Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 8 (26.2.1899)
- Date
- 1899-02-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Oestrrr.-ungar. Cantoren-Zritung. Nr. 8. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit. is. Jahrg. Jur (Lantorenftage. Von einem deutschen Cantor. I. Schon vielfach wurde die Frage aufgeworfen.- „Warum und wodurch der Mangel an geeigneten, guten Cantoren immer fühlbarer werde." Sie wurde gar oft beantwortet, aber nie vollständig gelöst, weil sie eben auf eine große Zahl von Umständen und Mißständen zurückzuführen ist. Letztere offen darzulegen und die Wurzel dieses Uebels, welches in nicht zu ferner Zeit den jüdischen Gottesdienst, der seit.einigen Dezennien allenthalben eine edlere Form angenommen und den Mittelpunkt alles religiösen Fuhlens und Denkens, sowie den Zusammenhalt des Judenthums bildet, gefährdet, unnachsichtig zu erörtern, sei die Aufgabe dieser Zeilen. Es war stets mein Bestreben, dem Aufblühen des jüdischen Cantorenstandes mein Augenmerk znznwenden, und zwar nicht aus egoistischen Gründen, sondern weil ich für die Gesammtheit des Judenthums hierin Heil und Segen erblickte, ebenso wie ich im Niedergang unseres Cultus und seiner Vertreter eine allmähliche Zersetzung der jüdischen Zusammengehörigkeit finde. Der jüdische Volkscharakter hat einen ausgeprägten Sinn für einen schönen und erhebenden Gottesdienst; diesen Sinn zu unterdrücken, ist ein gefährliches Spiel mit der Zukunft unseres Volkes. Aber man sucht absichtlich von gewisser Seite, Aug' und Ohr für die cultuellen Lebensbedürfniße zu schließen und das Publicum nach anderen Dingen hin zu lenken, dasselbe gewissermaßen einzulullen. Krampfhaft sucht man den Schwerpunkt unserer Existenz als Juden nur in dem Religionsunterricht des Heranwachsenden Geschlechtes und in der — Predigt darzustellen und anznpreisen, wobei die Aufgabe unterläuft, das Amt und das Wirken des Cantors in den Augen des Volkes herabzumindern. In natürlicher, hieraus resultirender Folge, ist deshalb ein wirklich gebildeter Cantor manchem Herren Rabbiner unbequem, während nicht selten ein zweifelhaftes Subject für den Cantorposten ihnen um so angenehmer erscheint, da hierdurch das „unerhörte" Ansehen des Cantorats herabgedrückt wird und womöglich in Mißkredit gelangt. Es liegt System in solchen Bestrebungen, die, zur Ehre des ehrwürdigen, von uns gewiss geachteten Rabbinerstandes sei es gesagt, zwar nicht allgemein getheilt werden, aber noch immer oft genug zu Tage treten. Darf man sich da wundern, dass unter solchen Berhältnißen der Mangel an guten, gebildeten Cantoren immer fühlbarer wird? Jede Position unsererseits muß erkämpft werden. Was dem Herrn Rabbiner gleichsam auf dem Präsentirteller entgegengebracht wird und mühelos in den Schooß fällt, wird dem Cantor trotz seiner Mühen und Anstrengungen nur in den seltensten Fällen gewährt; namentlich wenn es sich um Bessergestaltunz seines Einkommens handelt. Im Allgemeinen sind ja die Gehälter der Lehrer und Cultusbeamten ganz jämmerlich, und so mancher arme Schlucker muß mit seiner Familie darben und ist auf Almosen angewiesen, um nur einigermaßen glimpflich durchkommen zu können. In großen Gemeinden ist es nicht viel besser. Abgesehen davon, dass in großen Städten naturgemäß das Leben theuerer, die Verbrauche größer sind, muß dort auch nach anderer Richtung hin selbstredend ein anderer Maßstab angelegt werden. „W i s s e n s ch a f t und Ku n st" sind dort die Bestaudtheile des Gottesdienstes, deren Träger Rabbiner und Cantor sind. In der Kunst kommt es aber nie auf die Quantität, sondern auf die Qualität der Leistungen an, wonach man gebührendermaßen zu honoriren pflegt. Jawohl, auf allen Kunstgebieten, ab.r nicht auf dem des jüdischen Cantors! Freilich ist ja das jüdische Herz so edel, so gut und schwingt sich in unserem erleuchteten Zeitalter so gern zum Wohlthun empor, selbst seinem geliebten Sänger am Tische des Herrn gegenüber, aber — einen ganzen Rock darf er nicht am Leibe tragen. Sind aber, so frage ich, diese Perspectiven vielleicht geeignet, tüchtige Jünger für unsern Beruf zu begeistern? Ich habe reiche Erfahrungen, namentlich aus größeren und großen israel. Gemeinden gesammelt, deren Cultusbeamteu so häufig — aber grundlos — von ihren Collegen in kleineren Berhältnißen beneidet werden. Wenn wir aber das Conto der Zufriedenheit der Cantoren in großen Gemeinden dem so mancher Collegen in kleineren und kleinen gegenüberstellen, so dürfte sich bei den letzteren ein reicher Saldo ergeben. In kleineren Gemeinden können das Talent, die Geistes- und Herzensgaben eines gebildeten Cantors zur Geltung kommen und sein Gemüth beruhigen, seinen berechtigten Ehrgeiz befriedigen — denn es gibt ein noch höheres Streben, als der ausschließliche Gelderwerb, ein edleres Gut als Gold. Aber in großen Gemeinden darf nur der Rabbiner — wenn auch sein musikalisches Verständnis ein mehr als bescheidenes ist — bei Allem die „erste Geige" spielen. Das wird auch im ausgiebigsten Maße von ihm besorgt. Würden dem gebildeten Cantor in großen Gemeinden die Kunst, seine Familie und etwa Freundeskreise nicht zur Seite stehen, seine Tage wäre» nicht die beneidenswerthesten. (Schluss folgt.) Lin Hinweis für den Lultusgefang. W. Tintner, Cantor und Lehrer, Bunzlau (Preußisch-Schlesien). Man sucht in scharfsinnigen Combinationen die Echtheit und Entstehungszeit unserer alten Synagogenweisen darzustellen, und noch immer gehen die Ansichten weit auseinander. Hervorragende Musikhistoriker der alten und neueren Zeit haben trotz emsigen Forschens das Problem nicht zu lösen vermocht, aber dankbar werden wir denjenigen Männern sein, welche ihre Forschungen auf die einzelnen Epochen und das Wesen des liturgischen Gesanges erstrecken, um aus dem tiefen Schacht des Wissens mit der Fackel der Erkenntnis sichere Resultate an's Tageslicht zu fördern. Rühmliche Versuche sind bereits gemacht worden, hoffen wir. dass das Werk gelinge. Für uns aber ist es ein sehr erfreulicher Fortschritt, dass man anfängt einzusehen,