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Die Wahrheit · 1899-02-06 · Heft 9 (6.2.1899) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 9 (6.2.1899)
Date
1899-02-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 9. Mi } Ä' ^: Die 1 erwecken, sondern auch wohlthätig auf die übrigen Cultus* ' gemeinden einwirken, die nur einer zielbewussten Führung! bedürfen, um die ihnen innewohnenden Lebenskräfte nach verschiedenen Richtungen zu bethätigen. Wochenschau. Die „Gesellschaft für Sammlung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthnms" in Wien versendet eine Mittheilung, dass in Folge „plötzlich e i n g e t r e t e n e r Hinderuiße" der für Donnerstag den 2. März, im kleinen Musikvereinssaale anberaumte musikalische Vortragsabend nicht stattfinden könne. Es ist im Allgemeinen nichts Ungewöhnliches, dass musikalische Soireen, Concerte und dergleichen künstlerische Veranstaltungen in Folge plötzlich eingetretener Indisposition eines der mitwirkenden Kräfte abgesagt werden, aber die „Hinderniße", welche diesen Vortragsabend unmöglich machten, sind so absonderlicher Natur, dass sie die öffentliche Kritik geradezu herausfordern. Man höre und staune! Das Curatorinm der Gesellschaft hat aus leicht begreiflichen Gründen ausschließlich jüdische Kuustkräfte zur Mitwirkung eingeladen und sicherlich war sich jeder derselben schon bei Ertheilung der Zusage darüber klar, dass die Veranstaltung für eine jüdische Institution arrangirt wird. Im letzten Momente beliebte es aber einem der Künstter, dem bekannten Cellisten. Professor D. Popper aus Budapest, die ertheilte Zusage zurückznziehen, weil er, wie unser Gewährsmann uns mittheilte, bei einem ausschließlich jüdischen Concerte nicht Mitwirken könne. Und gleichzeitig lvusste er auch den Herrn Professor Ignaz Brüll zur Absage zu bestimmen, so dass der projectirte Vortragsabend vereitelt wurde. Es ist fürwahr unerhört: Ein Jude nimmt Anstand, in einem zu Gunsten einer jüdischen Institution veranstalteten Concerte mitzuwirken! Als die Wiener Antisemiten bei einem projectirteu Concerte der Philharmoniker im Rathhause an dem Dirigenten Mahler Anstoß nahmen, weil er von jüdischen Ellern abstamme, ging ein Ruf der Entrüstung durch die ganze Künstlerwelt; welch' vernichtendes Urtheil muß aber die öffentliche Meinung über einen Mann fällen, der trotzdem er noch Jude ist. feinen Glaubensgenossen gegenüber eine solche Mißachtung bezeugt. Möge Herr David Popper nur dorthin gehen, wohin ihn sein Herz zieht, wir Juden werden solcher Männer leicht entrathen können! Statt des erwarteten Gewinnes hat die Gesellschaft nunmehr einen beträchtlichen Schaden, aber die Schuld trifft znm Theile auch das Curatorinm. Zunächst war es seine Pflicht, sich die Männer, die es zur Mitwirkung einlud, etwas genauer zu betrachten, und dann musste es, wenn schon Einer oder der Andere absagte, rechtzeitig für einen entsprechenden Ersatz Sorge tragen. Gott fei Dank haben wir noch genug ausgezeichnete jüdische Künstler, und das Publicum hätte, selbst bei geringerer Qualität der gebotenen künstlerischen Leistungen, jenen Männern doppelten Dank gewusst, die sich nicht schämen, ihr Judenthum offen zu bekennen. Der bekannte humanitäre Verein „Leopoldstäder Kinderschuh" veranstaltete jüngst ein Costümfest, das entsprechend der überwiegenden Mehrzahl seiner Mitglieder fast nur von Juden besucht war. Trotzdem hatte eine jüdische Dame die Geschmacklosigkeit, sich als „Christkindl" zu costümiren und mit einem Christbaume in der Hand im Ballsaale zu erscheinen. Wenn schon diese Geschmacklosigkeit an und für sich manche abfällige Aeußerung provocirte, so ist noch mehr das Ballcomiw zu tadeln, welches die Taktlosigkeit begieng, beim Einzuge der Costümgruppen in den Ballsaal das jüdische „Christkindl" an die Spitze zu stellen. Wir können doch iiid)t annehmen, dass damit der interconfessionellen humanitären Thätigkeit des Vereines Ausdruck geliehen werden sollte, oder dass etwa für die erwartete Protectorin, Frau Gräfin Kielmannsegg, auf diese Weise eine Ovation geplant war. Die Protectorin, die ihrheit. ' trotz ihrer interconfessionellen Humanitären Thätigkeit stets die I! größte Pietät für ihre Religion bewahrt hat. Hütte als Christin > darin eher eine Profanation ihres Glaubens erblickt und an I dem sinnlosen Einfall ebensowenig Geschmack gefunden, wie die I zahlreichen jüdischen Gäste! In Zukunft möge das Comite etwas I sh vorsichtiger sein, sonst könnte der Verein leicht viele Gönner I oi abstoßen, was im Interesse seiner Humanitären Thätigkeit gewiss I zu bedauern wäre. I Ad vocem ,,Zur Bekämpfung des Wanderbettels" l jl registriren wir ein Schreiben des bekannten Social-Reformers. > h- Pastor von Bodelschwinh in Elberfeld, an einen Israeliten in I | Nürnberg. In demselben wünscht er an den Grenzstationen I .. eine Art von Arbeitshäusern und Colonien errichtet, damit die I ' jüdischen Auswanderer, die nicht arbeitsscheu sind, Gelegenheit I " hätten, aus eigenen Füßen stehend, ihre Existenz neuerdings be- I gründen zu können, ohne auf den beschämenden, das Selbewnsstsein l untergrabenden Bettel angewiesen zu sein. Aus diesem Grunde « erklärt sich Pastor Bodelschwingh auch gegen die Asyle für l Obdachlose in den allgemeinen Arbeitshäusern, da auf die Confes- I? sion der Einzelnen nicht Rücksicht genommen werden kann. I Hier bietet sich für den Gemeindebnnd ein ergiebiges Feld der I ' gemeinnützigen Thätigkeit, zumal wenn man berücksichtigt, wie I £ große Summen alljährlich zum Fenster hinausgeschleudert « werden, um den ambulanten Bettel mit Fahrkarten, Logis und > Kost zu versorgen. » j In jüngster Zeit geht eine mächtige Bewegung durch die I deutsche Judenheit, welche darauf abzielt, das Heer der Armen I . zur Bodencnltur abzuleiten. Natürlich ist dies nicht nach dem I Geschmacke der Antisemiten und sie beeilen sich, den zu diesem I j Zwecke gebildeten Vereinen geheime Zwecke zu unterschieben. I j Wie unangenehm den Antisemiten der Nachweis ist, dass die > Juden auch als Bauern sich bewähren, kann man übrigens an l; ihrem Verhalten gegenüber der Ausstellung der Prodncte der » jüdischen Bauern und Handwerker, die zur Zeit in Frankfurt » stattfindet, sehen. Sie gaben die Parole aus, die dort vor- I geführten Prodncte so schlecht zu machen, als . nur möglich. In | der Voraussicht, dass dies nichts helfen wird, weil die Qualität I der ausgestellten Waaren wirklich eine gute ist, sucht man sich I jetzt damit anszureden, dass die vorgeführten Prodncte gar nicht I von Juden erzeugt seien, denn „der Ackerbau sei ja nun einmal I nicht nach der Inden Geschmack." Zugleich weisen die Antisemiten i auf die Bettelbrief-Industrie in Tiberias und anderen Städten I hin, die die eigentliche Erwerbsquelle der Juden des heiligen I Landes sei. Man kann daraus leicht ersehen, wie peinlich es I ihnen ist, wenn sie wieder einmal den Juden Unlust zum Acker- I bau vorwerfen, durch den Hinweis auf die Erfolge der jüdischen I Bauern im heiligen Lande abgeführt zu werden. In diesem I Sinne arbeiten unsere Brüder in den jüdischen Colonien I Palästinas und anderer Länder für uns alle mit, weil sie zur > Ehre des Jndenthums beitragen. I Bitter ist es, das Brot der eonfessionellen Minorität zu I essen. In Preußen ist nämlich ein Gesetz in Sicht, welches bestim- > men soll, dass der Karfreitag als gesetzlicher Feiertag für das ganze l Gebiet des preußischen Staates anerkannt werde. Darüber ent- » brannte ein heftiger Kampf zwischen den katholischen und pro- I testantischen Blättern. Die ultramontane „Germania" ist damit I unzufrieden. Sie schreibt: I „Die protestantischen Blätter aller Schattierungen, wie I „Post", „Reichsbote", „Nat.-Ztg.", „Krenz-Ztg" bestehen darauf, I dass der Karfreitag als gesetzlicher Feiertag für die ganze Mo- I narchie festgelegt werde. Es zeigt sich hier so recht die Ein- » mütigkeit des Protestantismus, der sonst in allen Farben schillert, > gegen den Katholizismus. All diesen Pressäußerungen gegenüber I constatiereu wir, dass für die Katholiken der Karfreitag nach I der ganzen historisch-liturgischen Entwickelung und dogmatischen I Grundlage, wie kirchenrcchtlichen Bestimmung weder ein gebo- I

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