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Die Wahrheit · 1899-02-06 · Heft 9 (6.2.1899) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 9 (6.2.1899)
Date
1899-02-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaction u. Administration Wien, ll/\, Novaragasse 27. Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. K. k. österr. Postiparcasia. Check-Conto Nr. 846.251. MmMngige Keilschrift für jüöische! Bezugspreis: > Ganzjährig.fl. 6.— Halbjährig .... fl. 3.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig . . . . fl. 5.—! Für Ausland: ji Ganzjährig.12 Mark . ij 6 Rubel oder 16 Frs. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" -g____J7 Erscheint jeden achten Tag. Nr. 9. Wien, 6. Februar 1899. Inhalt: Aus der Wiener Cultusgemeinde. — Wochenschau. — Zur Geschichte der jüdischen Tradition. (Fortsetzung.) — Schriftstücke aus vormärzlicher Zeit. — Die Juden im I848/49er Freiheitskampf. — Mordechai Meisel. — Kalmann's Amerikafahrt. — Bercinsbote. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Der Nihilist. (Fortsetzung.) — Zum 25jähr. Amtsjubiläum des Obercantors Jacobsohn in Leipzig. — Zur Cantorenfrage. (Schluss.) — Feuilleton: Versöhnung. (Fortsetzung.) Aus der Wiener (Lultusgemeinde. „Nur langsam voran!" ist eine alte österreichische Devise, die auch iu der Wiener Cultusgemeinde pietätvolle Beherzigung findet. Mit einer Schwerfälligkeit, die an die selige Postkutsche erinnert und einem wohlorganisirten Gemeindeweseu fremd sein sollte, bewegt sich Alles langsam vorwärts, und während man Zeit und Mühe auf kleinliche Dinge verwendet, werden die großen, wichtigen Fragen des Gemeindelebens auf die lange Bank geschoben.-Heben wir aus den vielen eine heraus: die Armenpflege. Langwierige Berathungen und Enguöten wurden im Vorjahre in dieser Angelegenheit abgehalten, und mit volltönenden Worten hat der Vorstand der Cultusgemeinde in seinem letzten Berichte auf die im Zuge befindliche Reorganisation des Armenwesens hingewiesen, aber bisher ist Alles beim Alten. Die vielen Wohlthätigkeitsvereine in Wien ersticken die wahre Wohlthätigkeit, bemerkte letzthin ein ausgezeichneter Kenner der Wiener Verhältniße, und es liegt viel Wahrheit in diesem scheinbar paradoxen Worte. So löblich all diese Einrichtungen sind, erfüllen sie dennoch nicht ihren eigentlichen Zweck, da sie wohl das professionelle Schuorrerthum großziehen, aber nicht geeignet sind, das factisch immer zunehmende Elend in den unteren jüdischen Volksschichten zu lindern. Was könnte Alles bei einheitlicher Organisation der Armenpfiege geleistet werden! Freilich müssten die veralteten Bahnen verlassen und mit neuen Mitteln den Bedürfnißen des practischen Lebens entsprochen werden. Mit berechtigtem Neide müssen wir auf die zielbewusste, philanthropische Thätigkeit der Deutschen Judenheit blicken. In richtiger Erkenntnis wird dort das Hauptgewicht nicht auf die Ertheilung von Almosen gelegt, sondern auf die Zuführung zu dauerndem Erwerb. Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands, Errichtung von Centralstellen für Arbeitsnachweis, Gründung von Arbeitsstätten, das find die Schlagworte, die dem modernen Leben entsprechen und nach ernster, gründlicher Berathung rasche Ausführung finden. Die größten und kleinsten Gemeinden gehen Hand in Hand und das ersprießliche Zusammenwirken vermittelt der Deutsch-israelitische Gemeindebund. Gemeindebund! Auch in Oesterreich haben wir eine derartige Institution, aber es mag gewiss noch lange dauern, bis er ein Lebenszeichen von sich geben wird. Dieser lange Werdeprocess verleitet fast zu dem Glauben, als ob Diejenigen Recht behalten sollten, die dem österr. Gemeindebunde die Existenzberechtigung abgesprochen haben. Wohl wurde uns jüngst bedeutet, dass der Gemeindebund bereits lebe und im Stillen eine eifrige Thätigkeit entwickle; aber ein solcher Bund darf nicht im Verborgenen blühen, sein Wirken und Schaffen muß so oft als möglich der Oeffentlichkeit vor Augen geführt werden, dann wird es ihm auch rascher gelingen, Gemeinden und Private zu zahlreichem Beitritte zu bewegen. Also heraus mit ihm, bevor er im Dunklen das Augenlicht verliert und ihm in der Kellerluft der schwache Lebensodem ausgeht. In diesem langsamen Tempo geht es bei Allem und Jedem, und wenn wir nach den Ursachen dieser bedauerlichen Erscheinung forschen, so finden wir sie darin, dass der Vorstand der Cultusgemeinde Alles in seine Machtsphäre zu ziehen sucht und die einzelnen Mitglieder im Schoße desselben sich allzuviel Agenden aufbürden. Was Wunder, wenn nicht einmal ihre physische Kraft zur Bewältigung derselben ausreicht, abgesehen davon, dass sie oft auch Dinge übernehmen, die ihnen vollkommen ferne liegen. Mit diesem System muß gebrochen werden. Arbeitstheilung ist in wichtiges modernes Wirthschaftsprincip, das auch in der Verwaltung der Wiener Cultusgemeinde Berücksichtigung finden soll. Dann wird es möglich sein, mit Hinzuziehung bewährter Kräfte aus dem Kreise der Gemeindemitglieder, alle jene Fragen einer raschen und gedeihlichen Lösung zuznführen, die schon lange ihrer Erledigung harren. Ein frischer, moderner Zug muß in die Wiener Cultusgemeinde eindringen, und er wird nicht nur hier zu neuem Leben

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