Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 9 (6.2.1899)
- Date
- 1899-02-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit. Nr. 9. dings wahr, dass zu dieser Zeit nicht die Thora, sondern meisteutheils heidnische Sitten und Gebräuche in Israel maßgebend waren. Aber trotzdem können wir aus zahlreichen Erzählungen entnehmen, w i e man damals manche Gesetze verstand, namentlich in Bezug auf den Gottesdienst und die Opfer. Schon frühzeitig ist die Frage aufgeworfen worden, wieso denn die Thora den Opferdienst überhaupt verordnen konnte, da ihn doch die Propheten gering geschätzt hätten? Aber seit uralter Zeit sahen die Menschen in den Opfern ein Mittel, Gott ihre Dankbarkeit und Unterwürfigkeit zu bezeugen, durch Opfer suchte man Gott zu versöhnen und sich geneigt zu machen. Auch die Israeliten in Aegypten waren ohne Zweifel an irgend einen derartigen Gottesdienst gewöhnt, obwohl nirgends gesagt ist, dass sie in Aegypten Opfer dargebracht hätten. Im Gegentheil sagt Moses zu Pharao: Würden uns die Aegypter nicht steinigen, wenn wir in ihrer Gegenwart opfern wollten? (2 M. 8, 22) Und trotzdem müssen wir annehmen, dass sie wie die Aegypter eine Art niedrigen Gottesdienstes hatten. Sagt doch die Thora ausdrücklich, die Israeliten sollten ihre Opfer in Gottes Heiligthum darbringeu, damit sie nicht m ehr ihre Opfer den bocksgestaltigenDämonen darbringen, denen sie nach gebuhlt haben. (3 M. 17, 7.) Hier ist also offen ausgesprochen, dass die Opfer keine neue Einrichtung waren. Neu war nur ihre Bestimmung und die Art ihrer Darbringung. Anstatt den Dämonen sollten Opfer nur Gott dargebracht werden, und zwar nur an einem von Gott gewählten Orte. Der Opferdienst sollte concentrirt werden und nicht dem Belieben des Einzelnen überlassen bleiben, damit der Götzendienst nicht wieder Eingang finde. Wenn wir demnach sehen, wie große und fromme Männer in Israel sich über manche Vorschriften der Thora hinwegsctzten, so müssen wir annehmen, dass sie diese Vorschriften nur als unwesentliche Aeußerlichkeiten, als Mittel, den Götzendienst fern zu halten, nicht abcr als Selbstzweck betrachteten. So erlaubten sie sich öfters, an verschiedenen Orten Opfer darzubringen, gegen das ausdrückliche Gebot der Thora, nur an einem Orte darzubringen. Ja die Thora selbst widersprach sich gewissermaßen, indem sie gebot, am Berge Ebal einen Altar zu errichten und Opfer darzubringen (5 M. 27, 5), was auch Josua aussührte. (Jos. 8, 31.) Gideon erbaut auf seiner Besitzung einen Opferaltar (Richter 6, 24). Zu Manoach sagt der Engel: Wenn Du ein Ganzopfer darbringen willst, so bringe es Gott dar. (8e. nicht mir). Manoach war noch dazu aus dem Stamme Dan, also kein Priester. Samuel brachte ein Opfer in Mizpa dar, ebenso in Bethlehem. Wir sehen also, dass die Alten keinen Anstand nahmen, außerhalb des Heiligthums Opfer darzubringeu, obwohl die Thora es verbietet. Die talmudischen Weisen haben dafür gezwungene Erklärungen gegeben, die aber unhaltbar sind. So oft nämlich in der heiligen Schrift von Propheten oder sonst frommen Männern berichtet wird, sie hätten etwas gethan, was die Thora verbietet, sagen sie, sie hätten nach einem Ausnahmegesetz gehandelt. Aber den Grund für ein solches Ausnahmegesetz suchen wir manchmal vergebens. Gideon bringt einen dem Götzendienst geweihten Stier Gott dar und benutzt dazu das Holz des umgehauenen Götzenbaumes, der Aschera. Das ist durchaus gegen das Gesetz. Nun soll es Gideon auf ausdrücklichen Befehl Gottes gethan haben. Gideon wäre allerdings dadurch gerechtfertigt. Aber wozu hat denn Gott etwas befohlen, was gegen sein eigenes Gesetz verstößt? Musste gerade der Stier geopfert werden, welcher dem Götzen geweiht war? 3 Und gab es kein anderes Holz als gerade das der Aschera? Aber 8 * die Wahrheit ist, dass die Alten auf Aeußerlichkeiten nichts \ gaben, sie waren nur Mittel zum Zwecke, und bei echtem, frommen: Sinn galt ihnen ein Opfer, Gott dargebracht, immer 1 als Gott gefällig, wo und wie es auch immer dargebracht werden mochte. Für die beständigen Opfer galt allerdings das Gesetz der Thora, aber bei gelegentlichen Opfern galt nur der fromme Zweck, nicht aber die rein äußerlichen Bestimmungen. Vielleicht ' hat man die Worte der Thora 2 M. 20, 24 so verstanden: 1 Einen Opferaltar darf man überall errichten, überall werde 1 Gott hinkommen und seinen Segen geben, wenn man ihm zu Ehren Opfer darbringt. Nur die beständigen Nationalopfer sollten nur im Nationalheiligthum dargebracht werden, um die Einheit der Nation und die Reinheit des Cnltus zu wahren. So ist cs zweifellos, dass man nach Theilung des Reiches im Zehnstämmereich Privataltäre baute und Gott zu Ehren darauf opferte, ohne dass die Propheten es mißbilligten. Daher konnte der für Gott eifernde Prophet Elias die Klage erheben, man habe Gottes Altäre unter Achab niedergeriffen und seine Propheten getödtet. (1 Könige 19,10.) Bei guter, frommer Gesinnung dürste man vom Wortlaut der Thora abweichen und 8 Gott auch auf andere Weise dienen, als die Thora scheinbar I vorgeschrieben hat. I Zu den Formen der Gottesverehrung gehörte auch das 3 Gelübde. Ein Beispiel sonderbarster Art ist uns im Gelübde 8 des Jiphtach (Jephta) überliefert worden. Dieser Held nämlich 8 gelobte, im Falle eines Sieges über die Ammoniter jeden, der 8 zuerst aus seinem Hause ihm eutgegenkommen würde, als Ganz- I opser dem Ewigen darzubringen. Er kehrte als Sieger heim, 1 und seine einzige Tochter kam ihm zuerst entgegen. Wer kann den Jammer des unglücklichen Vaters schildern? Aber sein Gelübde hat er gehalten. Man muß also zu dieser Zeit die Menschenopfer als ein Gott wohlgefälliges Werk betrachtet haben. Die Thora hat diesen grausamen Glauben aus Israels Mitte nicht ausrotten können. Sie hat den Molochdienst streng I verboten, sie hat beständige Thieropfer angeorduet, sie hat wohl I entgegen der heidnischen Sitte, die Erstgeborenen zu opfern, 8 deren. Auslösung besohlen — aber die heidnische Anschauung 8 blieb doch unter dem Volke verbreitet, sodass sich Keiner fand, 3 der dem Jiphtach beibringen konnte, dass er sein Gelübde 8 durchaus nicht halten dürfe, dass ein Menschenopfer in den 8 Augen Gottes ein Greuel wäre. Außerdem sehen wir daraus, § dass die talmudische Bestimmung, dass man unter Umständen 8 seines Gelübdes entbunden werden darf, damals noch unbekannt 8 war, ein Umstand, der uns auch bei der Geschichte der Gibeoniten 3 begegnete, indem Josua den ihnen geleisteten Schwur für heilig I hielt, obwohl die Gibeoniten ihn belogen haben. 3 _ (Fortsetzung folgt.) I Schriftstücke aus vormärzlicher Zeit?) Von Dr. Adolf Bruckx, Rabbiner und Prediger in Brüx. Es ist allgemein bekannt, dass die Lage der Juden in vormärzlicher Zeit in Oesterreich eine Kette von Plackereien, Zurücksetzungen und Beschränkungen bildete; die genauen Einzelnheiten aber finden sich nur in Schriften und Werken, die heute *) Ich verdanke dieselben der Liebenswürdigkeit des Herrn Nathan Hirsch ans Brüx.