Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 8 (26.2.1899)
- Date
- 1899-02-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8. Die tDafyrfyeit. Seite 15. unsere Gemeinde sind wiederholt anerkannt worden. Ist es doch sein Verdienst, hass wir heute einen geregelten und geordneten Gottesdienst haben, der sich eines ehrenvollen Rufes weit über die Grenzen unserer Stadt erfreut, und ihm ist auch die Gründung des freiwilligen Damen- und Herrenchors, der bei unserem Gottesdienste jetzt in ganz hervorragender Weise zur Verherrlichung desselben beiträgt, zu verdanken. Aber nicht nur als Beamter, sondern auch als Mensch von selten biederem Charakter, von bescheidenem, liebenswürdigem Wesen, wusste sich der geachtete Jubilar die volle Sympathie seiner Gemeinde und aller Bürger zu verschaffen. Möge es ihm vergönnt sein, noch recht lange und in ungeschwächter Kraft und Gesundheit wirken und schaffen zu können, zu seiner und unserer aller Freude. Der Nihilist. Ein Zeitroman aus dem russisch-jüdischen Leben Von Moritz Srhrrbel. (Nachdruck verboten.) (6. Fortsetzung.) „Wo? Nun auch dort!" „Und was wäre aus Euch geworden, wenn ich nicht dagewesen wäre?" wandte sie sich dem reichen Kaufmanne zu, der unwillkürlich die Augen Niederschlagen musste vor dem Blicke, den die alte Frau dabei auf ihn richtete. „Was wäre aus Euch geworden, wenn ich nicht dagewesen wäre?" Dieser Hinweis bewirkte eine merkwürdige Wandlung bei Gebhard Wandelowicz. Die Festigkeit seiner Haltung schwand, und halb gebeugt stand der Mann in vollster Lebenskraft vorder Greisin, die ihn mit unsichtbarer Kraft zu erdrücken schien. Ein tiefes Geheimnis waltete über den Beziehungen dieser beiden Menschen. Abergläubische Leute meinten, dass Deborah eine geheime Kraft besitze, vermöge welcher sie den reichen Kaufmann zu, beherrschen vermochte. Dieselben Leute glaubten auch, dass Deborah * durch ihre außerordentliche Frömmigkeit der Wunderthäterei fähig sei. Sie war noch niemals krank gewesen, war in ihrem Alter noch so rüstig wie eine Dreißigjährige — lag hierin nicht schon etwas Wunderbares? Deborah stand Gebhard Wandelowicz verwandtschaftlich nahe. Esther, die Gattin desselben, war ihre Nichte, die schon mit drei Jahren unter die Obhut der Tante gekommen war. Die Mutter Esthers, die einen gewissen Bergmann zum Gatten gehabt, starb frühzeitig, und da Deborah zu jener Zeit bereits Witwe war, so zog sie auf den Wunsch ihres Schwagers in dessen Haus und nahm sich der der Mutter verwaisten Kinder liebevoll an. Sie selbst besaß nur einen einzigen Sohn Jechiel, den sie bald darauf zum Talmudstudium nach Minsk schickte, wo er verblieb und sich später auch verheiratete. Die älteren Kinder ihrer verstorbenen Schwester zerstreuten sich später nach allen Windrichtungen und bewahrten nur eine schwache Erinnerung für ihre Erzieherin, dagegen hing Esther, als das jüngste Kind im Hause, mit dauernder Liebe an ihr. Auch der Vater Esthers verstarb inzwischen, und da die anderen Geschwister alle in der Fremde waren, bewohnte Esther allein mit ihrer Tante, die sie stets mit größter Zärtlichkeit „Muhme Dore" nannte, das geräumige Haus. Esther, die mittlerweile zur statttichen Jungfrau herangewachsen war, war der Abgott ihrer Tante; an ihrer Klugheit ergötzte sich die alternde Frau und in ihrer Schönheit spiegelte sie sich. Ihre Zärtlichkeit kannte keine Grenzen und mit größter Sorgfalt hielt sie jede Gefahr von ihr fern. Auch darüber hatte Deborah mit Adleraugen gewacht, dass Esther trotz ihrer großen, allgemeinen Bildung die strengste religiöse Gläubigkeit bewahrte, und wie sie selbst und ihr ganzes Leben in der Verehrung von Gott und Religion aufgingen, so sollte auch Esther, die sie groß gezogen, in dem echten, alten Judenthume ihren inneren Frieden finden. Es fehlte natülich der einundzwanzigjährigen Esther, die auch eine reiche Mitgift hatte, nicht an Bewerbern; allein, ein Theil derselben war nicht nach ihrem Geschmack, ein anderer nicht nach dem Wunsche Deborahs, die sich dabei in jedem Falle das letzte Wort vorbehielt. Da fügte es sich, dass Esther auf einem Kränzchen einen jungen Mann, namens Wandelowicz, kennen lernte. Er war ein geborener Warschauer uud befand sich in Mitau als Disponent eines großen Holzgeschäftes, dessen Besitzer in Warschau wohnte. Wandelowicz war ein hübscher Mann mit seinen, gewandten Manieren. Er war es, der den Funken der ersten Leidenschaft in dem jungfräulichen Herzen Esthers entzündete. Sie liebte in ihm den Mann der schönen Erscheinung, den Mann, der von Allem so überzeugend zu reden verstand, und dessen Urtheil so klar und treffend war. Auch Wandelowicz fasste für Esther eine tiefe Neigung, und bat um die Erlaubnis, das Bergmann'sche Haus zuweilen aufsuchen zu dürfen. Nicht ohne inneren Zwang wurde ihm dieselbe von Seiten Deborah's ertheilt, da sie gehört hatte, dass der junge Kaufmann höchst unjüdisch lebe und sich über die heiligsten Gebote der Religion leichtsinnig hinwegsetze. Doch Wandelowicz unterließ während der nun folgenden Besuche jede abfällige Aeußerung über religiöse Dinge und brachte es sogar über sich, das Judenthum und seine Lehren mit Eifer zu vertheidigeu. Und als er eines Tages vor die Tante hiutrat und um die Hand ihrer Nichte bat, deren Jawort er bereits besitze, konnte Deborah ihre Einwilligung nicht versagen, da sie die Ueberzeugung gewonnen hatte, dass Estherchen mit aller Leidenschaft an dem Manne hing und nur mit ihm glücklich werden konnte. So fand bald die Hochzeit statt, nachdem Wandelowicz das Geschäft, dem er bisher als Vertreter vorgestanden, an sich gekauft, wozu die Mitgift Esthers benützt wurde; auch deren väterliches Haus ging in sein Eigenthum über. Deborah hatte dasselbe nach der Hochzeit verlassen; sie miethete sich eine vornehme Wohnung, da sie damals noch im Besitze eines größeren Vermögens war. Als aber Wandelowicz sein Ziel erreicht hatte, warf er die Maske der erheuchelten Religiosität ab und lebte so frei und ungläubig wie früher. In der ersten Zeit versuchte Esther dagegen anzukämpfen, aber später gab sie den sophistischen Gründen ihres Gatten nach, und mit tiefem Weh sah Deborah das Unjüdische im Haufe Esthers immer mehr Raum gewinnen, und abgestoßen davon wurden die Besuche Deborahs dort immer seltener, wenn auch die Liebe zu ihrer Nichte an Innigkeit nichts einbüßte. Dreiundzwanzig Jahre sind seit der Verheirathung Esthers hingegangen bis zur Stunde, da wir Deborah in dem Wandelowicz'scheu Hause antreffen. „Es muß irgend etwas Ernstes bei Euch vorgefallen sein, Estherchen, dass Dein Zustand sich verschlimmert hat", sprach I sie zu der Kranken. Wenn auch Deborah sonst das ganze Vertrauen ihres „Estherchen" besaß, so hatte es diese mitunter dennoch für rathsam gehalten, ihr Dinge zu verheimlichen, die in den inneren Familienkreis gehörten, weil sie die Feindschaft zwischen Gatten und Pflegemutter kannte. Aber dem strenge fragenden Blicke der Tante musste Esther jetzt nachgeben und erwiderte auf ihre Frage: „Du hast Recht. Muhme Dore, die Verschlimmernng des Uebels ist durch den Schreck erzeugt, den wir heute wegen unseres Alexander hatten." „Gar nichts kannst Du bei Dir behalten!" sprach Wandelowicz vorwurfsvoll zu seiner Frau. „Du wirst es erleben, dass morgen die Sache der ganzen Stadt publik wird. Jeder Hergelaufenen mußt Du Dein Inneres offenbaren!" „Hergelaufenen?" sagte Derobah in gedehntem Tone, indem sie das von Furchen durchzogene, aber immer noch stark belebte Gesicht dem Sprecher zuwandte. „Seit wann zählt mich Gebhard Wandelowicz zu den Hergelaufenen? Suchen Sie doch nur einmal in Ihrem Gedächtniße nach, Herr Wandelowicz, ob Sie nicht auf einen Tag stoßen, an welchem man Deborah Satrop als den rettenden Engel begrüßte, an welchem man aus Ihrem sonst gottlosen Munde die Worte hörte: „Gott sei Dank, dass sie hier ist!" — Soll ich noch weiter sprechen, stolzer Herr?" - (Forts, folgt.)