Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1899-02-26 · Heft 8 (26.2.1899) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 8 (26.2.1899)
Date
1899-02-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3062973-3062981--00135-3066621
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 14. „Beilage: Gesterreichisch-ungarische Lantoren-Aeitung." Nr. 8. wie nöthig es sei, für die Erhaltung der traditionellen Weisen mannhaft einzutreten. Es sind geistige Kämpfe, die man np^nö ODV DuSnennen kann. Jedoch nicht eine gehässige Bekämpfung der Ansichten ist dabei fördernd, sondern jeder suche, wenn auch auf verschiedenen Wegen, zur Erreichung des Zieles thätig zu sein. Es steht fest, dass der alte Synagogengesang einen integrierenden und umfangreichen Theil von Anfang an beim Gottesdienste bildete. Mit der öffentlichen Gottesverehrung beginnt auch die Geschichte des religiösen Gesanges, und sicherlich hat sich das Chasonut aus dem Wechselgesang herausgebildet. Die liturgische Vortragsweise des Cantors ist ein Theil des liturgischen Gesanges, der für sich allein unselbständig ist und der Ergänzung seitens der Gemeinde oder des dieselbe vertretenden Chores bedarf, also die unmittelbare Verbindung zwischen Chasan und Kahal. Mit dem Verfall des Gottesdienstes war auch die geordnete Mitthätigkeit der Gemeinde auf ein Minimum herabgesunken und üppig sprossten die Disteln am Gottestempel, wenn auch bedeutende Rabbinen den Garten hegen und pflegen wollten und mahnend und warnend gegen die seltsamen Auswüchse ihre Stimme erhoben. Israel war aber in keinem Jahrhundert verwaist. Es erstand ein Mann, fest entschlossen, Wandel zu schaffen, und versuchsweise legte er einige Körner zu Boden, die Wurzel schlugen und aufschoßen. Seine Mühe war nicht vergeblich gewesen. Altmeister Sulzer knüpfte wieder an den alten Brauch an und verhalf durch seine zahllosen Schüler, die mit dem Schir-Zion gleich einem Panier in Israel Begeisterung hervorriefen, dem traditionellen Gesänge wieder zu seinem Rechte. Doch mit Stnmpf und Stiel war das Unkraut nicht weggeschafft, andere Disteln wuchsen nach; in den verborgensten Winkeln wucherten sie und bedecken noch heute so manche Flur in Israel. Wie viele gibt es noch, welche dem geheiligten Gesänge jegliche Existenzberechtigung absprechen, die Gemeinde zur gottesdienstlichen Passivität verurtheilen und so das Gepräge des charakteristischen jüdischen Gottesdienstes verwischen. Unser Cultus verlangt aber ein Mitthun der Gemeinde, und erfreulich ist es, dass in vielen deutschen Gemeinden der Gemeindegesang eine bleibende Stätte gefunden hat. Einen Erkolg kann man aber nur dort erwarten, wo der Cantor nicht nur musikalisches Wissen besitzt, sondern auch aus den Quellen unserer heiligen Schriften schöpft und beseelt und begeistert wird von der großen Vergangenheit unseres Stammes. Der Menagen oder Bal-Teffillah allein wird kaum vom Herzen zum Herzen sprechen, wenn er nicht durchdrungen ist von der Schönheit der heiligen Sprache, der Grundfeste unseres väterlichen Erbes. Schon Herder sagt: „Die hebräische Sprache ist die Sprache des Gebetes, sie ist eine wahre Sprache der Seele, sie allein vermag, die echten und reinen Gefühle der Andacht zu wecken und sie in entsprechenden Ausdrücken zu geben." Es ist daher nothwendig, dass die Cantoratscandidaten das, was sie vorbeten, auch gründlich und sprachlich verstehen, dass sie nicht blos Worte hersagen. Töne und Klänge vernehmen lassen, ohne dabei etwas zu fühlen oder zu denken. Auch die Gemeinde muß in dieser hehren Sprache ihre Thätigkeit im Wege des Gesanges äußern, ohne den musikalisch-ästhetischen Kunstgesang verdrängen zu wollen. Das Cantorrecitativ muß der Tradition entsprechen, ohne Rücksichtnahme, ob die geschichtliche Vergangenheit genügende Anhaltspunkte für dasselbe bietet oder nicht. Bezüglich des Wechselgesanges wahren wir den Standpunkt zwischen Chasan und Kahal, den wir mit der Bezeichnung ^oosutuo, d. h. die Sangestveise .des^ Vyrbeters, und Concentus Gesangesweise der Gemeinde, bezeichnen möchten. Im Accentus ist der Ton dem Wort untergeordnet, die. Textdeclamation ist hier das erste Princip. Im OouosutuZ hingegen ist das leicht fassliche musikalische Element vorherrschend. Darum muß der Vorbeter die Wiedergabe der einzelnen Worte,, wie der Wortfügung zu Sätzen und der Satzfügung zu Perioden klar zur Darstellung bringen: denn die Sprachregeln gelten viel mehr als überflüssiger Melodienreichthum. Man hüte sich vor falscher Verbindung getrennt zu sprechender Worte, aber auch vor unrichtiger Trennung zusammengehöriger Worte durch Athemholen. Man mache die Pausen bei wirklichen Ruhepnnkten, und nicht da, wo der Zusammenhang zerrissen würde. Die Recitative des Vorbeters sind meiner Ansicht ihrem Ursprünge und Wesen nach nicht für die Harmonie berechnet, also auch nicht für die Begleitung durch die Orgel; es ist ästhetisch unrichtig, den Vorbeter ununterbrochen mit der Orgel, zu begleiten, weil dadurch dem freien Recitativ Fesseln angelegt werden. Der Begleitung der Gemeinde- und Chorgesänge steht nichts entgegen, sie ist vielmehr wünschenswerth, da das Einfallen der Orgel zum Gesäuge derselben nur von erhebender Wirkung fein kann. Der Organist aber merke sich, er sei um des Gesanges willen da, nicht der Gesang um seines Spieles willen, er bescheide sich nur zu begleiten, wo er gewöhnlich dominieren möchte. Der Organist bedenke, dass er eine Cultushandlung vornimmt, darum muß auch er nach dieser Richtung hin Verständnis dessen erlangen, was wir mit jüdischen Musikstil bezeichnen möchten. Diese Vorbildung ist nicht blos wünschenswerth, sondern erforderlich, wo der Organist in einer Synagoge thätig sein soll. _ Verschiedene Nachrichten. Frankfurt a. M. Die Tochter unseres Obercantors, Fräulein Franziska Großkopf, gastirt gegenwärtig am „Neuen Theater" zu Duisburg, woselbst ihr Bruder als Kapellmeister angestellt ist. Die Duisburger Volkszcitung" schreibt über dieses Gastspiel folgendes.: „In der gestrigen zweiten Aufführung der Millöcker'schen Operette, „Der arme Jonathan", gastirte Fräulein Franziska Großkopf als Harriet. Die im Allgemeinen sehr befriedigende Ausführung gewann dadurch ein besonderes Interesse. Harriet ist eine Studentin, die ihr Doctorexamen mit Glanz bestanden hat, nun aber auf den Rath des Impresario Quickly Sängerin wird. Für eine solche Rolle wünscht man natürlich der Vertreterin nicht mit Unrecht eine „prächtige Stimme" nachgerühmt. Eine solche besitzt Fräulein Großkopf. In ihrer Stimme liegt in der That „viel Metall", sie hat einen sehr angenehmen, jugendfrischen Timbre, ist in den verschiedenen Registern bereits gut ausausgeglichen, intonirt rein und schlägt ungemein leicht an. Besonders glanzvoll waren die Töne der höheren Lage; nach ihrer charakteristischen Färbung zu urtheilen, müsste Fräulein Großkopf sich ausgezeichnet im jugendlich dramatischen Fache bewähren. Darauf weist auch ihr fein gemessenes Spiel hin, das große Gestaltungsgabe verräth. Die junge Sängerin wurde durch reichen Beifall und verschiedene Blumenspenden geehrt. Wir wünschen ihr zu ihrer künstlerischen Laufbahn viel Glück, und bei gutem Fleiß dürfte es Fräulein Großkopf, die Schwester des Kapellmeisters des „Neuen Theaters" schon weit bringen." Iagerndorf. Unser allgemein beliebter und verdienstvoller Cantor, Herr S. Grünblatt, begeht am 1. März das seltene Fest der 30jährigen Thätigkeit in unserer Gemeinde. Gewiss ein schönes Zeugnis für den Jubilar, wie nicht minder für unsere Gemeinde, in der er während dieser langen Zeit mit seltenem Eifer und treuer Hingebung sein schweres Amt zur größten Zufriedenheit der Gemeinde verwaltete. Seine Verdiensteum

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.