Zeugenaussagen rc. beglaubigte Daten an und lässt diese sprechen; freilich sprechen sie eine Sprache, wie sie beredter nicht gedacht werden kann. Eine passende Einleitung zu dem Werke bietet der erste Abschnitt, der die rechtliche Lage der Juden zu Anfang des Jahres 1848 in lichtvoller Weise schildert. Schon hier finden wir eine Fülle der interessantesten Details, die sich um den bekannten Kern: die kontemplirte, aber nicht durchgeführte Emanzipation grnppiren. Statt der erwarteten Gleichberechtigung brachte die aubrechende Freiheit Verfolgungen mancher Art in mehreren Gegenden des Landes, wo der Pöbel wegen jener neuen Rechte und Vorrechte der Juden exzedirte, welche diesen gar nicht verliehen wurden. Ja man ging hie und da noch weiter. Nicht nur dass man die israelitischen Mitbürger an Leben und Vermögen bedrohte, wollte man ihnen auch die Theilnahme an dem Selbstvertheidigungskampfe der Nation verwehren. Zur Ehre der Nation sei es gesagt: in dieser Hinsicht wurden nur vereinzelte Versuche gemacht; die überwältigende Mehrheit der ungarischen Nation nahm die sich ihnen anschließenden jüdischen Bürger mit Freuden in ihre Mitte auf. Und die Juden kämpften mit demselben Muthe, mit derselben Aufopferung, wie jene Magyaren, die ihren Stammbaum bis auf die Heerschaaren Arpad's zurückzuführen in der Lage sind. Der Verfasser weiß hievon eine riesige Menge von Fällen anzuführen, darunter solche von wahrhaft ergreifender Selbstlosigkeit und Opferfreudigieit. Auch sonst leisteten Juden dem ungarischen Heere große Dienste: als Schriftsteller, Acrzte, Lieferanten rc., meist unter "Gefährdung des eigenen Lebens und Vermögens. Einen ganzen -enggedruckten Bogen füllt die trockene Namenslistc der jüdischen Honveds — und wo sind die vielen Hunderte, deren Namen nicht zu ermitteln waren, die namenlos in den Kampf gezogen und den Heldentod gestorben sind? Nicht nur die Ungarn, auch die Oesterreicher wussten den aufopfernden Patriotismus der Juden zu würdigen. Denn als der Tag der Rache kain, waren es die Juden, denen die größten Strafen, die unerschwinglichsten Geldbußen auserlegt wurden. Und auch das bittere und — dürftige Brod der Emigration theilten die jüdischen mit den ungarischen Honveds. Die Liste der jüdischen Emigranten ist wirklich imposant, sowohl was die Onantität als was die geistige Qualität derselben betrifft. All dies und manches Andere, so namentlich die internen Angelegenheiten der Juden in jener bewegten Zeit schildert uns Dr. Bernstein in anschaulicher, durch die Fülle der angeführten Thatsachen imponirender, durch die Wärme des Tons fesselnder Darstellung. Es ist das ein ausgezeichnetes Buch, vermöge seiner strengen Wahrhaftigkeit und Gründlichkeit ein Qucllenwcrk der heimischen Geschichte und speziell des Freiheitskämpfers, ein Ehrenbuch der ungarischen Juden. Dem Autor gebührt für seine Leistung die Anerkennung, welcher Moriz Jokai im Vorworte so eloquenten Ausdruck verleiht, die „Izraelita magyar irodalmi tarsulat" aber, welche das Erscheinen des schonen Buches ermöglichte, ist des Dankes aller guten Patrioten sicher. Nebst dem Dr. Bernstein'schen Werk hat die genannte Gesellschaft auch Heuer ein Jahrbuch (Lvkönyv) veröffentlicht, welches, von Dr. Wilhelm Bacher und Dr. Joseph Banoczi mit bewährtem Geschick und Takte redigirt, eine Kollektion der werthvollsten und anziehendsten Beiträge von den namhaftesten ungarisch-jüdischen Schriftstellern enthält. Wir konstatiren mit Vergnügen, dass die Editionen der „I M. I. T." sich auf dem hohen Niveau, das sie von Anfang an eingenommen, nicht'nur behaupten, sondern sich in immer aufsteigender Linie bewegen. P. J. Nordechai Neisel. Von Rabbiner H Stein, Aadnitz. Die alte Prager Judengemeinde hatte im Laufe der Zeiten manch harte Prüfung zu bestehen. Im Jahre 1542 beschloß der böhmische Landtag, dass alle Inden ans Böhmen answandern müssen. In dem strengen Winter zu Ende des bezeichneten Jahres hatten nämlich Mordbrenner in vielen Städten und Dörfern Böhmens Feuer angelegt, wodurch diese in Schutt und Asche sielen. Dieses schändlichen Treibens wurden nun die Juden beschuldigt, und da viele derselben, gefänglich eingezogen, unter den schmerzhaften Qualen der Tortur sich zu Allem bekannten, was man von ihnen verlangte, wurde auch der barbarische Beschluss durchgeführt. König Ferdinand, Bruder Karl V., bestätigte diesen Landtagsbeschluss, und den Juden war der Auftrag ertheilt, innerhalb zweier Monate das Land zu verlassen. Da kam in aller Eile Josef Loans ben Gerson (RoSheim), ein Mann von 74 Jahren, den Kaiser Maximilian I. zum Vertreter und Sachwalter aller deutschen Juden ernannt hatte, nach Prag und bewarb sich um eine Audienz beim König Ferdinand. Bevor er diese jedoch erhalten hatte, war der Termin zur Auswanderung der Juden verstrichen, und in Prag hielten sich kaum mehr zehn jüdische Familien auf. Josef Loans fiel vor dem König zur Erde, umklammerte dessen Knie, weinte und bat, dass der König diesen harten Beschluss widerrufe. Wirklich wurde eine neue Untersuchung ungeordnet und die Schuldlosigkeit der armen Juden erwiesen. Der Beschluss wurde widerrufen, die Emigranten kehrten in ihre Heimat zurück und wieder wurde in Prag eine große Jndengemeinde begründet. Im Jahre 1556 starb Josef Loans, der edle Sachwalter und Beschützer der Juden, und den Judenfeinden war die Gelegenheit abermals günstig, in ihren Verfolgungen und Bedrückungen der Inden fortznfahren. Papst Paul Caraffa hatte 1559 Auftrag gegeben, in Prag alle hebräischen Bücher und Gebetbücher zu consisciren und etwa 80 Centner (alten Gewichtes) wurden nach Wien geführt, um hier untersucht und verbrannt zu werden. In demselben Jahre, den 22. Juni, brach in der