Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 8 (26.2.1899)
- Date
- 1899-02-26
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerte 12. Ne Wahrheit darüber ist hier der Ort nicht — aber jeder Freund des Hebräischen ist dem Herausgeber Dank schuldig für die gebotene Möglichkeit, das überaus große Gebiet der hebräischen Sprachforschung überschauen und das Richtige sich aneignen zu können. Eines müsste noch nachgetragen werden: die Gesetze für die Tonsilbe (Milel und Milra), welche bis jetzt ganz vernach» läffigt blieb, obwohl sehr viele Erscheinungen damit zusammenhängen, worauf schon Raschi so oft aufmerksam macht. Kautsch scheint die Grammatiken von Benseb (namentlich mit den Additamenta von Lebcnsohn), Lerner und dgl. nicht zu kennen, sie könnten ihm gute Dienste leisten. Zum Schulgebrauch ist von dieser Austage im selben Verlage eine kleine Ausgabe (Mk. 3.50) erschienen, welche wir allen Herren Collegen auf's Beste empfehlen können. Rabbiner Dr. I. Kahan. Versöhnung. von Bernhard Lorwenlhal. Dann hatte er sie wieder bei der Hand genommen und ihr tief in die Augen schauend, fuhr er mit leiserer Stimme fort: „Und du Lea, wirst auch Du mir bleiben, was Du mir bis jetzt warst und noch bist, mein Streben, das Ziel meines Lebens?" Das Mädchen konnte sich nicht länger halten, die Thränen wollten sich länger nicht zurückdrängen lassen, „Halte was Dn versprichst dann — ja", hauchte sie und die Hand ihm langsam entziehend, war sie in der nächsten Sekunde enteilt. „Nein, nein," presste sie hervor, es ist nicht wahr, was mau über ihn spricht, es ist gelogen", dann erhob sie sich, um' das Essen auszutragen. Reb Jossef wunderte sich über Lea's resignirtes Wesen, noch mehr aber beunruhigten ihn ihre verweinten Augen. „Warum isst Du nichts mein Kind?" „Ich habe schon vorher gegessen", gebrauchte Lea die Redensart aller Frauen, welche vor Herzenskümmernis keinen Appetit haben. Reb Jossef aber ließ sich nicht täuschen, er sah scharf, doch helfen konnte er hier nicht. Als er, bevor er nach Schul, ging, seine Tochter benschte, floß unbemerkt manche Thräne auf Lea's Scheitel nieder. * * -i- Es war ein graunebliger Morgen, an dem Jösua mit leichter Tasche und schwerem Herzen die Bahnhofshalle am Alexanderplatz verließ. Berlin war ihm keine fremde Stadt, er hatte ja auch Verwandte hier, dennoch kam er sich so verlassen' und vereinsamt vor. Und er hatte Recht, jetzt war er allein. Kein liebendes Mmterauge, nicht des Vaters leitende Hand und der Schwester fürsorgliche Freundschaft waren jetzt bei ihm, nun hieß es beweisen, dass er den rechten Weg gewählt hatte. Und er nahm sich vor, nicht früher etwas von sich hören zu lassen, bis er sein Ziel erreicht hätte. Nachdem er sich in einer billigen Straße eine kleine Mansarde gemiethet hatte, annoncierte er in einer Tageszeitung um Schüler für Clavier- und Geigenunterricht, da er vorläufig durch Studengeben sein Leben fristen wollte. Jetzt galt es zunächst, einen tüchtigen Gesangsmeister zu finden. Ais Capazität wurde ihm Professor Dr. Breitling vorgeschlagen, und zu diesem eilte er hin. Professor Breitling saß am Schreibtisch, als Josua bescheiden aber nicht zaghaft eintrat. Er maß den Ankömmling mit einem forschenden Blick von oben bis unten, dann sagte er freundlich: „Setzen Sie sich junger Manu!" Josua nahm Platz, und nach einer halben Stunde wusste Dr. Breitling eine Geschichte, wie sie in der Welt zu Hunderten alle Tage passieren. Josua hatte ihm alles erzählt. „Lieber Freund", sprach der Professor mit einer beruhigenden Handbewegung, „das Beste ist, Sie setzen sich heute oder morgen auf die Bahn und fahren nach Hause." „Das ist nicht so leicht gesagt, Herr Professor, ich will ja Säuger werden!" Nr. 8. Sie haben sich die Sache sicherlich nicht überlegt, es gehört sehr viel dazu, etwas Großes zu leisten!" „Hören Sie mich erst Herr Professor," bat Josua, dem der Gedanke, nach Hause zurückzukehreu, ungeheuerlich erschien, „und dann schicken Sie mich fort, meinetwegen, wohin Sie wollen." Dr. Breitling lächelte. „Na legen Sie los, junger Mann! Was können Sie?" Mit diesen Worten setzte er sich ans Clavier und schlug eine Arie aus Mozart's „Don Juan" an. Josua begann zu singen. Schon nach den ersten Takten blickte der Meister erstaunt zu dem jungen Manne auf, doch als Josua im Verlaufe des Vortrages den ganzen Umfang seiner herrlichen Stimme entwickelte, war der Professor geradezu geblendet. „Sie sind ein gottbegnadeter Mensch!" rief er aus und klappte das Clavier zu, „Sie besitzen ein Capital in Ihrer Stimme, Sie sollen mein Schüler sein!" „Sie schicken mich nicht fort? Ich darf hier bleiben, bei Ihnen lernen? O, wie will ich Ihnen danken, Herr Professor!" In Dr. Breitling hatte Josua einen Lehrer gefunden, der in der musikalischen Welt viel bedeutete. Die erste Stufe war also glücklich erstiegen, und Gott würde ihm auch weiter Helsen. Jetzt aber hieß es lernen, studieren und immer wieder nur studieren. Manchmal packte ihn wohl die Sehnsucht nach den Eltern, nach der Schwester, er überwand aber immer die Schwäche, und wenn er sich vornahm zu schreiben, und schon die Feder in der Hand hielt, um den Eltern ein Lebenszeichen zu geben, . da war es ihm, als rief ihm eine Stimme zu: „Noch nicht, noch ist es nicht Zeit!" Es ging ihm manchmal wirklich schlecht. Seine Schüler musste er auf eine kleine Zahl beschränken, da sein Studium ihm nur wenig Zeit ließ zum Stundengeben, und so blieben oft die Einnahmen hinter den wenn auch ganz geringen Ausgaben zurück. Eines Tages, es war damals, als Baruch ihm unter 'den Linden begegnete, hatte er sogar, um die kleine Miethe bezahlen zu können, seinen besseren Anzug zur Pfandleihe getragen 'und sah nun in dem alten, abgetragenen Nocke wirklich wie ein „verbummeltes Genie" aus. Als Josua Baruch erblickte, wollte er, wie allen Bekannten, auch diesem ausweichen. Ein Kazew aber ist im allgemeinen schon 'nicht sehr gefühlvoll und ganz besonders war es Baruch nicht. „He! Josua, kuck einmal an, wie stolz er ist, guten Tag Josua!" : Hochroth vor Scham, dass gerade Baruch, der wegen seiner verleumderischen Geschwätzigkeit im ganzen Mokim bekannt war, ihn jetzt in seiner defecten Kleidung sehen musste, drehte?Josua sich um nnd erwiderte Baruchs Gruß, indem er ihm die Hand reichte. „Nu, wie geht's Josua?" fragte dieser ironisch. „Man hört und sieht nichts von Dir, wirst Du nicht bald nach Hause kommen auf Besuch? Der Vater möcht sich freuen, er hält große Stücke von Dir!" Jedes Wort des taktlosen Menschen traf den armen Josua Wie ein Keuleuschlag, sein Herz zitterte vor Weh, und bei dem Gedanken an das Vaterhaus kamen ihm die Thräneu in die Augen. Schnell bezwang er sich aber und mit ruhiger Stimme, die Augen zu Boden gesenkt, fragte er leise: „Sind sie gesund zu Hause, ich habe lange keine Nachricht gehabt, was machen die Eltern und Fanny, geht's ihnen gut?" „Spaß eine Frage, der Vater hat sich schon wieder einen neuen Wagen machen lassen, und Du mußt sehen, wie er mit zwei Pferden durch's Mokrm fährt, wie ein Meilech sag' ich Dir, wie ein Meilech. Nu Dir geht's doch auch nicht schlecht, wie ich sehe, wirst Du nicht auch bald als großer Künstler mit der Kutsch' auf Gummirädern fahren? Sie erzählen doch in der Khille, Du wirst Sänger werden."- Josua war ganz zerschmettert, lächelnd antwortete er: „Kann man wissen, vielleicht," dann um dem Gespräch eine andere Wendung zugeben, fragte er mit scheinbar gleichgitiger Stimme: „Wie geht's Reb Jossef?" (Forts, folgt.)